Interview mit Nasser Ahmed und Ulrich Blaschke

Gute Gründe? Warum Nürnbergs SPD das Operninterim außerhalb statt innerhalb der Kongresshalle will

Nuernberg , 20.06.2016..Ressort: Politik Fotografie: Stefan Hippel..Chefredakteuere der Nürnberger Nachrichten , Michael Husarek , Portrait
Michael Husarek

Chefredakteur Nürnberger Nachrichten

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30.11.2021, 12:02 Uhr
Drinnen oder draußen? Ob das Operninterim wirklich in den Innenhof der Kongresshalle kommt, ist für die Nürnberger SPD noch längst nicht entschieden.

Drinnen oder draußen? Ob das Operninterim wirklich in den Innenhof der Kongresshalle kommt, ist für die Nürnberger SPD noch längst nicht entschieden. © Oliver Acker, NNZ

Von Weihnachtsruhe keine Spur: Die Stadtratssitzung am 15. Dezember verspricht Spannung pur. Sollen doch die Weichen für ein Opernhaus-Interim gestellt werden. Gar nicht so einfach, nachdem die SPD sich dem Bündnispartner CSU verweigert und eine Ausweichspielstätte im Innenhof der Kongresshalle ablehnt. Im Doppelinterview erläutern SPD-Chef Nasser Ahmed und das Mitglied der Opernhaus-Kommission, SPD-Stadtrat Ulrich Blaschke, das Nein der SPD.

Die SPD erweckt den Eindruck, beim Thema Opernhaus-Sanierung und Interim auf Zeit zu spielen – zuletzt mit dem Vorschlag, einer Ausweichspielstätte auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände nur im Außenbereich der Kongresshalle zuzustimmen.

Ahmed: Die Nürnberg-SPD will den Opernstandort Nürnberg in der ersten Liga halten. Das gilt auch für das Interim. Wir spielen nicht auf Zeit. Vielmehr hat Nürnberg einen hervorragenden Ruf im Umgang mit dem NS-Erbe. Es ist möglich, auch unter Zeitdruck die Debatte zu führen, wie man an der Kongresshalle ein Interim schaffen und gleichzeitig mit diesem Mahnmal weiterhin richtig umgehen kann. Dazu haben wir einen Debattenbeitrag geleistet.

Die Debatte kann ganze zwei Wochen dauern, dann soll und muss der Stadtrat über das Interim entscheiden. Die Zeit drängt bekanntermaßen...

"Es ist (...) die größere Provokation, das demokratische Kulturhaus draußen vor die Pomp-Fassade zu setzen", sagt Nürnbergs SPD-Chef Nasser Ahmed. © LUDWIG OLAH, NN

Blaschke: Die Entscheidung im Stadtrat am 15. Dezember ist der erste von vielen Schritten. An diesem Tag benötigen wir einen Arbeitsauftrag für die Verwaltung, ob es mit einem privaten Investorenmodell weitergehen soll oder mit einer städtischen Liegenschaft im Umfeld der Kongresshalle. Danach kann eine Prüfung erfolgen, wo die Spielstätte am besten platziert sein soll.

Im Staatstheater schlägt man die Hände über dem Kopf zusammen. Dort herrscht Zeitdruck. Ist das der SPD egal?

Ahmed: Ich stehe im intensiven Austausch mit dem Staatstheater. Uns geht es darum, beides unter einen Hut zu bekommen: Eine Erinnerungskultur der Zukunft mit neuen Leitlinien zu formulieren und gleichzeitig die Kunstform Oper weiterhin in dieser Stadt zu ermöglichen. Da ist in der Vergangenheit einiges versäumt worden...

"Ich glaube nicht, dass die CSU das größte Kulturprojekt in der Geschichte Nürnbergs ohne ihren Kooperationspartner machen möchte", sagt Ulrich Blaschke, der für die SPD in der Opernhaus-Kommission sitzt. © LUDWIG OLAH, NN

...weil die SPD, die zwischen 2002 und 2020 in Nürnberg regiert hat, weitgehend untätig war, trotz alarmierender Botschaften aus dem Theater...

Ahmed: ... Nein, das Vorgehen der jetzigen Kulturbürgermeisterin, die ohne breite Debatte den Standort auf den Innenhof festlegen wollte, das ist das von mir beklagte Versäumnis...

Also kein Versäumnis der Ära Maly?

Blaschke: Es ist nicht ganz fair, wenn man sagen würde, Ulrich Maly und die SPD hätten 18 Jahre nichts getan. Es gab Überlegungen für ein Interim, daraus ist auch die Konzerthaus-Idee entstanden. Der Umbau von einem Opern-Interim in ein Konzerthaus wurde aber verworfen. Dann wurde geprüft, ob die Meistersingerhalle zu nutzen gewesen wäre. Das Staatstheater hat in der Ära Maly an Vorgaben für das Interim gearbeitet, es ist nicht so, dass da nichts geschehen ist.

Kehren wir in die Gegenwart zurück: Ist die SPD nicht Opfer ihrer Altvorderen, die als Strippenzieher aktiv sind und eine Bebauung des Innenhofs um jeden Preis verhindern wollen?

Ahmed: Es gibt diese Stimmen. Als Vorsitzender der SPD möchte ich aber vehement dem Eindruck entgegentreten, dass dies eine Diskussion von gestern ist. Es geht um die Zukunft. Auf unserem Parteiausschuss waren auch viele Jusos dabei. Die Jugend fordert, dass nichts verbaut wird, was künftiger demokratischer Erziehung und Aufklärung zur Verfügung stehen sollte. Uns ist deshalb der Austausch mit denjenigen wichtig, die Hunderttausende von Menschen über das Gelände führen. Im Innenhof der Kongresshalle, so sagen diese Fachleute, spiegelt sich das Versagen der Nazis wider. Der Innenhof ist also problematisch für ein Interim. Es ist auch die größere Provokation, das demokratische Kulturhaus draußen vor die Pomp-Fassade zu setzen. Nicht unbedingt innen, wo wir Schülerinnen und Schülern das Versagen Hitlers vor Augen führen.

Viel Platz nicht nur im Innenhof, sondern auch davor: die Kongresshalle gilt als favorisierter Standort für die Ausweichspielstätte des Opernhauses.

Viel Platz nicht nur im Innenhof, sondern auch davor: die Kongresshalle gilt als favorisierter Standort für die Ausweichspielstätte des Opernhauses. © Stefan Hippel

Warum diese Angst vor einem Interim im Innenhof?

Ahmed: Ich sehe große Potenziale, dass Künstlerinnen und Künstler eine Umwertung der Werte vor Ort schaffen können, wir plädieren aber dafür: Machen Sie es außen! Das ist keine rote Linie, sondern ein Debattenbeitrag der SPD.

Blaschke: Aus diesem Grund wollen wir Planern die Möglichkeit geben, zu überprüfen, wo im Umfeld der Halle ein Interim sinnvoll wäre. Wo ist die demokratische Aneignung am eindrucksvollsten möglich? Die Prüfung kann im Rahmen des ohnehin notwendigen Vergabeverfahrens geschehen. Dann ist das nicht mit Zeitverlust verbunden, so sieht das auch der Baureferent.

Die SPD hat keinen favorisierten Standort?

Blaschke: Nein, stellen Sie sich das vor wie einen Lego-Stein, den Sie einmal außen an der Fassade herumschieben, um zu sehen, wo es passt.

CSU und Grüne haben ihre Prüfung bereits abgeschlossen, sie wollen in den Innenhof. Beide Fraktionen könnten die SPD problemlos überstimmen. Fürchten Sie das?

Blaschke: Ich glaube nicht, dass die CSU das größte Kulturprojekt in der Geschichte Nürnbergs ohne ihren Kooperationspartner machen möchte. Es ist wichtig, interfraktionell eine möglichst breite Basis zu finden. Wenn wir uns im Dezember auf die Kongresshalle einigen, was spricht denn dann dagegen, die genaue Platzierung nach dem Beschluss gemeinsam festzulegen? So ein Projekt mit 36 zu 35 Stimmen durch den Rat bringen zu wollen, täte der Sache nicht gut.

Das gilt wohl auch für die Sanierung der Oper selbst. Da gibt es einen Paradigmenwechsel. Die Grünen rücken etwa davon ab, den Altbau am Richard-Wagner-Platz zu sanieren. Stattdessen solle ein Neubau an diesem Platz ernsthaft geprüft werden. Wie steht die SPD dazu?

Blaschke: Wer als Theater in die Mitte der Gesellschaft will, der muss auch räumlich dort sein. Wir plädieren also klar für den jetzigen Standort in der Stadt. Zum Richard-Wagner-Platz gibt es auch keine Alternative, wo sollte das sein? Nun zum Neubau: Das würde bedeuten, das einzig schöne Gebäude zwischen Hauptbahnhof und Plärrer wegzureißen. Ein solches stadtbildprägendes Denkmal kann man nicht einfach so zur Disposition stellen. Das Gebäude sollte sich aber für die Gesellschaft öffnen. Städtebaulich bleibt der Platz derzeit unter seinen Möglichkeiten, das ist ein Tiefgaragendeckel. Eine Verbindung zwischen Südstadt und Altstadt zu schaffen – das ist die Chance an diesem Platz.

Wirkt auch von oben wuchtig: der Torso der Nürnberger Kongresshalle.

Wirkt auch von oben wuchtig: der Torso der Nürnberger Kongresshalle. © imago images/imagebroker, NNZ

Dann lassen Sie uns noch über das Geld sprechen: Die SPD fordert eine 100-prozentige Finanzierung der Opernsanierung durch den Freistaat. Ist das mehr als eine billige parteipolitische Retourkutsche in Richtung Kulturbürgermeisterin und OB?

Blaschke: Es geht um keine Retourkutsche, sondern darum, dass die Stadt sich dieses Projekt alleine gar nicht leisten kann. Der Freistaat ist mit 50 Prozent in der Stiftung des Staatstheaters vertreten, da muss es doch mehr Mittel geben als anderswo. Und nicht zuletzt lohnt der Blick nach München. Dort plant, baut und betreibt das Land ein komplettes weiteres Konzerthaus, während wir das Konzerthaus in ein Moratorium geschickt haben. Da muss jetzt auch was für Nürnberg kommen...

Ahmed: ... Es ist nun mal so, dass Frau Lehner und Herr König bei der CSU sind. Sie tragen aber auch eine Gesamtverantwortung für die Stadt. Der Stadthaushalt ist enorm angespannt. Trotzdem werden wir die notwendigen Investitionen für Schulen, Kitas und Klimaschutz im kommenden Jahrzehnt schultern. Vor diesem ernsten Hintergrund müssen wir mit Blick auf die Oper differenzieren: Bei den Betriebskosten und der Stadtplanung am Richard-Wagner-Platz werden wir unseren Beitrag leisten, bei den Baukosten können wir uns das hingegen schlicht nicht leisten.

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