Mittwoch, 14.04.2021

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„Ich will die Glatze salonfähig machen“

Die Nürnbergerin Sabine Wirth verzichtet nach Haarausfall auf eine Perücke - 24.11.2014 20:50 Uhr

Ob in der Innenstadt oder am Wöhrder See: Überall wird Sabine Wirth von neugierigen Blicken verfolgt. Manchmal bekommt sie Komplimente, oft sind die Reaktionen sehr unbeholfen.

24.11.2014 © Foto: Michael Matejka


Seit einem Jahr hat Sabine Wirth eine Glatze. Und sie steht dazu. In den ersten Wochen war das anders, da hat sie viel geweint. Und sich Perücken gekauft. Drei Stück, immer teurere Exemplare. Aber sie halfen ihr nicht weiter. „Ich habe mich damit scheiße gefühlt. Das war nicht ich, sondern eine schlechte Kopie meiner selbst. Mein Lachen war weg“, erinnert sie sich. „Es hat sich auch unangenehm angefühlt. Außerdem habe ich mir gedacht: Was ist, wenn ich mit Perücke einen Mann kennenlerne – dem muss ich das ja irgendwann sagen . . .“

Alopecia Universalis, so lautet der Fachbegriff für den Verlust aller Körperhaare. Ursache ist eine Autoimmunreaktion, bei der oft Vererbung eine Rolle spielt. Eine psychische Belastung kann auch zum Auslöser werden. „Bei mir war es wohl eine Medikamentenunverträglichkeit, verbunden mit dem Stress, den ich wegen einer Knieoperation hatte“, erzählt Sabine Wirth. „Meine Mutter hat auch Alopecia, bei ihr kam es in der Schwangerschaft.“

Von einer Krankheit will sie eigentlich nicht sprechen. Sie hat keine Schmerzen, braucht keine Medikamente, es ist nur eine optische Abweichung von der Norm. Was aber auch belastend sein kann. „Seit einem Jahr werde ich mit der immer gleichen Frage genervt: ob ich Krebs habe.“ Spott gibt es selten und trifft sie nicht – aber unbeholfene Mitleidsbekundungen schmerzen. „Mir tun die Menschen leid, die wirklich Krebs haben“, sagt Sabine Wirth. „Die wollen doch nicht dauernd hören, wie schrecklich ihre Krankheit ist, die brauchen aufmunternde Worte.“

Kaum jemand scheint zu wissen, dass es diese Form von Haarausfall gibt. „Dabei habe ich inzwischen etliche betroffene Frauen kennengelernt. Die meisten verstecken es aber.“ Auch Sabine Wirth wollte ihre Glatze verbergen. „Aber als ich meinem besten Freund erzählt habe, was mich alles an der Perücke stört, sagte er: Willst du überhaupt eine tragen? Da hab’ ich erstmal große Augen gemacht“, erzählt sie und lacht.

Sabine Wirth lacht gerne, und dann funkeln ihre Augen fröhlich. Sie ist eine attraktive Frau mit einer ungemein positiven Ausstrahlung, eine starke Persönlichkeit. Das muss sie auch sein, denn die Reaktionen auf der Straße sind nicht immer lustig. „Wie ein Alien werde ich manchmal angeschaut.“ Die Leute reimen sich die wildesten Theorien zusammen, warum eine Frau eine Glatze haben könnte. Auf Haarausfall kommen wenige. Ansonsten sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. „Manche fragen mich, ob ich eine Lesbe oder eine Domina bin. Oder sie denken, ich will einfach provozieren. Auf dem Lande hält man mich manchmal für rechtsradikal.“ Weil bekannt ist, dass bei Stress Haare ausfallen können, denkt auch so mancher, dass sie so hart schuften musste, bis ihr letztes Haar im Büro blieb. Offenbar brauchen viele eine Schublade, um den ungewohnten Anblick einzusortieren. Dann herrscht wieder Ordnung. Deshalb gibt es aus dieser Schublade oft kein Entkommen. Sabine Wirth erinnert sich an eine Frau, die überzeugt war, es müsse sich bei ihr um eine Krebskranke handeln. Die Fröhlichkeit der 34-Jährigen passte zwar nicht ins Bild. Doch statt das eigene Urteil zu hinterfragen, suchte die Frau den Fehler bei Sabine Wirth und machte ihr einen Vorwurf: „Sie machen aus Ihrer Krankheit eine Party!“

Und wenn schon: Lachen ist die beste Medizin. Tatsächlich hat Sabine Wirth den Abschied von ihren letzten Haaren mit einer „Glatzenparty“ gefeiert. Als die Frisur schon sehr schütter war, lud sie ihre Freundinnen ein. „Wir haben uns ein bisschen Mut angetrunken, und dann wurde mir der Kopf geschoren. Erst als alles ab war, durfte ich in den Spiegel schauen . . . es war eine Befreiung“, erinnert sie sich. „Und jetzt gehen wir aus, haben meine Freundinnen gesagt. Also haben wir uns aufgebrezelt und sind in die Soundbar Mitte gegangen. Es war ein toller Abend.“

Überhaupt, das darf man nicht vergessen: Es gibt neben den hässlichen Erlebnissen immer wieder auch positive Reaktionen. Je jünger die Leute und je größer die Städte, desto öfter bekommt sie Komplimente. „Meine Freunde und Kollegen haben mich sehr unterstützt, auch meine Nachbarschaft hat goldig reagiert. Ich kenne jetzt eine Frau, die ganz in der Nähe wohnt und den gleichen Haarausfall hat – sie trägt aber eine Perücke.“

Feuertaufe zum Weihnachtsfest

„Seit letztem November habe ich die Glatze, es ist auch nichts mehr nachgewachsen. Vor Weihnachten sagten meine Eltern dann, dass ich beim Familienfest mit der Verwandtschaft doch bitte eine Perücke tragen soll.“ Sie hat darüber nachgedacht, das ungeliebte Ding aufgesetzt – aber da war das Lachen wieder weg. Also kam sie „oben ohne“ zum Weihnachtsfest. Der Kommentar ihres Vaters: „Also ich muss scho’ sagen, a fesches Madla bist’ immer noch!“

Im Laufe des ersten Jahres ohne Haare ist Sabine Wirth sehr selbstbewusst geworden. „Meine Freunde sagen auch, dass ich mehr in mir ruhe als früher.“ Ausruhen will sie sich jetzt aber nicht – sondern anderen Frauen Mut machen, sich auch so zu zeigen. „Mein Ziel ist es, die Glatze salonfähig zu machen!“

Im Internet steht sie durch eine Facebook-Gruppe in Kontakt mit vielen betroffenen Frauen, die sich gegenseitig aufmuntern und Tipps geben. Auch in ihrem Nebenjob engagiert sie sich für dieses Thema. Sie hat zwar eine Bankausbildung gemacht und arbeitet Vollzeit im Vertriebsinnendienst – aber Sabine Wirth pflegt nebenbei ihre soziale Ader. Früher war sie Schülercoach für sozial benachteiligte Jugendliche, seit zwei Jahren bietet sie ihre Dienste als zertifizierte psychologische Beraterin an. Für Menschen in Lebenskrisen – und seit einem Jahr auch speziell für Frauen mit Haarausfall.

Sie kennt viele Frauen, die trotz oder gerade wegen ihrer Perücke unglücklich sind. Die auf sehr vieles verzichten, sogar darauf, andere zu umarmen – aus Angst, dass ihr Versteckspiel auffliegt. Weil aber Angst nicht attraktiv macht, empfiehlt Sabine Wirth einen anderen Weg. Mut steht ihr gut.

Erik Stecher

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