Basketball-Länderspiel in Nürnberg

"Jedes erfolgreiche Team hat eine Identität": Bundestrainer Gordon Herbert im Interview

RESSORT: Lokales / Sonstiges..DATUM: 28.09.16..FOTO: Michael Matejka MOTIV: Mitarbeiterporträt / Mitarbeiterportrait - Sportredakteur Sebastian Gloser ANZAHL: 1 von 1..Veröffentlichung nur nach vorheriger Vereinbarung
Sebastian Gloser

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8.11.2021, 14:39 Uhr
"Es wird schwierig, eine Identität in zweieinhalb Tagen zu etablieren, aber wir müssen es versuchen", sagt Gordon Herbert mit Blick auf sein erstes Länderspiel als deutscher Bundestrainer. Die Ränge der Kia Metropol Arena sollen dann möglichst voll sein.

© Wolfgang Zink "Es wird schwierig, eine Identität in zweieinhalb Tagen zu etablieren, aber wir müssen es versuchen", sagt Gordon Herbert mit Blick auf sein erstes Länderspiel als deutscher Bundestrainer. Die Ränge der Kia Metropol Arena sollen dann möglichst voll sein.

In Deutschland kennt sich Gordon Herbert bestens aus, Nürnberg ist allerdings Neuland für ihn. Bevor er im Oktober das Amt des Bundestrainers übernommen hat, war der Kanadier lange Zeit Trainer von Bundesligist Frankfurt, den Zweitligastandort Nürnberg hat er nur als Autobahnabfahrt wahrgenommen. Am 25. November (19 Uhr) tritt er hier nun aber in der Kia Metropol Arena mit der Nationalmannschaft gegen Estland an, vergangene Woche hat er sich vor Ort schon einmal umgeschaut.

Herr Herbert, was war Ihr erster Gedanke, als Ihnen der Job als deutscher Bundestrainer angeboten wurde?

Herbert: Da waren zwei Gedanken. Erstens: Die Möglichkeiten und das Potenzial der deutschen Spieler. Zweitens: In der besten Mannschaft, die ich in Deutschland trainiert habe, waren Johannes Voigtmann und Danilo Barthel zwei Schlüsselspieler. Ich habe viel Zeit mit ihnen verbracht, als sie jünger waren. Und nun habe ich die Chance, daran anzuknüpfen.

"Vielleicht habe ich ihn am falschen Tag erwischt"

Im Podcast „Abteilung Basketball“ haben Sie erzählt, dass Sie nach Ihrem Amtsantritt 45 Spieler angerufen haben, um deren Bereitschaft abzufragen, für die Nationalmannschaft zu spielen. 44 haben Ja gesagt, einer Nein. Wie lautete seine Begründung?

Herbert: Das stimmt, er war sich nicht sicher, ob er für die Nationalmannschaft spielen will, aber als ich ihn vor ein paar Wochen getroffen habe, hat er gesagt, dass er doch spielen würde und spielen will.

Was hat seine Meinung verändert?

Herbert: Das weiß ich nicht. Vielleicht hatte ich ihn beim ersten Mal einfach an einem schlechten Tag erwischt. (lacht)

Das ist, einerseits, ein großer Pool an Spielern, andererseits dürfte sich die Zusammenstellung schwierig gestalten. Die NBA und die Euroleague stellen ihre Spieler für die Länderspielfenster nicht ab, erst kurz vor den Turnieren kommen die nominell besten Spieler zusammen.

Herbert: Ja, es ist vor allem für die älteren Spieler schwierig, weil sie nicht wissen, ob sie die Chance bekommen, im Sommer zum Team zu gehören. Das verstehe ich, ich möchte sie aber spätestens dann im Trainingslager dabei haben. Es gibt kein A-, B-, C- oder D-Team, wir sind alle zusammen eins. Für mich muss die Einstellung lauten: Alle, die sich irgendwann eingebracht haben, gehören zur Gruppe.

Die jungen Spieler werden die Chance nutzen wollen, sich zu präsentieren, selbst wenn sie dann nicht für die EM oder die WM nominiert werden, dennoch stand bereits Ihr Vorgänger Henrik Rödl vor diesem Problem. Wie wollen Sie die verschiedenen Welten moderieren?

Herbert: Zunächst einmal muss die Herangehensweise die sein, dass es jeder als Ehre empfindet, für diese Mannschaft zu spielen. Es geht um die richtige Arbeitseinstellung und darum, dass wir wirklich als ein Team spielen. Ich werde Fenster für Fenster denken und wir sollten versuchen, das Positive herauszuziehen: Die Spieler können für ihr Land spielen und ich habe die Gelegenheit, viele verschiedene Spieler zu trainieren. Das wichtigste am Job des Bundestrainers ist es, sich immer wieder anzupassen.

"Ich kenne die Autobahnen hier, das kann ich Ihnen sagen"

Sie waren zuletzt fast einen Monat lang in Deutschland unterwegs, um sich mit den Spielern zu treffen. Sie kannten die Städte, die Hallen, früher sind Sie aber mit Ihrer Mannschaft im Bus gefahren, diesmal waren Sie alleine unterwegs. Haben Sie Deutschland noch einmal neu kennengelernt?

Herbert: Ich kenne die Autobahnen hier, das kann ich Ihnen sagen. (lacht) Es war ein bisschen anstrengend, jeden Tag das Hotel zu wechseln und seine Sachen zu packen, aber vor allem war es natürlich interessant. Ich war bei Spielen, ich habe manchen Mannschaften beim Training zugeschaut und auch mit vielen Trainern geredet. Dazu hat man normalerweise nicht die Gelegenheit.

Sie haben gesagt, dass „Identität“ eine große Rolle für Sie spielt. Welche Identität können Sie einer Mannschaft geben, die zweieinhalb Tage vor dem ersten Spiel zum ersten Mal zusammenkommt?

Herbert: Toughness. Die richtige Arbeitsmoral. Zusammen spielen. Uneigennützigkeit. Jedes erfolgreiche Sportteam hat eine Identität. Es wird schwierig, die in zweieinhalb Tagen zu etablieren, aber wir müssen es versuchen.



Ganz grundsätzlich wird immer wieder diskutiert, ob es dem deutschen Basketball an einer Identität fehlt. Wie könnte die Ihrer Meinung nach entstehen?

Herbert: Das ist eine gute Frage und ich habe leider keine richtig gute Antwort darauf. Vielleicht durch junge Spieler. Es gibt hervorragende Spieler zwischen 19 und 22. Diese Gruppe hat die Chance, etwas zu etablieren. In Kanada gehen die Spieler ans College und sind weg, in Deutschland spielen fast alle irgendwann mal in der heimischen Liga und wenn sie woanders hingehen, können sich die Fans trotzdem immer auf sie beziehen.

In Spanien gibt es diese Basketball-Identität oder in Litauen. Deutschland ist vor allem ein Fußball-Land.

Herbert: Ja, das stimmt und ich kann mich da gut hineinversetzen, denn ich kommen aus Kanada und das ist ein Eishockey-Land. Aber wenn man sich zum Beispiel Ludwigsburg anschaut oder Berlin, dann gibt es da seit Jahren eine Identität. Das lässt sich von außen sehen und spüren. Mit der Nationalmannschaft müssen wir unsere eigene finden und sie kann von Fenster zu Fenster variieren.

Nürnberg ist ebenfalls eine Fußball-Stadt, danach kommen Eishockey und Handball, Basketball erst auf Platz vier. Warum sollten sich die Leute das Länderspiel hier anschauen?

Herbert: Nun ja, sie können zunächst einmal die Nationalmannschaft sehen. Und einige Spieler, die schon länger nicht mehr dabei waren. Und junge Talente, von denen sie wohl noch nicht einmal die Namen kennen.

Auch Saibou ist weiter ein Kandidat


Im Sommer gab es viel Aufregung, um die Nominierung von Joshiko Saibou, der sehr spezielle Ansichten zur Corona-Pandemie teilt und bei Demonstrationen von sogenannten Querdenkern dabei war. Wäre er für Sie auch ein Kandidat?

Herbert: Ich habe großen Respekt vor dem Weg, den er im Basketball gegangen ist. Von Gießen über Würzburg nach Berlin. Ja, er ist ein Kandidat, aber er ist aktuell verletzt.

Das Thema Impfung ist gerade auch im Sport ein großes. Ungeimpfte Spieler sind ein Risiko für ihre Teamkollegen.

Herbert: Das stimmt und in vielen Ligen wird es inzwischen so gehandhabt, dass man nicht spielen darf, wenn man sich nicht impfen lässt, wie das Beispiel von Kyrie Irving zeigt. Jeder darf selbst entscheiden, was er tut, aber wir erleben eine Pandemie, mit der niemand in dieser Form gerechnet hat und damit müssen wir umgehen.

Es gibt eine solche Regel bislang nicht für die Nationalmannschaft, aber würden Sie diese zu Ihrer machen?

Herbert: Ich finde, das muss der Verband entscheiden. Bislang haben wir darüber noch nicht gesprochen.

Von Zweitligist Nürnberg werden Sie eher keinen Spieler nominieren für den 25. November, aber werden Spieler aus Bamberg, Bayreuth, Würzburg oder Crailsheim dabei sein?

Herbert: Ich habe neun Spieler von diesen Vereinen auf meiner Liste. Ich denke, es ist wichtig, dass die Leute vor Ort zumindest zu ein, zwei Spielern einen Bezug haben. Ich liebe Eishockey, aber warum sollte ich mir ein Spiel anschauen, wenn ich niemanden kenne.

Die Eishockeyspieler in Nürnberg dürften für Sie weitgehend Unbekannte sein, aber vielleicht haben Sie ja trotzdem die Gelegenheit in den Tagen hier ein Spiel zu besuchen.

Herbert: Als ich in Frankfurt trainiert habe, war ich ab und zu bei den Lions.

Das sollten Sie in Nürnberg nicht zu laut sagen, die beiden Klubs haben eine, nun ja, besondere Beziehung. Einer von den neun Spielern aus der Region ist ein echter Nürnberger, ist Bastian Doreth ein Kandidat für das Spiel am 25. November?

Herbert: Er ist auf jeden Fall ein Kandidat für das Spiel. Er hat großartige Führungsqualitäten und bringt viel ein, was nicht auf dem Statistikbogen auftaucht, und das Mannschaften hilft, erfolgreich zu sein. Er hatte eine überragende letzte Saison und ich weiß, dass er hier lebt.

Lassen Sie uns zum Abschluss noch über den aktuell besten deutschen Basketballer reden: Dennis Schröder. Kritiker sagen, die Nationalmannschaft wäre ohne ihn besser dran, weil er kein besonders guter Teamplayer ist. Wie stehen Sie dazu?

Herbert: Ich hatte ein sehr gutes Gespräch mit ihm, wir haben uns drei Stunden lang unterhalten. Er ist zu 100 Prozent bereit, für das Team zu spielen. Er liebt es, sein Land zu repräsentieren, und ich freue mich, wenn er dabei ist. Er kann den Unterschied machen.

Was wäre dann die Identität der Mannschaft? Sie haben vorhin Uneigennützigkeit als Stichwort genannt.

Herbert: Zunächst einmal geht es darum, die besten Spieler zusammenzubekommen. Und damit meine ich, die besten Spieler, die wirklich spielen wollen und fit sind. Die Mannschaft kommt an erster Stelle, aber der Sportpsychologe der kanadischen Mannschaft hat mir mal gesagt: „Alle sagen immer, da ist kein ’I’ in ’Team’. Doch da ist ein ’I’. Wir brauchen die individuellen Stärken der Spieler, aber das Team steht an erster Stelle.“

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