Montag, 06.04.2020

|

John Degenkolb: "Krasse Ausnahmesituation"

Nach der Absage der Frühjahrssaison hängt auch der Profiradsport "komplett in der Luft" - 21.03.2020 13:21 Uhr

Bis vor wenigen Tagen noch im Rennsattel: Radprofi John Degenkolb (hier beim Rennen Kuurne-Brüssel-Kuurne in Belgien), der aus dem RC Germania Weißenburg hervorgegangen ist und gerade bei den Frühjahrsklassikern große Erfolge gefeiert hat. © Foto: Roth/Augenklick


Wie lange die Krise und die daraus resultierende Zwangspause dauern werden, kann niemand sagen. Logischerweise auch John Degenkolb nicht. Gerade er hatte sich heuer viel vorgenommen für die Klassiker im Frühjahr. Rennen wie Mailand–Sanremo, Paris–Roubaix, die Flandern-Rundfahrt oder auch sein Heimspiel am 1. Mai in Frankfurt sind das "Steckenpferd" des 31-jährigen Radprofis, wie er jüngst in einem Interview mit unserer Zeitung sagte. "Da habe ich meine größten Erfolge gefeiert und da habe ich den größten Spaß am Radfahren. Ich freue mich riesig darauf", so Degenkolb weiter.

Doch jetzt: Absage um Absage. Selbige sind für ihn aufgrund der aktuellen Lage zwar absolut nachvollziehbar. Er ist aber wie viele andere Sportler und vor allem auch die Fans sehr enttäuscht, dass diese Rennen nicht stattfinden. Das gilt speziell auch für sein Heimrennen Frankfurt–Eschborn: "Das ist natürlich extrem schade. Das ist eines der großen Highlights: das Heimrennen vor der Haustür", sagte der nahe Frankfurt lebende Radprofi gegenüber dem Hessischen Rundfunk. Dass den Veranstaltern angesichts der Corona-Pandemie keine andere Wahl blieb, ist dem 31-Jährigen vollauf bewusst. "Mit dem Hintergrund ist das natürlich mehr als verständlich und der richtige Schritt."

Verlegungen in den Herbst

Hoffnung im Radsport sind Verlegungen in den Herbst. Der Weltverband UCI hat bereits eine Saisonverlängerung bis 1. November angekündigt und will zumindest die Austragung des Giro d‘Italia (in verkürzter Form) sowie der sogenannten Radsport-Monumente Mailand–Sanremo, Flandern-Rundfahrt, Paris–Roubaix und Lüttich–Bastogne–Lüttich ermöglichen. Alles unterzubringen, wird aber schwer machbar sein. Degenkolb hat Verständnis dafür und fordert dazu auf, in den Entscheidungen "zusammenzustehen" – und sich dann vielleicht "umso mehr auf den 1. Mai 2021 zu freuen".

Sehr nachdenklich in diesen Tagen: John Degenkolb. © Foto: Roth/Augenklick


Der beim RC Germania Weißenburg groß gewordene Radsportler schildert die Situation wie folgt: "Im Moment sind wir voll und ganz in der Schwebe. Wir hängen komplett in der Luft. Keiner weiß, wie die nächsten zwei Wochen aussehen. Keiner weiß, was danach passiert". Degenkolb fährt in der neuen Saison für den belgischen Rennstall Lotto Soudal und wollte nach einem durchwachsenen Jahr 2019 nun wieder durchstarten. Aber auch er wurde ausgebremst und ist derzeit ein gefragter Gesprächspartner. "Aktuell ist alles denkbar. Auch die Tour de France steht nicht über dem Wohl der Bürger", sagte er in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ).

"Von einem sicheren Gefühl, dass Ende Juni die Tour de France in Nizza startet und im Anschluss Olympia stattfinden wird, kann ich im Moment nicht sprechen", erklärte er obendrein. Bis vergangenen Samstag traten Degenkolb und seine Profikollegen noch bei der ebenfalls renommierten Fernfahrt Paris–Nizza an – allerdings unter speziellen Bedingungen mit Sicherheitsabstand zu den (wenigen) Zuschauern, ohne Autogramme oder Selfies. Degenkolb kam auf Rang 13 im Gesamtklassement, beste Einzelplatzierung war für ihn Rang sieben am fünften Renntag. Gesamtsieger wurde sein Landsmann Maximilian Schachmann. Wegen der sich ausweitenden Corona-Krise war von acht auf sieben Etappen verkürzt worden.

Das Rennen selbst habe sich "relativ normal angefühlt", erklärte Degenkolb im FAZ-Interview. "Aber wenn man nach einer Etappe zum Teambus kommt und auf dem Handy sieht, wie sich die Nachrichtenlage verändert hat, nur während der fünf Stunden, die wir auf dem Rad saßen, dann war das schon befremdlich." Der in Hundsdorf bei Ettenstatt aufgewachsene Profisportler spricht von einer "krassen Ausnahmesituation".

Und weiter: "Solch eine Situation gab es ja noch nie, dass alle Sportveranstaltungen wegbrechen. Radfahren ist unsere Profession und Leidenschaft, aber das rückt natürlich total in den Hintergrund, wenn es um Leben und Tod geht. Wichtig ist, dass zu Hause alles okay ist, dass es der Familie und den Kindern gut geht. Das ist, was zählen sollte."

Für seine Familie, mit der er in Oberursel lebt, wird John Degenkolb nun deutlich mehr Zeit haben als sonst um diese Jahreszeit und freut sich, mit Frau und den beiden Kindern zusammensein zu können. Sportlich will er etwas kürzertreten: "Vor dem Hintergrund, dass mindestens vier Wochen keine Rennen stattfinden werden, macht es keinen Sinn, megahart weiterzutrainieren und den Körper quasi sinnlos weiter zu belasten."

UWE MÜHLING

Seite drucken

Seite versenden


weitere Meldungen aus dem Ressort: nordbayern.de