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Kommentar: Ende einer Lebenslüge

Die Flüchtlingskrise sollte uns teilen lehren - 21.01.2016 20:23 Uhr

Man könnte Khaled Geschichte auch anders erzählen - als Geschichte des fortgesetzten Versagens und Wegsehens der Weltgemeinschaft: Über 60 Jahre hätte die Welt Zeit gehabt, die Probleme von Khaled und Millionen anderer Palästinenser zu lösen. Nicht anders in Afghanistan, wo seit über 30 Jahren Krieg herrscht, oder in Syrien, Eritrea, Somalia...

Fluchtbiografien wurden teils über zwei Generationen vererbt, die Welt hat die zugegebenermaßen extrem schwierige Aufgabe nicht gemeistert, den Millionen Menschen, die in gigantischen Lagern leben, eine Perspektive zu geben. In vielen Fällen haben sie nicht mal ausreichend zu essen.

Gute Argumente

Glaubt Horst Seehofer wirklich, diese Vergessenen und Verzweifelten mit verriegelten Grenzen oder einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht aufhalten zu können? Die juristischen Argumente, die der CSU-Chef anführt, sind zwar gut, das haben angesehene Ex-Verfassungsrichter bestätigt. Doch auch sie werden gegen die globale Fluchtkrise nichts bewirken: Wer um sein Leben fürchtet, wer in bitterer Armut lebt, der läuft so weit, bis er wieder sicher ist und eine Perspektive hat - wenn es sein muss, bis nach Deutschland. Da hilft Stacheldraht so wenig wie eine Obergrenze.

Das hat nicht zuletzt etwas mit dem Zeitalter des mobilen Internets zu tun, in dem Smartphones die Bilder vom luxuriösen Leben im Westen auch noch in die Sahelzone und an den Hindukusch transportieren. Es ist inzwischen für jeden offensichtlich, wie ungerecht der Wohlstand auf dieser Welt verteilt ist. Und immer mehr Menschen, deren Schicksal uns über Jahrzehnte hinweg egal war, werden sich fragen, warum nicht auch sie einen Teil von diesem Kuchen abbekommen - und sich auf den Weg machen.

Was über mehrere Jahrzehnte gut geklappt hat - nämlich so zu tun, als habe der unermessliche Reichtum Europas, der USA und einiger arabischer und asiatischer Staaten nichts mit der Armut im Rest der Welt zu tun - , das wird nicht mehr funktionieren. Besser, wir gestehen uns daher möglichst rasch ein, dass es bei uns so angenehm wie in den 60 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr werden wird.

Kolonialismus und Kriege

Besser, wir befreien uns schnell von der Lebenslüge, dass unser Wohlstand nur auf unserem Fleiß und unserer Ingenieurskunst beruhe. Und besser, wir gestehen uns ein, dass zu unserem schönen Leben auch Kolonialismus, Kriege, moderne Ausbeutung und Ressourcenverschwendung beigetragen haben. Dass wir also zu einem Teil jene Flüchtlinge mit erschaffen haben, die uns jetzt so verstören.

Dieser Perspektivenwechsel würde vielleicht dabei helfen, unsere Kräfte auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren. Zentral wird in diesem Jahr - da hat Seehofer recht - eine Verminderung der Zahl der Asylbewerber in Deutschland sein. Aber nicht, um sich dann zurückzulehnen und so zu tun, als sei nun wieder alles gut. Sondern, um Zeit zu gewinnen.

Zeit, um europäische Lösungen zu suchen. Zeit, um die von Kanzlerin Merkel zu Recht geforderte Bekämpfung der Fluchtursachen anzugehen und endlich damit zu beginnen, Reichtum gemeinsam zu erwirtschaften und fair zu verteilen. Denn ein angenehmes Leben werden wir in Deutschland und Europa auf Dauer nur führen können, wenn wir endlich begreifen, dass Menschenrechte nicht teilbar sind - Wohlstand aber sehr wohl. 

Armin Jelenik

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