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"1917": Durch die Hölle des Krieges

Sam Mendes´ ergreifender Film macht das Grauen der Schlachtfelder zum unmittelbaren Erlebnis - 16.01.2020 14:00 Uhr

Rennt um sein Leben und um das seiner Kameraden: George MacKay als britischer Soldat Will Schofield. © Foto: Universal


Bereits drei Jahre währt der Erste Weltkrieg. An der Westfront haben Abertausende alliierte und deutsche Soldaten ihr Leben verloren. Die britische Armee bereitet einen neuen Angriff vor, als die Nachricht durchsickert, dass die Deutschen ihre Stellung verlassen haben und den Feind weiter östlich in eine Falle locken wollen. Um das 1600 Mann starke britische Bataillon vor dem sicheren Verderben zu retten, erhalten die jungen Soldaten Tom Blake, dessen Bruder zu dem Bataillon gehört, und Will Schofield den Befehl, sich innerhalb weniger Stunden zu der Kompanie durchzuschlagen, um sie vor dem tödlichen Hinterhalt zu warnen . . .

Ein eigentlich aussichtsloses Unterfangen, doch Blake (Dean-Charles Chapman) und Schofield (George MacKay) rennen los, durch das Labyrinth der Schützengräben, vorbei an verwundeten und müden Soldaten, ein Offizier segnet sie mit Whiskey aus der Feldflasche – und dann steigen sie über eine Leiter hinauf auf das gigantische, verwüstete Schlachtfeld, das einem apokalyptischen Höllengemälde gleicht: Tote Baumstümpfe, verwesende Pferdekadaver, Stacheldrahtwälle, an denen sie sich die Hände aufreißen, und riesige Schlammlöcher, in denen die Leichen kaum vom Morast zu unterscheiden sind.

Die Kamera ist ihnen dabei von Anfang an dicht auf den Fersen: Das Grauen, das sich vor den Augen von Blake und Schofield ausbreitet, ihre Todesangst, ihr Entsetzen werden zur unmittelbaren Erfahrung auch für den Zuschauer – verstärkt noch dadurch, dass der komplette Film aussieht, als sei er in Echtzeit in einer einzigen Kameraeinstellung entstanden.

Tatsächlich haben der britische Regisseur Sam Mendes und sein brillanter Kameramann Roger Deakins "1917" in vielen langen Plansequenzen und mit nur wenigen Schnitten gedreht. Was bedeutete, dass die Hauptdarsteller lange proben mussten. Über sechs Monate hat Mendes sie immer wieder in voller Montur ihre Szenen durchspielen lassen.

Mehr echtes Erleben als Schauspiel

Und das sieht man ihnen an: George MacKay (27) und Dean-Charles Chapman (22) wirken in ihren Rollen derart echt, dass man kaum mehr den Eindruck von Schauspiel, sondern vielmehr von wahrhaftigem Erleben hat. Auch wenn man wenig über ihre Charaktere erfährt, werden beide in ihrer Angst, ihrer Offenheit und ihrer gegenseitigen Fürsorge zu emotionalen Identifikationsfiguren. Etwa wenn sie in einem riesigen unterirdischen Bunker der Deutschen eine Sprengfalle auslösen und der verschüttete Schofield von Blake gerettet wird. Zu Tränen berührt jene Szene, in der Blake, der einem abgeschossenen deutschen Flieger helfen wollte, selbst zum Opfer wird und in den Armen des Freundes stirbt. Das ist meilenweit entfernt von jedem Kitsch.

Schofield muss sich fortan allein weiter zu seinem Ziel durchschlagen – zwischen Bombeneinschlägen, gespenstischen, brennenden Ruinenlandschaften, verfolgt von feindlichen Scharfschützen. Die Hölle des Krieges, das Entsetzen, die Erschöpfung und zugleich der verzweifelte Wille, seinen Auftrag zu erfüllen, spiegeln sich dabei in MacKays Gesicht auf eine Weise wie es bei einem bekannteren Darsteller kaum vorstellbar wäre.

Gewidmet hat Sam Mendes "1917" seinem Großvater, dessen Kriegserzählungen, die nicht von Heldentum handelten, sondern von der Sinnlosigkeit des Krieges und dem Glück des Überlebens, ihn dazu inspirierten. Er habe keinen Film über den Ersten Weltkrieg machen wollen, sondern über die Angsterfahrung des Krieges, so der Brite. Gelungen ist ihm dabei nicht weniger als ein absolut ergreifender Film, der neue Maßstäbe für das Genre setzt.

Für zehn Oscars ist "1917" nominiert. Er dürfte mehrere davon gewinnen; an Kameramann Roger Deakins kommt die Oscar-Academy definitiv nicht vorbei. (110 Min.)

REGINA URBAN

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