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30 Jahre Todesdrohungen gegen Salman Rushdie

"Satanischen Verse": 1989 rief der iranische Ajatollah zur Ermordung des Autors auf - 13.02.2019 12:55 Uhr

Iranerinnen forderten im Februar 1989 bei einer Kundgebung in Teheran Salman Rushdies Tod – wenige Tage zuvor hatte der Ajatollah ein Kopfgeld auf den Schriftsteller ausgesetzt. © Archivfoto: Norbert Schiller/afp


Die ständige Furcht vor einem gewaltsamen Tod hat Salman Rushdie nicht zum Schweigen gebracht. Der Autor der "Satanischen Verse" ignoriert die Morddrohungen, die er immer noch am 14. Februar bekommt, mittlerweile als "makabere Valentinsgrüße". Am 14. Februar 1989 hatte Ajatollah Khomeini die Gläubigen in aller Welt aufgerufen, den "Gotteslästerer" zu töten. Den Vollstreckern dieser Fatwa wurde ewige Seligkeit und ein Kopfgeld versprochen, das in 30 Jahren auf fast dreieinhalb Millionen Dollar gewachsen ist.

Zwar erklärte die iranische Regierung unter dem liberaleren Präsidenten Mohammad Chatami zehn Jahre nach diesem Todesurteil, dass sie keine Absicht mehr hege, Rushdie zu ermorden. Doch die Fatwa ist weiter gültig. Sie kann nur von dem religiösen Führer aufgehoben werden, der sie verkündigt hat – Ajatollah Khomeini starb jedoch wenige Monate nach seinem Fluch.

Dabei sind die umstrittenen Passagen in Rushdies Werk eher eine Kritik der an dekadenten und gottlosen Händlerklasse in Mekka, die den Propheten verspottete und bekämpfte. Einen weitaus größeren Raum nimmt das Kapitel ein, in dem Rushdie den Ajatollah als einen blutrünstigen, fanatischen Greis angreift, der die jungen iranischen Soldaten an die Maschinengewehre und in Minenfelder des irakischen Gegners hetzt.

Tote nach Anschlägen

Salman Rushdie. © Foto: Mark Mainz/getty images north america/afp


Dennoch folgte ein halbes Jahr nach dem Erscheinen des Buches die Fatwa. In aller Welt brannten danach Rushdies Bücher, auf Verlage, die sie veröffentlichten, wurden Anschläge verübt. Bei Demonstrationen in Ägypten und Pakistan starben über ein Dutzend Menschen. Islamisten steckten ein Hotel in der Türkei an, wo eine Tagung mit dem Übersetzer des Buches stattfand. Er überlebte den Anschlag, 27 andere Teilnehmer kamen ums Leben. Der japanische Übersetzer des Buches wurde erstochen, der italienische Übersetzer und der norwegische Verleger kamen bei ähnlichen Anschlägen nur um ein Haar davon.

Jahre im Untergrund

Für Rushdie folgten zehn Jahre im Untergrund, aus dem er sich nur selten wagte. Eine Spezialabteilung von Scotland Yard bewachte ihn in ständig wechselnden Wohnungen rund um die Uhr. Seine Sicherheit kostete die britischen Steuerzahler jährlich umgerechnet drei Millionen Euro.

Der Autor reagierte teils mit Trotz, teils mit Reue – und versuchte sogar vergeblich, durch eine neue "Bekehrung" zum islamischen Glauben seine Gegner zu besänftigen. In dieser Zeit veröffentlicht er zwar noch einige Bücher, doch seine Gesundheit und sein Privatleben litten unter der Isolation. Seine zweite Frau, die amerikanische Schriftstellerin Marianne Wiggins, verließ ihn, sie warf ihm "egozentrische Eitelkeit" vor. Diese Charakterisierung musste sich Rushdie auch von einigen Kollegen gefallen lassen, während die meisten ihn jedoch als Märtyrer für die Freiheit des Wortes ansehen.

"Die Rushdie-Affäre war das erste Kapitel in einem neuen unglücklichen Buch der modernen Geschichte," sagt sein Freund, der englische Schriftsteller Ian McEwan. "Die Streitpunkte bleiben bestehen. Die Lehre daraus ist für einige von uns, dass der Roman als literarische Form zu den höchsten Gütern der geistigen Freiheit zählt und geschätzt und verteidigt werden muss. Aber es bleibt die schwierige Frage: wie geht eine offene pluralistische Gesellschaft mit den unterschiedlichen Glaubensinhalten unterschiedlicher Religionen um?"

Erste Verbrennung in England

Muslime aus dem englischen Bradford, die vor 30 Jahren mit der Verbrennung der "Satanischen Verse" den Aufruhr in der islamischen Welt und die Fatwa auslösten, behaupten heute, dass es ihnen nicht am Tode des Verfassers gelegen war. Vielmehr sei es eine verzweifelte Aktion nach vielen vergeblichen Versuchen gewesen, die Behörden dazu zu bringen, die Wut der Gläubigen über die Verhöhnung des Propheten ernst zu nehmen.

Die gesellschaftliche Position muslimischer Bürger in Großbritannien hat sich über die Jahre verändert. So sind heute Londons Bürgermeister und der Innenminister Muslime. Aber die wirtschaftliche und soziale Lage hat sich vielerorts eher verschlechtert, Vorurteile gegenüber Minderheiten haben zugenommen.

"Wir leben in dunklen und gefährlichen Zeiten," meint Rushdie, der als gefeierter Redner auf internationalen Festivals auftritt. "Die Menschen definieren sich nicht mehr durch das, was sie lieben, sondern was sie hassen", sagte er im schottischen Edinburgh. "Ein Hauptmerkmal unserer Zeit ist die wachsende Kultur der Beleidigung. Sie hängt mit einer Politik zusammen, die dazu ermuntert, seine Identität ziemlich eng zu definieren – westlich, islamisch oder was auch immer es sein mag." 

HENDRIK BEBBER

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