Neues Album erschienen

All das schätzt "Gitarrengott" Carlos Santana an Deutschland

74 Jahre alt ist er mittlerweile, aber hat noch lange nicht genug vom Musik machen.

74 Jahre alt ist er mittlerweile, aber hat noch lange nicht genug vom Musik machen. "Gitarrengott" Carlos Santana hat mit seinem neuen Album "Blessings and Miracles" das erklärte Ziel, mal wieder ein paar Hits fürs Radio abzuliefern. © Etienne Laurent/AFP

Ein weiteres Mal hat der 74-Jährige im Stil seines Jahrhundertwerks "Supernatural" (1999) zahlreiche Kolleginnen und Kollegen wie Steve Winwood, Rob Thomas sowie seine halbe Familie versammelt, um einen sehr weiten und zugänglichen Bogen von Pop über Latin Music bis zu hartem Rock zu spannen. Aber glücklicherweise spricht Santana nicht nur über Segnungen und Wunder, sondern hat auch noch ein paar irdische Gelüste, allen voran auf deutsche Autos.

Carlos, wie hat sich denn ein rastloser Musiker wie Du die leidige Zeit des Füße-Stillhaltens vertrieben?

Carlos Santana: So wie immer eigentlich. Mit Lesen. Und mit Musikmachen. Nur eben, was die Aufnahmen von "Blessings And Miracles" betrifft, notgedrungen auf andere Weise als sonst, nämlich getrennt über große Entfernungen, aber doch zumindest geistig vereint und verbunden. Wie sehr mir jedoch das gemeinschaftliche Spielen gefehlt hat, spüre ich aktuell auf unserer USA-Tournee. Wir laben uns am Glück, auf der Bühne zu stehen. Und auch das Publikum ist unheimlich durstig nach Musik und nach Begegnung.

Was hast Du gelesen?

Santana: Seit ich mich erinnern kann, beschäftige ich mich in meiner Lektüre vor allem mit einem Thema: der Verbindung des Sinnlichen mit dem Übersinnlichen und der Vereinigung der metaphysischen mit der physischen Ebene. In diesem Feld gibt es immer etwas Neues zu lernen. Die amerikanischen Ureinwohner etwa haben eine spirituelle Sprache miteinander entwickelt, die einzigartig ist. Kein Computer und kein Satellit dieser Welt können diese Sprache verstehen, weil sie einfach viel zu tief und weit über das rein Linguistische hinausgeht.

Und das, obwohl die künstliche Intelligenz immer klüger wird?

Santana: Ach, künstliche Intelligenz. Je stärker sie in unsere Lebensbereiche eindringt, und es gibt ja durchaus nützliche Anwendungen, desto wichtiger wird es für uns Menschen, die Verbindung zur Seele und zum Geist zu pflegen. Keine artifizielle Intelligenz hat Zugang zu unserem Kern, zu unserem Innersten.

"Ich will wieder ins Radio"

Dein kreativer Weg hat Dich vom Album "Africa Speaks" nun zweieinhalb Jahre später zu "Blessings And Miracles" geführt. Warum hast Du Dich gerade auf diese Reise begeben?

Santana: "Africa Speaks" war eine liebevolle Erforschung afrikanischer Rhythmen und Melodien, dargeboten von einigen der großartigsten Sängerinnen und Sängern des Kontinents. Die Intention jener Platte war nicht, den Mainstream zu erreichen. Nun aber wollte ich ein Album machen, auf dem sich die Songs fürs Radio eignen. So wie damals "Supernatural". Ja, ich will wieder in Dein kommerzielles Nachmittagsprogramm, das Du auf dem Heimweg von der Arbeit hörst.

Sogar Rob Thomas von Matchbox 20, die Stimme von "Smooth", ist wieder mit von der Partie.

Santana: Ja, das lag einfach auf der Hand. Rob hatte zusammen mit der Band American Authors diesen Song geschrieben und mir angeboten. Ich sagte nur "Cool, Jungs, ich bin dabei."

Der verstorbene Jazzmusiker Chick Corea ist auf "Angel Choir/All Together" noch einmal zu hören. Wie kam es dazu?

Santana: Mein Bruder Chick offerierte uns diesen Song. Es ist eine seiner letzten Aufnahmen, bevor er sich auf den Weg in eine andere Dimension machte.

Ist das Deine Definition vom Tod? Eine andere Dimension?

Santana: Ja. Unsere Energie stirbt nicht, wenn wir die Erde verlassen. Sie geht nur an einen anderen Ort. Einen Ort außerhalb unseres Körpers. Das ist wie der Wechsel auf eine andere Frequenz. Ich glaube nicht an den Tod. Ich glaube an die Veränderung von Energie.

Warum hast Du, gemeinsam mit Steve Winwood, den Klassiker "Whiter Shade Of Pale" aufgenommen?

Santana: Hier bin ich meinem inneren Ruf gefolgt. Ich wollte dieses Stück mit afrikanischen und puerto-ricanischen Elementen garnieren und es so in ein neues, sexy Bett legen. Denn, es ist ja so: Es gibt Zeiten zum Beten, Zeiten, um unter der Bettdecke zu liegen, und Zeiten, in denen du über der Bettdecke bleibst und etwas anderes machst als schlafen (lacht).

"Ich ärgere mich über die Arroganz der Menschen"

Verstanden, Carlos. Worum geht es in "America For Sale"?

Santana: Als Amerika kolonialisiert wurde, ist den Einwohnern alles genommen worden. Bestenfalls blieb ihnen ein Leben in Knechtschaft. Heute wiederholt sich die Geschichte mit umgedrehtem Vorzeichen. Der Ausverkauf Amerikas an alle, die Geld haben – ich möchte jetzt keine bestimmten Nationen herauspicken – ist in vollem Gange. Wenn ich die Deutschen um eines bitten darf, dann darum, dass sie niemals ihre heiligen Unternehmen wie Daimler, BMW und Porsche verkaufen. Diese Autos brechen einfach nicht zusammen, ich spreche da aus sehr guter Erfahrung. Überhaupt schätze ich eure Standards, eure Ethik und eure tadellose Integrität sehr.

Vielen Dank. Aber denkst du als naturverbundener Mensch nicht auch, dass unsere Spezies bald als Ganzes diesen Planeten verlassen muss?

Santana: Das Interessante an diesem Gedanken, den ich in der Tat habe, ist, dass er mich nicht beunruhigt. Die Erde ist ein resilienter Organismus, ich mache mir um sie auf lange Sicht keine Sorgen. Ich ärgere mich über die Arroganz der Menschen und darüber, dass wir denken, wir wären hier unverzichtbar. Sind wir nicht. Wenn morgen kein Mensch mehr übrig wäre, würde es Mutter Natur überhaupt nicht jucken.


Santana, "Blessings And Miracles" (BMG), ab 15.10.

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