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Bemalte Zeppelintribüne: Anonyme Künstlergruppe verrät die Hintergründe

Politisches Statement an historischem Ort in Nürnberg - 29.10.2020 13:15 Uhr

Das Foto ist am Mittwochmorgen entstanden. Das anonyme Künstlerkollektiv, das sich zu dem Werk bekannt hat, sieht es als politisches Statement.

28.10.2020 © Foto: Peter Kunz


Es war das Bild des Tages, das Stunden vor der Bekanntgabe der Kulturhauptstadt Europas 2025 in den sozialen Netzwerken die Runde machte: "Das Regenbogen-Präludium" nennt die Gruppe ihr Werk. Kulturbürgermeisterin Julia Lehner reagierte in einer ersten Stellungnahme: "Die Auseinandersetzung mit dem Erbe der NS-Zeit mit Mitteln der Kunst ist ein zentrales Anliegen. Temporäre künstlerische Interventionen sind deshalb zu begrüßen. Sie bedürfen jedoch der Absprache und müssen mit dem Denkmalschutz vereinbar sein."

Wir haben einen Vertreter der Gruppe zu den Hintergründen befragt. Wie alle Beteiligten des Künstlerkollektivs bleibt er anonym.

Ist das jetzt Kunst oder Sachbeschädigung?

Wir gehen davon aus, dass es keine Sachbeschädigung ist, weil es temporär ist. Wir haben uns letztlich für wasserlösliche, ungiftige Farbe auf Basis von Tapetenkleister entschieden. Die Farbe wird sich quasi mit der Zeit von selbst ablösen. Das Ganze ist ein Vorschlag. Für den Diskurs um das Reichsparteitagsgelände ist das, was wir da gemacht haben, aber vielleicht relevanter, als da einen Glaskasten für 20 Millionen draufzustellen.

Wer steht hinter dieser Aktion?

Wir haben sehr unterschiedliche Ausbildungen, aber wir fühlen uns der freien Kunst- und Kulturszene in Nürnberg zugehörig.


Illegales Statement: Künstler bemalen Steintribüne mit Regenbogenfarben


Was waren Ihre Motive?

Wir haben kürzlich erlebt, wie Freunde von uns an der Zeppelintribüne von Rechtsradikalen bedroht wurden. Diese Typen hatten sich dort in Szene gesetzt und Selfies gemacht. Trotz des Zerstörungsgrades können Neonazis diesen Ort immer noch als Szenerie benutzen. Das war der aktuelle Impuls, aber auch die Tatsache, dass der Umgang mit dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände sehr prominent im Nürnberger "Bidbook" (für die Kulturhauptstadtbewerbung; Anm. d. Red.) platziert ist. Darin hieß es zum Beispiel, dass nur die Radikalität der Kunst diesen Ort brechen kann. Das Ganze ist eine ganz praktische und sofortige Vorwegnahme der Pläne, das Gelände zu einem Kulturort zu machen und ein Beitrag zu der Diskussion, die seit Jahrzehnten läuft und an der wir teilnehmen möchten. Man darf nicht vergessen: Es ist zwar ein Denkmal, aber auch ein Täterort. Darum haben wir eine direkte, ungefilterte Aktion geplant – und zwar so sensibel wie möglich.

Wie stehen Sie zu Nürnbergs Bewerbung?

Wir stehen ambivalent dazu. Das ist ein Wettbewerb. Ganz viel Kulturarbeit muss aber unabhängig davon passieren, wer da jetzt "gewonnen" hat. Das ist wichtig, das ist systemrelevant und übrigens auch ein Auftrag des Staates. Viele von uns haben sogar auf verschiedene Arten an dieser Bewerbung mitgearbeitet. Aber wir wollten die Jury da nicht beeinflussen und darauf hinweisen, dass die Aufgaben, die wir als Kulturschaffende zum Beispiel am Reichsparteitagsgelände haben, ganz unabhängig vom Titel sind.

Und was soll das "Regenbogen-Präludium" symbolisieren?

Der Regenbogen steht als Symbol natürlich für die LGBTQI+-Bewegung, der wir uns zugehörig fühlen, und die ja im Nationalsozialismus auch verfolgt wurde. Darüber hinaus versteht den Regenbogen jedes Kind: Das ist der maximale Kontrast zu dem, was dieser Ort mal war.

Interview: Peter Kunz

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