Blutige Gerechtigkeit

15.11.2010, 22:47 Uhr
Auf zum Kampf: Clemens Giebel und Christian Wincierz (rechts).

Auf zum Kampf: Clemens Giebel und Christian Wincierz (rechts). © Quast

In Stuttgart werfen Schüler und Rentner Kastanien auf Polizisten, im Wendland „schottern“ Atomkraftgegner die Bahnlinien und in Duisburg wird der Oberbürgermeister mit Ketchup bespritzt. Wenn sich Bürger von der Obrigkeit im Stich gelassen fühlen, dann sind ihre Mittel im Kampf um ihre Definition von Gerechtigkeit nicht immer zimperlich.

Auch Michael Kohlhaas ist ein Untertan, der nicht akzeptieren kann und will, was von ihm eingefordert wird. Einem offensichtlichen Willkürakt begegnet er mit Auflehnung, die sich — als sich sein Glaube an Gerechtigkeit in Luft aufgelöst hat — in rasende Gewalt und Rache wandelt.

Den zeitlosen Aspekt eines solchen Handelns und die Suche nach den Ursachen haben Regisseurin Constanze Kreusch und Dramaturgin Stefanie Symmank in der Kleist’schen Novelle entdeckt und daraus das Bühnenstück „Kohlhaas 05/10“ entwickelt. Eine Inszenierung, die vor allem dann ganz stark ist, wenn sich beide auf das Original, mit dem Kleist einen historischen Fall aus dem 16. Jahrhundert aufgriff, konzentrieren.

34 Rollen übernehmen in einer bemerkenswerten Leistung Linda Foerster, Clemens Giebel und Christian Wincierz vor rotem Hintergrund in der kleinen — kriminell aufgeheizten — Erlanger „Garage“. Auf weißer, uniformartiger Kleidung (Bühne und Kostüme: Petra Wilke) wechseln sie in atemberaubendem Tempo Namensschilder aus. Kohlhaas legt sich dann mit dem intriganten Burgvogt an, der ihm zwei Rappen abluchst und seinen Knecht grün und blau prügeln lässt. Martin Luther mischt sich ein, Kurfürsten halten Rat, Amtsmänner intrigieren und das Volk meldet sich zu Wort. Verwirrung entsteht auf der Bühne dennoch nie.

Selbst wenn zwei-, dreimal — etwa mit dem platten Hinweis auf den Streit um ein Erlanger Gewerbegebiet — die Aktualitäts-Keule zu offensichtlich und vollkommen unnötig zuschlägt: Dieser schlüssigen Inszenierung gelingt es, einen zeitlosen Konflikt mitreißend und packend auf die Bühne zu bringen.

Weitere Aufführungen ab heute bis Donnerstag, 20 Uhr; Karten-Tel. 09131/862511. Internet: www.theater-erlangen.de