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Corona-Tagebuch: Wie unser Autor das erste Jahr der Pandemie erlebte

Das Ungeheuerliche der Situation sickert nur langsam ins Bewusstsein - 12.04.2021 14:31 Uhr

Am 9. Dezember 2020 griff zum ersten Mal die nächtliche Ausgangssperre in Nürnberg, der Hauptmarkt war menschenleer. Mit kurzer Unterbrechung besteht diese Ausgangssperre nun seit vier Monaten. Bewegt das die Menschen noch?

12.04.2021 © Roland Fengler


Am 12. März 2020 begann ich Corona-Tagebuch zu führen. Seit meiner späteren Jugend hatte ich Befindlichkeiten und Weltgeschehen nicht mehr kontinuierlich aufgezeichnet. „Aber wir sind in einer unglaublichen Situation. Das Leben wird global zum Erstarren gebracht. Ziel ist das Ersterben sozialer Kontakte. Damit sich das Corona-Virus nicht weiter verbreitet. Indien nimmt keine Touristen mehr. Amerika untersagt die Einreise von Europäern. Tschechien und Polen schließen.“

Diese Sätze habe ich am 12. März geschrieben. In Deutschland brach die Pandemie aus. Den Erdball überzog sie.

Neue Wörter gelernt

Seitdem habe ich registriert, was uns mit dem Virus, was auch sonst weltbewegend geschehen ist. Dazwischen gab es eine Pause. Wir dachten (hofften), das Schlimmste sei vorbei. Ich hielt die Ereignisse fest, weil man so schnell vergisst. Jetzt staune ich darüber, was mir früh klar war. Jetzt kann ich nachlesen, welche neuen Wörter (zum Beispiel Inzidenz oder Triage) wir in den letzten 12 Monaten gelernt haben.

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Aber vor allem fing ich an, zu schreiben, weil wir alle nicht wussten, was (mit uns) passieren würde. Wir schienen am „Vorabend der Sintflut“ zu stehen. So hat William Turner 1843 eines seiner ahnungsvollen Gemälde genannt.

Mediale Infektion

Am 13. März schon schrieb ich für mich maßgebliche Fragen auf: „Die Infektionen breiten sich gleichermaßen biologisch wie medial aus. Gäbe es alle politischen Maßnahmen, wenn wir nicht mit Informationen überschüttet würden? Könnten Gesellschaften mit dem Virus leben und sterben, ohne dass es alarmierend registriert würde?“

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Wir werden diese Fragen nie beantworten können. Das Tagebuch ist voller Eintragungen über die Sondersendungen im Fernsehen, über die dauernde Pressekonferenzen und aufgeregten Talk-Runden. Ich kann mit Zitaten belegen, dass darin vor einem Jahr ganz ähnliche Sätze gesagt wurden wie jetzt wieder (oder immer noch). „Testen! Testen! Testen!“

Die Hygiene-Regeln traten in den Stand religiöser Gebote. Der SPD-Politiker Karl Lauterbach fand früh seine Rolle als Kassandra. Und: „Auf RTL gibt es ein seltsames Format: ‚Die Quarantäne-WG‘; Günther Jauch und Thomas Gottschalk quatschen sinnlos vor Kameras mit dem quarantierten Oliver Pocher. Soll hohe Einschaltquoten haben. So schnell gesundet die bereits ohne Virus absurde Welt in der Krankheit offenbar nicht.“ Wir vergessen.

Anzeichen eines Staatsstreichs

Auch am 16. März habe ich politische Überlegungen angestellt: „Wie wichtig ist dieses Tagebuch? Ich schreibe während der Deutschlandfunk-Sendung ‚Andruck‘. In der Sendung geht es um die Diskurs-Besetzung durch Rechtsradikale. Fast ausgeblendet ist derzeit dieses Thema. Dabei trägt die Entwicklung der Corona-Krise Anzeichen eines Staatsstreichs. Grenzen werden geschlossen. Versammlungsverbote werden erteilt. Der öffentliche Verkehr wird eingeschränkt. Orte der Begegnung werden tabuisiert: von der Kneipe bis zum Spielplatz. Sozialverzicht, damit keine Tröpfchen fliegen. Tag für Tag wird ein Stückchen Bürgerfreiheit beschnitten. Fast Stunde für Stunde.“

Bis heute ist das Thema nicht ausdiskutiert.

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Am 20. März gab es eine kleine private Feier. Wir gönnten uns ein Mittags-Menü im Restaurant Wonka. Da kam der Gastronom an unseren Tisch und sagte, dass sei nun wohl für längere Zeit die letzte Mahlzeit gewesen, die er serviert hätte. Markus Söder verkündete gerade das erste Ausgangsverbot für Bayern, das Restaurant-Schließungen zur Folge hatte. Wir lernten wieder ein Wort: Lockdown.

Nürnberg, die tote Stadt

Die Notizen schildern leere Plätze und Straßen. Im Internet grassierte ein Video, das Nürnberg als „tote Stadt“ zeigte: gähnende U-Bahnhöfe, der Hauptmarkt verlassen wie der Platz auf einem Bild von de Chirico. Ich schrieb über die Kirchenglocken um 21 Uhr, über das anonyme Klatschen für das Pflegepersonal, über das Auftauchen der ersten Gesichtsmasken, über die Mut-Gesänge, die auch im Wohnhaus in St. Johannis an jedem Abend von den Balkonen angestimmt wurden.

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Es war die Zeit, als sich die Supermarkt-Regale allmählich wieder mit Toilettenpapier füllten. In Hessen warf sich ein Politiker vor den Zug – vielleicht wegen Corona. Ich notierte am 1. April: „Im Grunde tasten wir uns ohne Ariadnefaden durch ein Labyrinth der Panik.“

Der Papst betet allein

Ostern gab es eindrucksvolle Medienbilder: Einsam betete der Papst auf dem wunderbar ausgeleuchteten Petersplatz ohne Menschen den Kreuzweg. Aus Italien wurde von Massensterben berichtet. Aber die ersten Politiker bei uns „murmelten von Ausstieg“.

Am 13. April: „Jetzt schreibe ich dieses Tagebuch einen Monat lang. Die Welt hat sich immer mehr eingerollt. Mich erstaunt, dass dieses Einrollen tatsächlich über die Osterfeiertage funktioniert. Stille. Kaum Gruppen. In Sachsen-Anhalt soll es die meisten Verstöße gegen die Kontakteinschränkung gegeben haben. Aber Strände waren zur Freude der Wattwürmer verlassen.“

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Es folgten die Wochen, in den die Absagen von Veranstaltungen zu registrieren waren: Rock im Park, Bergkirchweih, der Internationale Comic Salon. Ich beschrieb das Auftauchen der Masken in der Öffentlichkeit, die ersten Wutausbrüche von Querdenkern, die Verschwörungstheorien. Wer hatte bis dahin von QAnon gehört?

Alles nur Theater?

Dann am 5. Mai: „Das geht jetzt rasch. Der Ballon wurde aufgeblasen bis zum Platzen: Riesenbedrohung, Hunderttausende von Toten sind möglich. Wir sedieren das Land – die Welt. Und jetzt sagt Bayerns Ministerpräsident: in drei Wochen ist alles vorbei: Geschäfte wieder auf, Gastronomie (Biergärten schon ab 18. Mai), Hotels. Pffffttt! War alles nur Theater?“

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Ein überlanges Stück jedenfalls wurde und wird gespielt. Freudenberichte von ersten Besuchen in Biergärten folgen im Tagebuch. Ein kleiner Urlaub in der Eifel wurde beschrieben, die erste Begegnung mit sturen „Corona-Leugnern“.

Das Erlanger Poetenfest wurde mit sozialen Abständen vorbereitet. Am 27. Juli glaubte ich, das Schreiben wegen zurückkehrender „Normalität“ beenden zu können. Der letzte Eintrag zitiert ein Gedicht von Ingeborg Bachmann: „Die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont.“ Dann habe ich zweifelnd die letzte Zeile aus diesem Gedicht variiert: „Kommen wirklich härtere Tage?“

Das Comeback des Virus

Sie kamen. Am 29. September habe ich die Notizen wieder aufgenommen: „Zwei Monate später. Corona hat sich nicht verflüchtigt. Das Virus ist da. Auf der ganzen Welt explodieren immer wieder Infektionsherde. Meist feiert man – und dann steigen die Fallzahlen. Die täglichen Fall-Meldungen von Robert Koch liegen derzeit bei fast täglich über 2000. Doch nur wenige sterben in Deutschland.“

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Es starben bald genügend, um den stornierten Christkindlesmarkt zu betrauern und um über die wenig gebrochene Stille am Jahreswechsel zu reflektieren. Mutanten wurden zum Thema. Überraschend kamen Impfstoffe. Und ein kleines Loblied galt dem Karnevalszug von Köln, der im Puppentheater stattfand.

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Herbert Heinzelmann Kultur/ Leben

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