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Dendemann ist der Chronist einer verwirrten Gesellschaft

Der Rapper präsentiert sein neues Album "Da nich für!" - 31.01.2019 11:33 Uhr

Setzt auf Beobachtungsgabe, Sprachakrobatik und Selbstironie statt wie viele seiner Sprechgesang-Kollegahs auf „mein Haus, mein Auto, mein Boot“: der Hamburger Rapper Dendemann. © Foto: Nils Müller


Andere machen gleich am Anfang mächtig auf dicke Hose. Dann wird rüde mit allem geprotzt, was Ruhm und Wohlstand aus streng maskuliner Sicht essentiell ausmachen: luxuriöse Bude, getuntes Blech, massig Moneten, willige Weibchen. Daniel Ebel beginnt mit der forschen Behauptung: "Ich dende, also bin ich". Wie bitte? Macht da einer auf Bildungsbürger und hantiert lässig mit seinem Wissen um den Philosophen René Descartes und dessen subjektivistischen Grundsatz: "Ich denke, also bin ich"? Der Mann hat Mut, der Mann hat Nerven.

Daniel Ebel ist unter dem Pseudonym Dendemann auch deshalb zu Ansehen gekommen, weil er den Beruf des Rappers etwas anders definiert als die Mehrheit seiner Kollegen. Weder derbe protzen noch doof motzen sind Bestandteil seiner Arbeit, der er sonst leidenschaftlich, akribisch und qualifiziert nachgeht, mit Beobachtungsgabe, Sprachakrobatik, Selbstironie, aber auch Mangel an Ehrgeiz zum großen kommerziellen Erfolg.

"Vom Vintage verweht"

Dieser sympathische Exot brachte vor genau 20 Jahren, als Hamburg-Eimsbüttel für einen Moment die deutsche Hip-Hop-Hauptstadt war, zusammen mit DJ Rabauke als Duo Eins Zwo das vielbeachtete Debütalbum "Gefährliches Halbwissen" heraus. Als bei Eins Zwo der Spaß zum Stress wurde, ging es solo weiter, die letzte Veröffentlichung "Vom Vintage verweht" ist allerdings auch schon wieder neun Jahre her. Bis 2016 verdiente er sich zwei Jahre lang als TV-Bandleader in Jan Böhmermanns "Neo Magazin Royale" seine Brötchen.

Kaum jemand glaubte noch daran, doch jetzt ist es tatsächlich raus: "Da nich für!" beschwichtigt sogleich der Titel. Euphorie klingt anders. Aufgetrumpft wird lieber mit Fakten. So liefern die zwölf neuen Stücke beste traditionelle Handwerkskunst aus geschliffenen Reimen und komplexen Rhythmen, aus souveränen Samples und beeindruckenden Features. Was der 1974 im sauerländischen Kaff Wickede geborene Rapper anpackt, hat Hand und Fuß, Herz und Hirn. "Da nich für!" überzeugt in Form und Inhalt, von Anfang bis Ende, eklatantere Ausfälle sind nicht zu entdecken. Konventionen interessieren nicht, der Blick geht weit über den Tellerrand hinaus. Ein unabhängiger Geist ist am Werk, der zwar Szenegrößen wie Casper, Jan Delay oder Trettmann als Gäste lädt, aber ebenso Stars anderer Genres und Zeiten wie Hildegard Knef, Heinz Erhardt oder eben Descartes zum überraschenden Auftritt verhilft.

Seine kratzig-heisere Stimme liefert emotionale Zustandsbeschreibungen einer verwirrten Gesellschaft. In "Alle Jubilare wieder" wird gefeiert, bis der Arzt kommt, ohne nach irgendeinem Sinn zu fragen. Vom über allem stehenden Eigenwohl, das für Desinteresse, Intoleranz und Schicksalsergebenheit sorgt, handelt "Keine Parolen" (mit einem Verweis auf die Punkband Slime). "Menschine" beklagt die Selbstausbeutung als Mensch-Maschine, wenn nicht mehr übrig bleibt vom Leben als Arbeit; am Ende sind nur noch konfuse Atari-Sounds und verstörendes Scratchen zu hören. Bei "Zauberland" mit Rio-Reiser-Vocal-Sample ändert sich der Kontext, die eigentlich private Dimension bekommt nun eine politische, statt zerstörter Liebe (wie bei Reiser) geht es um zerstörte Heimat und die Flucht aus dieser. Vom Rechtsruck berichtet das monotone "Zeitumstellung" in besorgter, polemischer Grundstimmung mit Beatsteaks-Sänger Arnim Teutoburg-Weiß im Refrain.

Dendemann scheut kein Thema, er will mit der Realität konfrontieren, aber nicht um dabei bloß zu provozieren. Seine Kunst ist der Gegenwart verpflichtet, ohne die Vergangenheit zu vergessen, sie setzt auf Nuancen und Details, hat dennoch eine klare Haltung. Berührungsängste mit Pop, Rock, Punk, Jazz, Chanson, Easy Listening, Dub oder Dancehall gibt es auf dem dritten Solowerk keine. All diese positiven Eigenschaften machen "Da nich für!" hörenswert für viele, unabhängig von Alter und Herkunft. Was für ein hoffnungsvolles Signal, dass der rappende Dichter über einige Gräben hinweg sendet: Hip-Hop kann unterschiedliche Menschen zusammenbringen. Ein Anfang ist gemacht.

Aktuelle CD: Dendemann, "Da nich für!" (Vertigo Berlin/Universal Music). 

OLIVER SEIFERT

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