Der letzte Franke seiner Art: Thomas Gottschalk wird 70

18.5.2020, 06:30 Uhr
Thomas Gottschalk gilt als einer der letzten Entertainer der alten Schule. Am 18. Mai wird der Franke 70.

Thomas Gottschalk gilt als einer der letzten Entertainer der alten Schule. Am 18. Mai wird der Franke 70. © Sven Hoppe, dpa

Es gibt Sätze, die hat Thomas Gottschalk schon zig Mal in seinem Leben gehört. „Ich bin mit Ihnen aufgewachsen!“, zum Beispiel. Oder wahlweise „mit dir“. Denn man neigt dazu, Menschen zu duzen, die man seit Jahrzehnten kennt.

Und Thomas Gottschalk, den deswegen viele kumpelhaft auch Thommy nennen, kennt man. Der große Blonde mit den bunten Klamotten war für diejenigen, die heute irgendwas zwischen zehn und 90 sind, eigentlich immer da. In vieler Hinsicht ist er es immer noch. Und er ist der letzte seiner Art. Der letzte nämlich, der mit einer Samstagabend-Show nahezu die gesamte TV-Nation erreichte und der es in Umfragen auf einen Bekanntheitsgrad von 99 Prozent brachte. Der letzte große Showmaster.

Aufgewachsen in Kulmbach

Als der wurde Thomas Gottschalk 1950 natürlich nicht geboren. Vielleicht aber irgendwie doch. Fakt ist: In Bamberg kam er zur Welt, aufgewachsen ist er in Kulmbach. Die Eltern waren aus Oberschlesien geflüchtet, Vater Hans war Rechtsanwalt, die Mutter Hausfrau und 19 Jahre jünger als ihr Mann, der 1964 starb. Die resolute Rutila musste ihre drei Kinder alleine großziehen - neben Thomas, der natürlich, wie es sich in einem katholischen Haushalt gehörte, Ministrant war, gibt es noch den drei Jahre jüngeren Christoph (den das Publikum später unter anderem als Werbepartner seines Bruders für die Deutsche Post kennenlernte) und die zehn Jahre jüngere Raphaela.

Ein Filou war er immer schon, das ist auch den beiden Autobiografien „Herbstblond“ (2015) und „Herbstbunt“ (2019) nachzulesen - einer nämlich, der alles, was ihm das Leben so übers Netz drischt, mit einem lässigen Rückhandvolley wieder zurückspielt. Der alles nicht so ernst nimmt, wie es - vielleicht tatsächlich - ist. Auch das Alter nicht, das ihm allerdings zuletzt dann doch den einen oder anderen Knüppel zwischen die Beine geworfen hat. Einer, der die Menschen mag, egal woher sie kommen, welchen Hintergrund sie haben. Und der eine bemerkenswert große Klappe hat, gepaart mit einer Schlagfertigkeit, die ihresgleichen sucht (und natürlich auch mal daneben trifft).

Insofern war „Wetten, dass..?“, jene ZDF-Sendung, mit der ihn ganz Deutschland jahrzehntelang verband, wie gemacht für Thomas Gottschalk: Diese Mischung aus bisweilen reichlich absurden Wetten, bei denen auffallend oft Bagger eine Rolle spielten, und seichten Gesprächen mit mehr oder weniger redseligen Prominenten: „Ich habe die Leute immer genommen, wie sie sind“, sagt Gottschalk im sehenswerten BR-Porträt „Lebenslinien“, das noch in der Mediathek des Senders abrufbar ist. „Und ich habe Kleine groß gemacht und Große klein.“


Thomas Gottschalk schwärmt von seiner fränkischen Heimat


Diese Leichtigkeit im Umgang mit Menschen sei eine Gabe, die er sich nie erarbeiten musste. Man hat’s oder man hat’s nicht. Und Thommy hat’s eben. Er kann sich fränkelnd im heimatlichen Kulmbach, wohin er immer noch gerne zurückkehrt, genauso souverän bewegen wie locker englisch parlierend in Hollywood.

Kerngeschäft: Die gute Laune

Dass sein Kerngeschäft die gute Laune ist, hat ihm gerade das Feuilleton oft übelgenommen. "Das ist bei mir krankhaft missionarisch: Wenn ich drei Miesepeter sehe, sage ich mir: Euch mische ich auf“, erzählte Gottschalk mal in einem Interview. Späte hochkulturelle Genugtuung: Im vergangenen Jahr moderierte er vier Mal eine Literatursendung im Bayerischen Rundfunk.
Apropos BR: Dort begann die Karriere des Entertainers, der zwar Deutsch und Geschichte auf Lehramt studierte, beim Radio - das bis heute seine große Liebe ist. Viel unterhaltsames Zeug quatschen und viel Rockmusik spielen. Das ist genau sein Ding.

Aktuell moderiert er immer montags bei SWR3. Denn Gottschalk, der seit Oktober vergangenen Jahres Schirmherr des Windsbacher Knabenchors ist, wohnt mittlerweile in Baden-Baden. Und auch das hat mit einer großen Liebe zu tun, nämlich mit der neuen Frau an seiner Seite. Vor zwei Jahren hatte Gottschalk nach 46 Jahren Beziehung seine Thea verlassen. Mit der Nürnbergerin hat er zwei Kinder, 1982 wurde Roman geboren, 1989 adoptierten sie Tristan und zogen Mitte der 1990er Jahre in die USA.


Gesundheitliche Gründe: Gottschalk hört im BR auf


Eine Flucht auch vor dem Medienrummel um Gottschalk, die bekannteste TV-Nase der Nation. Ende 2018 brannte sein Anwesen - eine alte Windmühle - in Malibu ab. Wie groß auch dieser Einschnitt gewesen sein muss, das kann man nur erahnen. Zu retten war aus dem über Jahrzehnte liebevoll mit viel Chichi ausgestatteten Anwesen so gut wie nichts. Aber jammern ist seine Sache nicht. Gottschalk weiß, wie privilegiert er ist.

Live-Show ohne Publikum

Und wie feiert eine Fernseh-Legende ihren 70. Geburtstag? Na, wie wohl: Live im TV! Das ZDF widmet dem Jubilar am Sonntag um 22.15 Uhr eine Live-Show mit Überraschungsgästen. Vielleicht sind ja auch welche aus Franken dabei, wo der Moderator immer noch sein Elternhaus besitzt. Über die Bühne geht die Party natürlich unter Corona-konformen Sicherheitsvorkehrungen und ohne Publikum. Ein Wiedersehen wird es übrigens auch mit „Wetten, dass…?“ geben.

Am 7. November soll eine Sonderausgabe der legendären Show aus Offenburg ausgestrahlt werden, die er 2011 aufgegeben hatte. Auch wegen des schrecklichen Unfalls des Wettkandidaten Samuel Koch, der danach querschnittgelähmt blieb. Und dessen Familie Gottschalk danach stets beistand. Auch ein wenig mit Humor, der ja oft helfen kann, wenn die Zeiten dunkel sind.

Im Fernsehen, auch bei RTL, wo er eine Sendung mit Günther Jauch und Barbara Schöneberger hat, und im Radio bleibt uns Gottschalk, der ohne das Publikum und den Applaus offenbar nicht leben mag, noch länger erhalten. Man muss die Zeit nutzen, die man noch hat, das weiß auch Gottschalk: „Es kann gut sein, dass mein Achtzigster ganz ohne mich stattfindet“.

4 Kommentare