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Der Mensch ist keine Maschine

Bestseller-Autor Ian McEwan beschäftigt sich in seinem neuen Roman mit Künstlicher Intelligenz. - 02.06.2019 13:21 Uhr

Der britische Bestseller-Autor Ian McEwan, stellt die Frage, ob Roboter lieben können. © Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa


Mit seinem soeben auf Deutsch in der bewährten Übersetzung von Bernhard Robben erschienenen Roman "Maschinen wie ich" versucht er sich mit einer Dystopie, die im Gegensatz zum gängigen SF-Genre nicht in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit gerichtet ist.

Der 32-jährige Ich-Erzähler Charlie Friend, ein eher durchschnittlicher "Held" ohne Abgründe, wird zum Auslöser für eine Geschichte mit Beispielcharakter. Wie schon in der "Nussschale", so kommt McEwan auch hier auf die Ursprünge des englischen Romans im 18. Jahrhundert zurück, als der Roman neben der Unterhaltungs- auch eine aufklärerisch-didaktische Funktion hatte.

England im Jahr 1982

Worum geht's? Man schreibt das Jahr 1982. England hat gerade unter Regierung von Margret Thatcher den Falklandkrieg verloren. Die Beatles haben sich wieder vereinigt, das Land ist voller Widersprüche, Künstliche Intelligenz bestimmt den Alltag der Bessersituierten, den Abgehängten geht es so schlecht wie noch nie, die soziale Verwahrlosung nimmt zu. Damit wird unzweifelhaft auf die Gegenwart angespielt: Der Brexit lässt grüßen! Charlie Friend kauft sich vom Erbe seiner Mutter für 86 000 Pfund den ersten funktionstüchtigen künstlichen Menschen. 25 Exemplare –12 Adams und 13 Eves – wurden insgesamt verkauft. Schöpfer dieser Prototypen ist unter anderem der 1954 verstorbene Mathematiker Alan Turing, der im 2. Weltkrieg den Enigma-Code der Nazis entschlüsselte. McEwan lässt ihn wieder auferstehen.

Charlie programmiert seinen Adam genau nach den Gebrauchsanweisungen eines mitgelieferten Handbuchs. Ja, er kann der Maschine sogar menschliche Eigenschaften und Gefühle verleihen. Seine zehn Jahre jüngere Freundin Miranda, deren Vorname nicht von ungefähr auf Shakespeares "Sturm" verweist, darf ihn ebenfalls mit programmieren, was zwangsläufig zu einer ersten Katastrophe führen muss. Charlie ist unsterblich in Miranda verliebt. Als sie aus einer Laune heraus, aus Neugier mit dem künstlichen Menschen Adam schläft, kommt es zum ersten Zerwürfnis. Charlie reagiert mit Eifersucht. Miranda streitet alles ab: Sex mit einer Maschine sei nicht anderes als Sex mit einem Vibrator.

Eine Art "menage a trois" beginnt. Die "Maschine" verzehrt sich vor lauter Liebe zur Angebeteten, beginnt Liebesgedichte zu schreiben, produziert Haikus am laufenden Band. Die Dreier-Idylle ist leider nicht von Dauer. Miranda (Sturm!) hat eine Leiche im Keller. Hier beginnt die nun stark über-konstruierte Story, die es mit ihrem Rache-Plot durchaus mit trivial-literarischen Grundmustern aufnehmen kann. Einer Verfilmung steht da nichts im Wege.

Mirandas beste. aus Pakistan stammende Freundin wurde von Peter Goringe vergewaltigt. Das hat sie in den Selbstmord getrieben. Miranda rächt sich für ihre Freundin, bringt den Vergewaltiger mit der Falschaussage vor Gericht, selbst von ihm vergewaltigt worden zu sein. Dafür wandert er in den Knast. Die Drohung steht im Raum, dass er nach seiner bevorstehenden Entlassung Miranda umbringen werde.

Ein zweiter Erzählstrang nimmt Fahrt auf: Charlie und Miranda verlieben sich in Mark, einen kleinen Jungen aus dem Abgehängten-Milieu. Sie wollen ihn kurzentschlossen adoptieren, seinem Milieu entreißen. Adam assistiert bei den komplizierten Formalitäten der Adoption. Die Abhängigkeit von Adam, von seiner künstlichen Intelligenz wird immer größer. Er bestimmt denn auch bis zum bitteren Ende den Fortgang der Handlung.

Womit sie aber nicht gerechnet haben, ist die Hartnäckigkeit, mit der Adam seinen maschinell eingebauten Prinzipien treu bleibt, an die sich ein Mensch niemals halten würde. Der englische Titel "Machines like me (and people like you)" spricht es aus: Die Menschheit ist gut, wären da nicht die Leute. Die menschliche Unzulänglichkeit wirft alle Prinzipien über den Haufen. Leben heißt "überleben." McEwan hält seinen Lesern einen Spiegel vor. Wohl wissend, dass sie sich darin nicht erkennen.

Ian McEwan: Maschinen wie ich. Roman. Diogenes-Verlag, Zürich. 407 S., 25 Euro. 

FITZGERALD KUSZ

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