Klappe auf ab Dienstag

Die Hofer Filmtage trotzen der Pandemie mit prallem Programm

Regina Urban

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25.10.2021, 17:08 Uhr
Bernhard Schütz (li.), Sandra Hüller und Jacob Matschenz im Eröffnungsfilm

Bernhard Schütz (li.), Sandra Hüller und Jacob Matschenz im Eröffnungsfilm "Das schwarze Quadrat". © Gordon Timpen/Port au Prince Pictures, NN

2020 waren die Hofer Filmtage Pioniere, als einziges Festival in Deutschland präsentierte man im ersten Corona-Jahr das Programm analog in den Kinos und digital. Inzwischen hat sich das hybride Format weltweit etabliert, auch bei der 55. Filmtage-Ausgabe, die vom 26. bis 31. Oktober stattfindet, werden wieder beide Schienen bespielt. Wobei das Online-Angebot sogar bis zum 7. November abrufbar bleibt.

Turbulenzen auf dem Kreuzfahrtschiff

Zugleich stehen die Zeichen vor Ort klar auf beste Festival-Stimmung – nur die Parties fallen erneut aus. Keine Einschränkungen gibt es dagegen in punkto Filmangebot und Gäste. 45 Spiel-, 23 Dokumentar- und 51 Kurzfilme stehen auf dem Programm, wobei dem jungen deutschsprachigen Film die größte Plattform gehört.

Die Ehre des Eröffnungsfilms gebührt diesmal Peter Meister, der für sein Langfilm-Debüt „Das schwarze Quadrat“ ein prominentes Ensemble vor der Kamera versammelt. Sandra Hüller, Bernhard Schütz und Jacob Matschenz geraten in der auf einem Kreuzfahrtschiff spielenden schwarzen Gaunerkomödie wegen des gestohlenen titelgebenden Malewitsch-Bildes mehrfach in die Bredouille.

Rom im Lockdown

Danach geht es spannend weiter. Die Filme erzählen von den Herausforderungen des Lebens, schwierigen Schicksalen, von Cyber-Welten und anderen Fluchten vor der Realität. Ein Themenkomplex widmet sich Politik, Verfolgung und Widerstand. Die Filme führen nach Kolumbien („Amparo“), in die Dominikanische Republik („Bantú Mama“) und in eine Berliner Grundschule. Dort spielt Florian Hoffmanns Drama „Stille Post“, in dem ein kurdischer Lehrer in Videos aus seiner Heimatstadt Cizre seine tot geglaubte Schwester zu erkennen glaubt.

Während des Corona-Lockdowns in Rom drehte Abel Ferrara „Zeros and Ones“ mit Ethan Hawke als Soldat einer US-Eliteeinheit, der in der von Militärs kontrollierten Stadt stationiert ist und einem geplanten Terroranschlag auf den Vatikan auf die Spur kommt. Der Film firmiert als Thriller, der in naher Zukunft spielt, erinnert aber auf beunruhigende Weise an Heute.

Familienbande und die damit verbundenen Konflikte sind ein weiteres Thema. Max Fey zeichnet in seinem Spielfilm-Debüt „Zwischen uns“ ein intensives Mutter-Sohn-Porträt mit Liv Lisa Fries („Babylon Berlin“) als Eva, die mit aller Kraft um ein stabiles Zusammenleben mit ihrem autistischen, unter Angst- und Wutattacken leidenden Sohn kämpft.

"Egalité" von "4 Blocks"-Star Kida Khodr Ramadan

Der vielgefragte Schauspieler Kida Khodr Ramadan („4 Blocks“) erzählt in seiner dritten Regie-Arbeit „Égalité“ von einem Vater, dessen Tochter nach einer angeblich harmlosen Mandeloperation blind erwacht. Um die Wahrheit zu erfahren, trifft er eine folgenschwere Entscheidung.

Viel Diskussionsstoff bieten auch die Hof Plus-Gespräche. Dabei geht es unter anderem um die Frage, warum Frauen über 50 im Film deutlich unterrepräsentiert sind und was passieren muss, damit sich das ändert. Die Veranstaltung wird live gestreamt, via Chat kann man sich auch in den Talk einloggen.

Die Retrospektive ehrt den Schauspieler Joachim Król mit neun Filmen, angefangen von „Die tödliche Maria“ bis zu „Der Junge muss an die frische Luft“. Und für eine in jeder Hinsicht außergewöhnliche Weltpremiere sorgt der griechische Musikproduzent Asteris Kutulas. Der enge Weggefährte des im September gestorbenen, großen Komponisten Mikis Theodorakis inszeniert dessen „Elektra“-Opern-Musik als Gesamterlebnis auf vier Leinwänden. Darauf sind synchron zur Musik die Ballett-Aufführung, die Proben, fiktionale Szenen und die Einspielung der Musik mit Chor und Orchester zu sehen. Das Publikum kann sich in der im Haus der Musik eingerichten Installation frei bewegen. „Liquid Staging“ nennt Kutulas das in Hof erstmals realisierte Format, zu dessen Idee er auch eine Masterclass gibt.

Król und Kutulus sind zwei von vielen prominenten Gästen – darunter Abel Ferrara, Julia von Heinz, Rosa von Praunheim, Liv Lisa Fries und Bernhard Schütz –, denen man in Hof nicht auf dem roten Teppich (den spart man sich aus guter, alter Tradition), sondern auf Augenhöhe und eventuell am Bratwurststand vor dem Central Kino-Komplex begegnen kann. Das hat wieder alle Säle für die Filmtage freigemacht, auch das Scala stellt sein Haus diesmal komplett zur Verfügung.

Neue Kurzfilm-Preise

Ebenso stehen die Preisstifter dem Festival, das seit dem Tod seines legendären Gründers Heinz Badewitz 2016 von Thorsten Schaumann geleitet wird, treu zur Seite. Zu den zahlreichen Auszeichnungen (vom Filmpreis der Stadt Hof bis zum Hofer Goldpreis) sind sogar noch zwei hinzugekommen – für den bei den Filmtagen von Anfang an hochgehaltenen Kurzfilm. Der eine wird von einer Jury vergeben, der andere vom Publikum. Das Preisgeld – jeweils 2500 Euro – stiftet die Stadt, die weiß, was sie an diesem Festival hat.

Bei den Filmtagen gilt die 3Gplus-Regel, das Tragen der Maske wird empfohlen. Alle Infos: www.hofer-filmtage.de

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