Sonntag, 29.03.2020

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Die Liebe überwindet jede Barrikade

Jenseits von Puccini: „Andrea Chenier“ von Umberto Giordano im Nürnberger Staatstheater - 03.04.2013 11:55 Uhr

Im weißen Kleid: Ekaterina Godovanets als Maddalena de Coigny umgeben von den Hofschranzen. © Jutta Missbach


„Allein die Leidenschaft ist wahr“, heißt es an einer Stelle. Und genau das scheint die Antriebsfeder für den Komponisten und seinen Texter Luigi Illica gewesen sein: „Andrea Chenier“ ist reinstes Emotionstheater, das mit den ganz großen Gefühlen jongliert.

Dafür ist Oper ja gemacht: Szenen wie Maddalenas Schicksalsbeweinung „La mamma morta“ (vielen bekannt in der Callas-Aufnahme im Film „Philadelphia“) oder das bewegende Schlussduett, mit dem die beiden Liebenden ihren Weg ins Jenseits antreten, können niemanden kalt lassen.
 

Rokoko-Prunksaal
 

Die Frage ist, ob fünf schlagkräftige Zugnummern (darunter zwei veritable Chortableaux) eine szenische Wiedergabe rechtfertigen oder ob die Sache nicht doch in der Wunschkonzert-Ecke gut aufgehoben wäre. Bei den Bregenzer Seefestspielen ließ Keith Warner das Geschehen vor und während der Französischen Revolution rund um den bühnenbeherrschenden Kopf des Jakobiner-Führers Jean Paul Marat spielen. Für Nürnberg (und später Erfurt) erdachte Edoardo Sanchi einen silbrig-kalten Rokoko-Prunksaal, der sich im Verlauf durch verschiedene Öffnungen und Stellungen in einen Gerichtssaal und am Ende in einen Kerker verwandelt.

Viel zu tun gab es für die Schneiderei, denn Kostümbildnerin Roswitha Thiel bemühte sich um hohe Authenzitität bei den zeitgenössischen Gewandungen aus dem Frankreich des ausgehenden 18. Jahrhunderts: Höfischer Pomp bis zur Jakobinermütze und zum Zweispitz — alles diente zur Darstellung der revolutionären Folie, vor der sich die Dreichecksgeschichte zwischen Maddalena, Andrea und Carlo abspielt.

Auch Regisseur Guy Montavon setzt ganz auf Konvention und stimmige Atmosphäre: Er erzählt das „dramma di ambiente storico“ behutsam, mit viel Raum für die Darstellung der veristischen Glut und hie und da mit ironischen Brechungen, wenn etwa im Gerichtssaal nicht nur das Schicksalschwert über den Angeklagten schwebt, sondern das richtende Volk ebenfalls in der Luft hängt.

 

Nur Kulisse
 

Freilich deckt so eine vorsichtige, mit etlichen überlebten Metaphern arbeitende Herangehensweise auch die eklatanten Schwächen des Stücks auf, die erklären, weshalb es sich letztlich zwischen „La Bohème“ und „Tosca“ nicht so richtig in den Spielplänen verankern konnte: Mit Ausnahme von Carlo Gérard, der vom Bediensteten zum hohen Revolutionstier aufsteigt, macht kaum eine Figur eine Entwicklung durch und der historische Hintergrund der aufgewühlten ersten Pariser Revolution bleibt nur Kulisse für ein Liebesdrama.

Das allerdings kosten die Hauptdarsteller (allesamt aus dem Hausensemble!) in ihren kräftezehrenden Partien voll aus: Vincent Wolfsteiner (Andrea Chenier) verkörpert den leidenschaftlichen Überdruck des Dichters, der seinen Gesinnungen treu bleibt. Selbst da, wo Wolfsteiners Tenor eng zu werden droht, passt es ins Rollenprofil. Mit sattelfestem Sopran kann Ekaterina Godovanets ihre gestalterische Kompetenz erst im zweiten Teil ausleben. Ein wuchtig tönendes Porträt zeichnet Mikolaj Zalasinki von Andreas Gegenspieler Carlo. Ganz außerordentlich und mit einem samtigen Bariton ausgestattet: der Aserbaidschaner Javid Samadov als Chenier-Freund und Dichterkollege Roucher.

Wie so oft in jüngster Zeit von einnehmender Präsenz: Der von Tarmo Vaask geführte Chor. Prächtig auch, was das Orchester ablieferte: Philipp Pointer fachte die veristische Glut massiv an, ohne zu überzeichnen. Dem Dirigenten ging es um die Wucht der Überwältigung. Hier wird mit grellen Farben klanggemalt. Ob Marseillaise-Fanfaren oder der Tonfall klagender Vereinsamung, ob Menuett-Künstlichkeit oder auffahrender Massenpöbel: Die Staatsphilharmonie legte sich vollmundig ins Zeug.

Als Beispiel für den Verismo jenseits von Puccini ist das vieraktige Werk sicher eine Horizonterweiterung. In einem Spielplan, der das gesamte 20. Jahrhundert von „Cardillac“ bis „Moses und Aron“ brach liegen lässt und lediglich mit dem „Weißen Rössl“ bedient, ist diese Oper ein verzichtbarer Fremdkörper. Und auch der unglückliche Premierentermin an einem Karsamstag rächte sich: Große Lücken im weitgehend jubelnden Haus.

Weitere Vorstellungen: 6., 9., 13., 25. und 28. April, 13. und 21. Mai; Karten: Tel. 01805/52231600.
 

JENS VOSKAMP

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