Montag, 09.12.2019

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Die Uroma von Alexa heißt Olimpia

"Der Sandmann" hatte im Nürnberger Schauspielhaus Premiere - 03.06.2019 12:02 Uhr

Die Grenzen zwischen Alptraum und Wirklichkeit, Fakten und Fiktion, Mensch und Maschine sind fließend: Szene aus Clara Weydes Nürnberger Inszenierung von E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“. © Foto: Konrad Fersterer


Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Technische Ungeheuer können aber durchaus auch Ergebnis menschlicher Vernunft sein. Der Schriftsteller E.T.A. Hoffmann (1776-1822) war einer der Ersten, der die Ambivalenz des grenzenlosen Fortschrittsdenken der Aufklärung thematisierte. Als Vertreter der Romantik interessierten ihn die Nachtseiten der menschlichen Existenz, das Irrationale, das immer wieder in den Alltag einbricht.

Hoffmanns vieldeutige Horror-Story "Der Sandmann" hat spätestens seit Robert Wilsons Inszenierung für die Ruhrfestspiele (2017) Konjunktur an deutschen Theatern. Im Nürnberger Schauspielhaus präsentierte Regisseurin Clara Weyde nun eine eigene (Kurz-)Fassung, die sie zusammen mit der Dramaturgin Brigitte Ostermann entwickelt hat. Nur 95 Minuten dauert ihre Inszenierung und entspricht damit der neuen Nürnberger Schauspielpraxis: Ein Theaterabend soll kurz und konzentriert, jedenfalls nicht viel länger als ein Spielfilm sein.

Mit einem Knalleffekt und einem Live-Video fängt der Abend an: Da behauptet der junge Nathaniel, er könne fliegen – und stürzt sich in den Tod. Die ganze Geschichte wird also von hinten aufgezäumt, was für zusätzliche Irritation sorgt. Der im Sarg aufgebahrte Nathaniel erlebt seine eigene Beerdigung, die Hinterbliebenen reden über ihn, als wäre er nicht da.

Aber eigentlich gehörte der fantasievolle, selbstverliebte Künstler Nathaniel auch zu Lebzeiten nicht richtig zur so genannten normalen Gesellschaft. Seit dem plötzlichen Tod seines Vaters ist er irgendwie traumatisiert und wird von schrecklichen Alpträumen verfolgt. Der fiktive Sandmann, der Kindern die Augäpfel entreißt, spielt dabei eine Schlüsselrolle und verschmilzt mit der schreckerregenden Figur des Advokaten Coppelius.

Clara Weyde setzt bei ihrer aufwändigen Inszenierung auf die surreale Logik des Traums und eindrucksvolle Rätsel-Bilder. Entscheidenden Anteil daran haben ihr Bühnenbildner David Hohmann sowie Clemens Leander (Kostüme) und José Hurtado (Choreografie).

Spiegelbild der Realität

Die Bühne ist ein mit bedrückend dunklem Holz getäfelter Guckkasten mit doppeltem Boden: Mitunter öffnet sich eine Wand zu einem Spiegelbild des Geschehens. Ja, man kann den eigenen Augen nicht trauen, Fantasie und Wirklichkeit, Traum und Trauma, Innen- und Außenwelt sind kaum voneinander zu trennen. Die Figuren tragen eine zeitlos-skurrile Mischung aus Sportkleidung und Uniform und erscheinen daher mehr oder minder austauschbar. Sie trippeln, hüpfen und tänzeln seltsam über die Bühne, gackern wie die Hühner und reden gerne auch mal rückwärts. Denn nicht einmal auf die Sprache ist Verlass.

Schärferes Profil entwickeln können eigentlich nur Maximilian Pulst (Nathaniel), Pauline Kästner (Olimpia) und Felix Mühlen (Coppelius/Sandmann). Sie haben (und nutzen) die Chance, in diesem Schnelldurchlauf mehr als Stichworte zu geben und Charaktere zu entwickeln.

Olimpia, die lebendige Puppe, ist hier ein humanoider Sprachroboter und könnte ganz zeitgemäß Alexa heißen: Ein bezauberndes Kunstwesen, das alle fasziniert, Nathaniel den Kopf verdreht und schließlich ein destruktives Eigenleben entwickelt. Die Dialoge zwischen Olimpia und Nathaniel gehören zu den eindringlichsten Szenen der Inszenierung, die den "Sandmann" mit der Problematik der Künstlichen Intelligenz konsequent zusammendenkt. Mit voraussehbar schlimmen Folgen: Olimpia führt nach einem Programmierungsfehler die ganze gehirngewaschen Gesellschaft ins Verderben, genau gesagt in eine rot lodernde Feuerhölle. Und Nathaniel, der unglücklich verliebte Außenseiter, sitzt am Ende allein auf einem Eismeer, wie von Caspar David Friedrich (noch so ein Romantiker!) gemalt. Mit seinem tödlichen Absturz schließt sich der Kreis.

Nicht alles erschließt sich in diesem sehenswerten "Sandmann", der von der Thematik und Machart her gut zum Internationalen Figurentheaterfestival gepasst hätte, das am Wochenende zu Ende ging. Das Publikum reagierte mit starkem Beifall.

Weitere Vorstellungen: 7., 19., 25., 27. Juni. Kartentel. 09 11/2 16 27 77.

STEFFEN RADLMAIER

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