Freitag, 13.12.2019

|

zum Thema

Ding der Woche: "Nur eine Frau"

Film erzählt Geschichte der 2005 ermordeten Hatun Aynur Sürücü - 30.10.2019 18:56 Uhr

Kulturredakteurin Regina Urban hat sich für uns "Nur eine Frau" angesehen. © Repro


Mit 16 wird Hatun Aynur Sürücü (Almila Bagriacik) vom Gymnasium genommen, um in der Türkei nach sunnitisch-kurdischer Tradition mit ihrem Cousin verheiratet zu werden. "Danach feiern alle, dass ich den Besitzer wechsle", kommentiert die Erzählerinnenstimme lakonisch aus dem Off. Als Aynur ein Jahr nach der Heirat vor der Hölle, die ihre Ehe ist, hochschwanger zurück nach Berlin zu ihrer Familie flieht, empfängt sie kein Mitgefühl. Die Mutter, mehr noch als der schweigsame Vater, und die Brüder sehen die Ehre der Familie beschmutzt. Ihr Alltag besteht fortan aus Beten und niederen Haushaltsarbeiten. Mit ihren drei Schwestern muss sie sich ein Zimmer teilen. Als das Baby zur Welt kommt, wird die beengte Situation unerträglich und Aynur mit dem Kind in die Abstellkammer verbannt. Eine Gefangene im Haus ihrer Eltern ohne Rechte, die in höchster Not schließlich den Schritt nach draußen wagt.

Mit Hilfe des Jugendamts findet sie eine eigene Wohnung, macht die Schule zuende und beginnt eine Lehre als Elektroinstallateurin. Sie legt das Kopftuch ab, verliebt sich in einen Deutschen. Für ihre Brüder ist Aynur nun endgültig eine Hure, am Telefon wird sie von ihnen wüst beschimpft und mit Mord bedroht.

Gemeinsam mit Produzentin Sandra Maischberger hat Sherry Hormann ihren Film auf Gerichtsakten, Gutachten und journalistischen Recherchen zum Fall Sürücü aufgebaut. Neben Dokumaterial werden als Texttafeln die sechs Vergehen eingeblendet, die laut Bundeskriminalamt von sogenannten "Ehrenmördern" als todeswürdig erachtet werden. Es ist ein archaischer, frauenverachtender "Ehrenkodex", in dem vor allem Aynurs Brüder Sinan und Nuri von einem Hassprediger bestärkt werden.

Zugleich zeigt der Film, wie die Frauen selbst das patriarchale System stützen. Die selbständige, lebensfrohe Aynur war nicht nur für die Männer in ihrer Familie eine Demütigung und Provokation. Ihr Schicksal steht beispielhaft für jährlich rund 5000 Frauen, die Opfer von "Ehrenmorden" werden. Shermann gelingt es mit ihrer wunderbar unkonventionellen Inszenierung nachhaltig, an sie zu erinnern. (DVD/Blu-ray/Euro Video)

Regina Urban

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Kultur