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"Ein bisschen Würde": Zurück zum Haarschnitt

Satirische Betrachtung zur zentralen Bedeutung der Frisur in der Pandemie - 26.02.2021 10:18 Uhr

Auf dass wir nie vergessen, was wir dem Friseurhandwerk zu verdanken haben (von oben links im Uhrzeigersinn): Donald Trumps goldener Beton, David Hasselhoffs Mutter aller Vokuhilas, Peter Wrights Dart-Irokese, Janis Joplins Straight-Out-Of-Bed-Look, Urban Priols Quer-Irokese und Rod Stewarts 80er-Matte mit ausgewachsenem Pony.

26.02.2021


Ich habe eine Nachbarin. Wohl kaum jemand ist über die baldige Öffnung der Friseurläden so erleichtert wie sie. "Furchtbar", mit langem "U" und fränkischem "R", ist das Wort, dass ich jeden zweiten Tag im Treppenhaus von ihr höre. Entweder es geht um die Schlangen im Supermarkt – sie kauft geschickterweise immer am Montagvormittag ein. Oder es geht um die Frisur-lose Hölle, in der sie gezwungen ist zu leben.


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Meine Nachbarin ist mit dieser Einstellung nicht allein. Da gibt es natürlich die Friseurinnen und Friseure selbst, für die es eine Existenzfrage ist, ob sie ihrem Handwerk nachgehen können oder nicht. Auch Familienministerin Franziska Giffey reiht sich ein: "Es nervt", sagt sie, "dass ich seit Wochen nicht zum Friseur gehen kann." Der Haaransatz sei das Problem. Kürzlich diktierte außerdem eine ältere Frau einem Kollegen in den Block: "Die blöde Impfung brauche ich nicht so dringend, was mir fehlt, ist ein Friseur." Also, liebe Politik: Alles richtig gemacht, Glückwunsch!

Körperhygiene ist kein Spaß

Es ist doch so. Die als Begründung angeführte "Bedeutung der Friseure für die Körperhygiene" kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Bei Körperhygiene verstehen wir keinen Spaß, davon kann die Klopapier-Industrie ein Lied singen. Die Bedeutung von Dusche und Zahnbürste für die Körperhygiene erscheint zwar ebenfalls wichtig. Aber wenn man ehrlich ist, bemerkt den Gestank hinter der Maske doch eh keiner. Ob der Waschlappen seit Tagen trocken bleibt, das spielt in einer Videokonferenz nicht die geringste Rolle. Die Frisur ist es, die uns vom Höhlenmenschen unterscheidet.

Deswegen hat das "ein bisschen auch mit Würde zu tun", wie Markus Söder feststellt. Sein eigenes Geld zu verdienen und nicht auf Staatshilfen angewiesen zu sein, die spät oder gar nicht kommen, hat vielleicht auch ein bisschen mit Würde zu tun – zumindest für Randgruppen wie Restaurant-Besitzerinnen oder Konzertveranstalter. Aber man kann sich ja nicht um alles gleichzeitig kümmern.

Gibt’s im Netz nicht

Hier stehen schließlich Beziehungen auf dem Spiel. "Mein Baby war beim Haare schneiden, jetzt kann ich sie nicht mehr leiden", trällerten schon die Ärzte in den Neunzigern, als sie der Frisur gleich ein komplettes Konzeptalbum widmeten. Wir leben mittlerweile im Zeitalter der Digitalisierung, und da frage ich Sie: Was kann man im Internet nicht bekommen? Richtig, einen vernünftigen Haarschnitt!

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Jemand musste etwas tun, das liegt doch auf der Hand. Fußballer etwa umgingen dreist die Regelungen und ließen sich trotz Lockdown die Matte föhnen. Gut, sie sind reich und berühmt, das ist natürlich etwas anderes. Doch Normalsterbliche machten es ihnen nach – und da geht es dann wirklich zu weit. Innenminister Horst Seehofer, dem nichts entgeht, was in diesem Land passiert, hat es denn auch auf den Punkt gebracht: Ein regelrechter Schwarzmarkt habe sich entwickelt für die Lockdown-Brecher mit Schere und Rasierer.


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Gut, für Heroin hat sich auch so etwas wie ein Schwarzmarkt entwickelt, oder für automatische Handfeuerwaffen. Deshalb, so mein Plädoyer, sollte man hier eventuell ebenfalls über Lockerungen nachdenken. Aber nochmal: Die Politik kann sich nicht um alles gleichzeitig kümmern.

Politik ist die Kunst des Möglichen. Dass Bismarck das gesagt hat, brauche ich Ihnen nicht zu erzählen. Der Mann wusste, wovon er redet. Also sparen wir uns doch die kleinlichen Rufe nach einer vernünftigen Impfstrategie oder nachvollziehbaren Lockdown-Regelungen und lassen die Exekutive in Ruhe arbeiten. Die machen das schon, wir haben sie schließlich gewählt.
Das findet auch Alexander Krex, der auf Zeit Online schreibt, dass eine "Scheindebatte" über Friseurläden "ein stabilisierendes Potenzial haben kann in schwierigen Zeiten". Zumal die Regierung sich dadurch den Spielraum schaffe, andere unpopulärere Entscheidungen zu treffen, um die Pandemie einzudämmen.

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Na eben. Gib dem Affen Zucker! Sollen die Medien doch die Friseur-Sau durchs Dorf jagen. So hält man sich den Rücken frei für Wichtigeres, für Grundrechtseinschränkungen oder so.
Moment mal... Ich muss über diesen letzten Satz nochmal nachdenken. Ratter, ratter... Was mache ich hier eigentlich gerade? Ratter, ratter. .. Äh, ich bin dann mal weg. Morgen schreibe ich wieder über ein anderes Thema

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