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Europa auf Kur: Davos als Hotspot europäischer Kurgeschichte

Das GNM sucht in Davos zwischen 1870 und 1940 die Parallelen zum Heute - 14.04.2021 11:26 Uhr

Blick auf das Davoser Bergpanorama: Sertigtal im Herbst, 1925/26, von Ernst Ludwig Kirchner, 1925/26, Leihgabe des Kirchner Museums Davos

14.04.2021 © GNM


Sport

Werben für den Sport: Plakat "Internationales Eiswettlaufen Davos" von 1908/09

14.04.2021 © Ute Bock


Davos ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein symbolischer Ort. Die Hochgebirgsluft versprach nicht nur Heilung für Lungenkranke, sondern wurde mit der Zeit auch zu einem Paradies für Wintersportler. Denn kaum hatten sich Winterkuren etabliert, wuchs auch vor Ort das Angebot an sportlichen Aktivitäten auf Eis und Schnee.

Viele Kranke, die aus ganz Europa auf der Suche nach Genesung anreisten, wurden von Familienmitgliedern oder Freunden begleitet, die während ihres Aufenthalts nach Abwechslung und Unterhaltung suchten. Gesunde und nur leicht Erkrankte erfreuten sich zunächst an Spaziergängen im Schnee oder einer Fahrt auf von Pferden gezogenen Schlitten. Was als einfaches Wintervergnügen begann, entwickelte sich schnell zu einem ernsthaften Sport mit professionell organisierten Wettkämpfen. Britische Gäste führten Sportarten wie Curling, Eiskunstlaufen, Bobsleigh und Eishockey ein, Norweger brachten Schlitten und Skier mit. Die in Davos weilenden Gäste gründeten Sportvereine und organisierten hochkarätig besetzte internationale Turniere, für die eigens Sportstätten nach neuesten Standards errichtet wurden. Die Erfindung des Bügellifts, die kontinuierliche Erschließung der umliegenden Berge für Skifahrer und Schanzenspringer und die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten für Freizeitsporter trugen dazu bei, dass parallel zum streng organisierten Kurwesen ein Sportparadies entstand.

Kunst

Ländliche Idylle: Detail aus dem Alpleben von Ernst Ludwig Kirchner,1918/19, Leihgabe des Kirchner Museums Davos

14.04.2021 © GNM


Neben Thomas Mann ist Ernst Ludwig Kirchner der berühmteste Künstler, dessen Schaffen eng mit Davos verbunden ist. 1917 zog der gesundheitlich schwer angeschlagene Expressionist in die Bergwelt, um dem hektischen Großstadtleben Berlins zu entfliehen. Hier suchte er Ruhe, Abgeschiedenheit und Heilung – und fand sie in der ländlichen Idylle des einfachen Alpenlebens. In der Welt der Alpenbauern sah er Ideale wie Gemeinschaftssinn und Friedfertigkeit verwirklicht. Seine Werke aus dieser Zeit spiegeln diese Empfindung und zeigen stilisierte Darstellungen des Bauern- und Hirtenalltags. Die Alpenwelt wurde für Kirchner zum Ort der Erneuerung des Menschen nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs.

Ganz anders der etwa gleichalte Maler Philipp Bauknecht, der als Tuberkulose- Kranker ungewollt nach Davos kam und die ländliche Abgeschiedenheit als trostlos, rückständig und erdrückend empfand. Bauknecht blieb zeitlebens ein Außenseiter in der bäuerlichen Gesellschaft. Er hatte einen völlig anderen Blick auf die Schweizer Bergwelt und verweigerte ihr jede Idealisierung. Seine Bauern zeigt er derb und roh, eine unterschwellige Bedrohung beherrscht seine Bilder. Beide Malerpersönlichkeiten stehen exemplarisch für die Widersprüchlichkeit ihrer Zeit, die in der Kunst der Moderne ihren Ausdruck fand.

Im Laufe der 1930er Jahre geriet das von Kirchner ersehnte ruhige Leben aus den Fugen: In Deutschland wurde er zu einem der prominentesten Opfer der diffamierenden Ausstellung Entartete Kunst. Es folgte der Ausschluss aus der Berliner Akademie. Kirchner, der schon länger wieder Drogen konsumierte, verfiel in Verzweiflung und setzte seinem Leben am 15. Juni 1938 ein Ende. Seine Pistole beschließt den Rundgang durch die Ausstellung. Die Waffe dokumentiert nicht nur den Tod des Künstlers, sondern auch die damals allgegenwärtige Bedrohung durch den Krieg. Sie veranschaulicht die tiefen Abgründe von Verzweiflung, Gewalt und Vernichtung, die sich in der europäischen Kultur der Moderne auftaten.

Krankheit und Liegekur

Davoser Liegestuhl, um 1930

14.04.2021 © GNM


Der Alltag vieler Patienten in Davos pendelte zwischen Lebensfreude und Langeweile, Verzweiflung und Hoffnung. Die Krankheit zwang zum Innehalten. Mondäne Kurhotels und Sanatorien entstanden, deren offene Balkone mit Liegestühlen ausgestattet waren, um den Lungenkranken jederzeit den Aufenthalt an der frischen Luft zu ermöglichen. Herausragende Experten der Lungenheilkunde verbesserten die Therapie. So führte Karl Turban die „disziplinierte“ Liegekur ein: Der Tagesablauf eines Kranken wurde vollkommen durchstrukturiert und bestand im Wesentlichen aus mehrstündigem Liegen, einzig unterbrochen durch kurze Spaziergänge, Stehen und Sitzen im Freien und das Einnehmen der Mahlzeiten. In horizontaler Perspektive zeigte sich die Welt auf neue Weise, der Liegestuhl wurde zum Davoser Symbol.

Strenge Hygienekonzepte bestimmten außerdem den Alltag: Kranken wurde nahegelegt, stets ein Taschenfläschchen bei sich zu tragen, um das damals durchaus übliche, aber infektiöse Ausspucken auf die Straße zu verhindern. 1895 hatte Conrad Röntgen die im Deutschen nach ihm benannten Strahlen entdeckt.

1909 gab es bereits 27 Röntgeninstitute in Davos. Noble Sanatorien verfügten sogar über eigene Röntgenkammern. Das Verfahren diente als Basis für chirurgische Maßnahmen. Reiche Patienten konnten in Davos auf die modernsten medizinischen Innovationen zurückgreifen. Erst die Entdeckung des Antibiotikums Streptomycin im Jahr 1943 eröffnete neue Heilungsmethoden und beendete die große Zeit von Davos als Lungenkurort.

Literatur

Thomas Mann auf dem Eisfest in Davos, Foto von Feb. 1921

14.04.2021 © ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv, GNM


Das berühmteste literarische Denkmal setzte dem Kurort sicherlich Thomas Mann mit seinem Roman Der Zauberberg. Doch der Nobelpreisträger war nicht der erste, der über das Leben und Leiden in Davos schrieb. Bereits ab den 1880er Jahren erschienen zahlreiche Texte, die allerdings nicht die Bekanntheit des Zauberbergs erreichten. Anders als Mann waren die meisten Autorinnen und Autoren, die die Tuberkulose literarisch behandelten, selbst erkrankt. Sie beobachteten das kulturelle Leben von Davos aus nächster Nähe und blieben doch oftmals davon ausgeschlossen.

Politik

Philipp Bauknecht: Rekonvaleszent, vor 1924

14.04.2021 © GNM


Mit dem Ersten Weltkrieg endete die Blütezeit des Kurorts Davos. Von den Kämpfen blieb die „Friedensinsel“ Schweiz zwar verschont, sie litt aber unter den wirtschaftlichen Auswirkungen. Humanitäre Hilfsprogramme förderten das internationale Ansehen und halfen zugleich dem Gastgewerbe. Kriegsversehrte und Invalide wurden zur Genesung nach Davos eingeladen, und intellektuelle Zirkel luden zu Diskussionsforen, um die Stimmung zu befrieden. Dennoch entwickelte sich Davos in den 1930er Jahren auch zu einem Zentrum nazistischer Umtriebe. Viele Deutsche lebten inzwischen dort, die Community war groß.

Projekte wie die internationalen Hochschulkurse arbeiteten dem entgegen und brachten französische und deutsche Wissenschaftler und Studierende miteinander ins Gespräch. 1928 wurden die Veranstaltungen von Albert Einstein eröffnet. Europa sollte sich nach den Schrecken des Krieges in Davos seiner geistigen Fundamente versichern. Auf den Hochschulkursen basiert letztlich auch das Weltwirtschaftsforum, das bis heute in Davos tagt. Damit erweiterte sich der Markenkern von Davos.

Neben Gesundheit und Wintersport verlieh nun der Wissenschaftsstandort Davos internationalen Stellenwert. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und neue Behandlungsmethoden gegen Tuberkulose führten dazu, dass Davos heute vor allem als Wintersportdestination und Ausrichter des Weltwirtschaftsforums bekannt ist. Seine Internationalität und den „Mythos Davos“ hat sich der Schweizer Ort aber bewahrt.

Digitale Angebote

Sobald die Museen in Nürnberg wieder öffnen, wird auch diese Ausstellung zugänglich sein. Alternativ finden regelmäßig digitale Einführungen auf Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch statt. Termine und Ticketbuchungen im Online-Ticketshop unter https://gnm.de, weitere Informationen auch auf https://gnm.de/davos

Daniel Hess, Thomas Brehm, Susanna Brogi, Tilo Grabach, Sonja Mißfeldt, Claudia Parhammer

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