Fatih Akin: „Wir sind leider noch kulturelle Banausen“

20.3.2011, 13:00 Uhr

Auch Fatih Akins Freund und Laudator, der 75-jährige türkische Schauspieler Tunçel Kurtiz, ist zum Interview gekommen. Die zwei kennen sich seit langem. Kurtiz, der viele Jahre in Westeuropa lebte, spielte in Akins Film „Auf der anderen Seite“ mit.

Das Nürnberger Festival ist für beide zu einem festen Treffpunkt geworden. In ihrer Einschätzung, ob es dem türkischen Film zu mehr Aufmerksamkeit beim deutschen Publikum verholfen hat, sind sie jedoch unterschiedlicher Meinung. Während Kurtiz findet, dass man zumindest beim deutschen Bildungsbürgertum in dieser Hinsicht viel erreicht hat, ist Fatih Akin weit skeptischer. Und er hat eine wenig schmeichelhafte Erklärung dafür: „Wir Deutschen sind leider noch kulturelle Banausen.“

Wahrhaftigkeit ist ein zentrales Merkmal seines Kinos

Das zu sagen, darf er sich erlauben. Der 1973 in Hamburg geborene Sohn türkischer Einwanderer hat selbst einen deutschen Pass, ist hier verwurzelt. Und er hat mit Filmen wie „Solino“, „Gegen die Wand“, „Auf der anderen Seite“ und auch mit der Komödie „Soul Kitchen“ immer wieder gezeigt, wie wichtig und bereichernd der Blick über kulturelle Grenzen hinweg auf die Menschen mit ihrer Sehnsucht nach Liebe, ihren Träumen und ihrer Verzweiflung ist.

Wahrhaftigkeit ist ein zentrales Merkmal seines Kinos, die er in der Politik schmerzlich vermisst. Sowohl das unsägliche Gezerre um den notwendigen Abgang Guttenbergs wie auch die erbittert geführte Intergrationsdebatte sind für ihn Ausdruck einer kulturellen Verwahrlosung. „Es geht in beiden Fällen nur um Wahlkampf.“

Auch Tunçel Kurtiz verfolgt die Diskussion voller Sorge. Dass selbst türkische Mütter, die lange hier gelebt haben, dann zurückgekehrt sind und ihre in Deutschland gebliebenen Kinder besuchen wollen, große Schwierigkeiten haben, ein Visum zu bekommen, erfüllt ihn mit Zorn. Doch er verschweigt auch die Probleme in der Türkei nicht, in der Zuwanderer aus Afrika oder dem mittleren Osten kaum Arbeit und Anerkennung finden. „Unsere Zivilisation verliert immer mehr. Die ganze Welt läuft in eine falsche Richtung“, zeigt sich Kurtiz sehr pessimistisch.

Drehbuch-Recherche in Kuba

Fatih Akin hat in Kuba, wo er für sein neues Drehbuch recherchierte, zwar auch Rassismus ausgemacht, aber keine Fremdenfeindlichkeit, die ihm in Deutschland auffällt. Auch sein nächster Spielfilm beschäftigt sich mit einem Bereich der Gesellschaft, in dem viele Nationalitäten aufeinandertreffen. „Es geht um den Boxsport im Zeitalter der Globalisierung“, verrät Akin, der es bemerkenswert findet, wie gerade im Boxsport die ethnische Herkunft der Stars oft hinter deutschen Namen verschwindet. Zu seiner Hauptfigur hat ihn der Duisburger Box-Promoter Ahmed Öner inspiriert, der etliche Exil-Kubaner unter Vertrag hat.

Die exzentrisch anmutende Themenwahl sollte bei einem Regisseur, der ungebrochen neugierig und experimentierlustig ist, im Grunde nicht verwundern. Dass seine Filme immer teurer werden, gefällt ihm selbst nicht, scheint aber für einen Star des europäischen Kinos unvermeidlich. Bis nach Hollywood will er jedoch nicht. „Das System ist für mich unattraktiv, es ist auch nicht meine Kultur. Und wenn ein Film 200 Millionen Dollar einspielen muss, dann ist das nicht mehr mein Sport“, stellt er klar.

Zeit, um über Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der deutschen und türkischen Filmlandschaft zu reden, bleibt in der knappen halben Stunde leider nicht mehr. Fatih Akin muss weg, ins Künstlerhaus, um seine persönlichen Meisterwerke von Martin Scorsese und Elia Kazan vorzustellen. Am Samstag früh ging’s zurück nach Hamburg, das Publikum darf sich jedoch noch auf die Retrospektive mit zahlreichen Filmen des Stars freuen.

 

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