Abschied nach über 40 Jahren

Für die älteste Ateliergemeinschaft Nürnbergs ist Schluss - nicht freiwillig

Regina Urban

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22.10.2021, 11:08 Uhr
Müssen ihr Atelier in der Hohfederstraße räumen und laden ein letzten Mal zum Wochenende der offenen Tür. Am Tisch von links: Florian Zwirner, Claudia Spanhel, Annette Blocher, Harri Schemm, Stefan Kappler, David Linley und Geli Haberbosch; stehend, von links: Gerald Hofmann, Thomas Bauer-Haberbosch, „Urgestein“ Günter Paule, der vor 40 Jahren zum Gründungstrio der heute 15-köpfigen Ateliergemeinschaft gehörte, Myong-ae Kyong und Maria Hößle-Stix.

Müssen ihr Atelier in der Hohfederstraße räumen und laden ein letzten Mal zum Wochenende der offenen Tür. Am Tisch von links: Florian Zwirner, Claudia Spanhel, Annette Blocher, Harri Schemm, Stefan Kappler, David Linley und Geli Haberbosch; stehend, von links: Gerald Hofmann, Thomas Bauer-Haberbosch, „Urgestein“ Günter Paule, der vor 40 Jahren zum Gründungstrio der heute 15-köpfigen Ateliergemeinschaft gehörte, Myong-ae Kyong und Maria Hößle-Stix. © Jürgen Petzoldt, NNZ

Am Wochenende öffnet die Ateliergemeinschaft Hohfederstraße 30, die älteste Nürnbergs, zum letzten Mal ihre Türen. Am 1. Dezember ist für die aktuell 14 Künstlerinnen und Künstler in dem 1980 – im Stadtteil Veilhof nahe dem Wöhrder See – eröffneten Domizil endgültig Schluss. Zwar konnte die Kündigung, die nach dem Verkauf der ursprünglich in Privatbesitz befindlichen Immobilie an die Schultheiß Wohnbau AG drohte, noch um insgesamt anderthalb Jahre hinausgeschoben werden. Doch jetzt muss definitiv zusammengepackt und ausgeräumt werden.

Günter Paule, hier vor seinem preisgekrönten Werk in der NN-Kunstpreis-Ausstellung 2017, ist das letzte verbliebene

Günter Paule, hier vor seinem preisgekrönten Werk in der NN-Kunstpreis-Ausstellung 2017, ist das letzte verbliebene "Urgestein" der Ateliergemeinschaft, der 1980 zu den Mitbegründern gehörte.  © Günter Distler, NN

Auf der Suche nach neuen Ateliers in der an Künstlerwerkstätten knappen Stadt – der Mangel hat sich durch das Ende Auf AEG im September noch erheblich verschärft –, sind bislang nur wenige fündig geworden. Die Bildhauerin Claudia Spanhel hat sich, gleich nachdem die Ateliergemeinschaft im Sommer 2020 vom Verkauf des Anwesens erfuhr, andernorts ein neues Atelier gesucht. David Linley, Annette Blocher und ein vorübergehend in der Hohfederstraße untergekommener Student mieteten in der Nähe gemeinsam einen Raum an. 60 Quadratmeter teilen sich die drei künftig, das ist eng, aber besser als nichts.

"Hütte" in Kalchreuth

Harri Schemm, der nach seinen Indien-Reisen in der Hohfederstraße regelmäßig für viel frisches Bilderfutter und Publikumsauftrieb sorgte, hatte das Glück, eine „Hütte“ in Kalchreuth zu erben, die er zumindest als Interim nutzen kann. Die Webkünstlerin Maria Hößle-Stix wird ihr schweres Arbeitsgerät – zwei historische Webstühle und einer aus den 1980er Jahren – in der Gold- und Silberschmiedewerkstatt ihres Vaters bei München zwischenlagern.

Und Günter Paule, einer der Hauptmieter der Ateliergemeinschaft und als Gründungsmitglied von Anfang an dabei, richtet sein neues Künstlerdomizil in der Oberfichtenmühle in Rednitzhembach ein. Gern zieht er nicht von der Stadt aufs Land, 22 Kilometer entfernt von Nürnberg. Aber das Angebot, das ihm Klaus Nopitisch vom Verein „Kultur in der Oberfichtenmühle“ machte, war großzügig und durchaus verlockend. Zwei riesige Räume stehen dort zur Verfügung. Laut Paule würde der Verein gern auch eine Galerie integrieren.

Logistische Herausforderung

Daraus könnte was werden. Doch alle anderen Raumlösungen, die die Künstler bislang für sich gefunden haben, sind Provisorien. Und mehr als die Hälfte weiß noch gar nicht, wohin. Wegziehen nach Berlin oder Leipzig, den Hotspots für Akademieabsolventen, wollen die meisten nicht, weiß Paule. Die Altersspanne der Hohfeder-Gemeinschaft liegt zwischen 50 und Ende 60, da wechselt man nicht mehr so leicht den Lebensort.

Ganz aktuell stehen alle aber erst einmal vor der logistischen Herausforderung, ihre Kunstwerke und Arbeitsmaterialien abzutransportieren und sicher unterzubringen. Allein Günter Paule muss rund 100 großformatige Gemälde nach Rednitzhembach schaffen. Derzeit stapeln sie sich noch in zwei der 13 Garagen, die zum Anwesen in der Hohfederstraße gehören. Kleinere Transporte kann er gemeinsam mit Freunden erledigen. Doch für die großen Sachen wird er eine Spedition beauftragen müssen. „Das wird schon ein Riesenaufwand und einiges an Geld kosten“, sagt Paule, der mit 67 Jahren nicht mehr der Jüngste ist und zugibt: „Aus Angst fällt man manchmal zusammen.“

Die kleine Abfindung, die allen verbliebenen Mietern noch zusteht, ist da nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wichtiger ist für Paule der große Zusammenhalt der Künstler vor Ort, der nicht selbstverständlich sei. Vor allem zur Künstlervereingung „Der Kreis“ ist der Kontakt eng.
Auf städtische Hilfe hingegen setzt er schon lange nicht mehr. Die einzige Unterstützung von dieser Seite sei der Hinweis von Kulturbürgermeisterin Julia Lehner auf das für Künstler neu erschlossene Gebäude in der Tillystraße gewesen. Paule war da. „Das ist ein so gesichtsloses Industrieareal, kein Baum, kein Strauch. Da gehe ich lieber in den Wald“, sagt er und ist gespannt, wie er mit der Romantik, die ihn dort samt Bach und Rehen erwartet, umgehen kann.

Die Adresse wird fehlen

Trotzdem: Der Blick geht für ihn erstmal nach vorn: „Ich mach das jetzt“, sagt Paule und hofft auf ein schönes Abschiedswochenende in der Hohfederstraße mit vielen Besuchern wie sonst bei den beliebten Sommerfesten oder den Ateliertagen. Da schauten gerne bis zu 500 neugierige Kunstfreunde vorbei. Die Adresse wird fehlen.
Die Ateliers in der Hohfederstraße 30 sind am Samstag und Sonntag von 14 bis 19 Uhr geöffnet.

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