Fürther Mikro-Plattenfirma veröffentlicht neue Musik auf alten Schlagerkassetten

10.6.2021, 16:01 Uhr
Sebastian Birk, Musiker unter anderem bei den Nürnberger Bands Rainer Reiher und Leiden, betreibt aus seinem Fürther Wohnzimmer heraus das Cassetten-Label Nasse Records.

Sebastian Birk, Musiker unter anderem bei den Nürnberger Bands Rainer Reiher und Leiden, betreibt aus seinem Fürther Wohnzimmer heraus das Cassetten-Label Nasse Records. © Steffi Langhammer

Nachdem die Schallplatte erfolgreich zurückgekehrt ist (so richtig weg war sie ja nie), feiert auch die Kompaktkassette ein kleines Comeback – freilich im höchst übersichtlichen Rahmen. Immer mehr Musiker und Bands veröffentlichen inzwischen tatsächlich auch wieder auf Tape, und sei es nur in Kleinstauflage. Eine Stil- oder in diesem Fall eine Stylefrage.

"Ich wollte mir schon länger einen alten Tape-Recorder kaufen und wurde auf eBay fündig", erzählt Sebastian Birk, der unter anderem bei dem vielgelobten Nürnberger Liedermacher-Duo Rainer Reiher, bei der Rockband Leiden sowie den Deutsch-Punk-Kapellen Dann! und Nasse Ratte spielt. Von letzter wurde der Name für das kleine Tape-Label entliehen.

"Das, was ich mir da bei eBay bestellt habe, war so ein Ding, mit dem man früher Interviews gemacht hat. Als es dann ankam, war da ein Riesenkarton mit alten Schlagerkassetten dabei, bestimmt 60 Stück. Ich wusste, dass die was mitschicken, aber die Menge hatte ich total unterschätzt."

Aus alt mach neu

So saß der 29-Jährige in seinem Fürther Wohnzimmer vor diesem Karton und erinnerte sich an das Gebot der Nachhaltigkeit: Aus alt mach neu – was bei Kassetten ja noch nie ein Problem war. Einfach überspielen!

Der aus Australien stammende und in Franken lebende Liedermacher Mark Timmins war Anfang März der erste, der ein Tape auf dem frisch im ersten Corona-Lockdown gegründeten Label Nasse Records veröffentlichte. Es folgten unter anderem ph4nt (queerer CyberPunk), Marius Geitz (das Hörbuch "Alles gehört uns" auf Doppelkassette), das Experimental-Duo Rita Ritz (bei dem Sebastian trommelt) und The Black Elephant Band (Anti-Folk-Liedermacher und amtierender Kulturpreisträger der Stadt Nürnberg), alle aus der heimischen Musikszene.

Musikalisch quatscht Birk den Künstlerkollegen nicht rein, nur bei der Verpackung hat er ein Auge drauf und ziemlich genaue Vorstellungen, wie das Cover aussehen soll – was schon für die ein oder andere freundliche Diskussion gesorgt hat.


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So nice die Idee mit den recycelten alten Schlagerkassetten ist – das Ergebnis klingt leider bisweilen ein wenig dumpf, was dem Alter der Bänder beziehungsweise deren Gebrauch in der Vergangenheit geschuldet ist. "Ein bisschen Schäbigkeit ist Teil des Spiels, aber ja: Ich hab ein paar Rückmeldungen in diese Richtung gekriegt", sagt Sebastian. "Da habt ihr wahrscheinlich echt alte Bänder erwischt. Deshalb bin ich gerade am Überlegen, ob ich künftig nicht doch mit frischen Kassetten weiter arbeite ..."

Die Sache mit dem Mikro-Kassettenlabel lässt sich nämlich recht gut an. Klar reden wir hier von Mikro-Auflagen von gerade mal 20 Stück, doch die waren bislang überraschend schnell weg – weshalb das Schrammelpunk-Trio Bifi im Berghain bereits nach einer zweiten Auflage gefragt hat. Verdienen tut bei der ganzen Geschichte keiner etwas, aber Geld hat ja bekanntlich eh noch keinen glücklich gemacht. Von jeder Tape-Edition bekommen die Künstler zehn Exemplare, mit denen sie machen können, was sie möchten. Den Rest verkauft Sebastian Birk über das Internet-Musikportal Bandcamp. Mit wachsender Reichweite: Selbst aus dem fernen Kanada erreichte ihn schon eine Bestellung.

Was die Auswahl der Musiker auf Nasse Records angeht, so hat Sebastian bislang nur Leute gefragt, die er eh schon kennt. Doch nun ist er angefixt, will weitermachen. Und künftig mehr Frauen veröffentlichen.

Die Leidenschaft für die Kompaktkassette – hat Sebastian die neu entdeckt oder hat er nur nie aufgehört, Tapes zu hören? "Neu entdeckt tatsächlich. Eigentlich war ich immer Schallplattenfan, aber 2015 sah ich auf Konzerten, wie Bands Tapes verkauft haben – und war begeistert. So fand ich da zurück. Meine Freundin kann das gar nicht verstehen, aber irgendwie gibt es da dieses unsichtbare Band zwischen mir und diesen Kassetten ..."

nasserecords.bandcamp.com

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