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"Generation beleidigt": Die Auswüchse der linken Sprachpolizei

Pochen auf "Identität" nimmt Formen an, die andere ausgrenzen - 18.04.2021 05:56 Uhr

Darf eine weiße Frau Dreadlocks tragen? Es gibt Menschen, die diese Frage mit einem klaren "Nein" beantworten.

15.04.2021 © Fotos: imago images/Westend61//papa-stock.adobe.com, Montage:NN/Hava


Darf ich diesen Text überhaupt schreiben? Als älterer weißer Mann? Kann ich mich da äußern über die Gefühle und Befindlichkeiten von Menschen mit anderer Hautfarbe und Herkunft?


"Falsche Fragen" bei Übersetzungsdebatte um Amanda Gorman


Die Frage ist durchaus berechtigt. Erinnern Sie sich an die kürzlich erst sehr erbittert geführte Debatte darüber, ob weiße Autorinnen die Gedichte von Amanda Gorman übersetzen dürfen, jener jungen schwarzen Poetin, die bei der Inaugurationsfeier von Joe Biden viele begeistert hatte? Nein, das geht nicht, wurde da befunden.

Und es gibt viele weitere Beispiele dafür, was nicht geht – weil Moralwächterinnen und -wächter dies sehr vehement einfordern.

"Generation Beleidigt" - "Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. Über den wachsenden Einfluss linker Identitärer", Edition Tiamat, 144 Seiten, 18 Euro.

15.04.2021 © Edition Tiamat/Montage: Sabine Schmid


Die französische Autorin Caroline Fourest, bekennende Linke und lesbisch, liefert jede Menge Fälle davon in einem Buch, das auch durch ihren sehr emotionalen Furor Furore macht. "Generation Beleidigt" heißt das Werk (Edition Tiamat, 144 Seiten, 18 Euro), Untertitel: "Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. Über den wachsenden Einfluss linker Identitärer."

Dürfen also, ein Beispiel, weiße Frauen Dreadlocks tragen? Dürfen sie nicht, sagen Identitäts-Verfechter. "Man kann die Leute nicht mehr zählen, die gezwungen sind, Entschuldigungen vorzubringen, weil sie es gewagt haben, eine Afrofrisur, Dreadlocks oder bloß angeblich 'afrikanische' Zöpfe zu tragen", beklagt Fourest.

Es sei "beleidigend, weil die kulturellen Realitäten völlig verwischt und zu einem Vergnügen gemacht werden", zitiert Fourest eine Aktivistin. Das Stich- und Reizwort lautet: "kulturelle Aneignung". Das heißt: Es ist nach der sehr strengen Weltsicht der Identitätspolitiker heikel bis eben tabu, bestimmte Verhaltensweisen, Bräuche oder Moden zu übernehmen, die aus einer anderen Kultur stammen.

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Wenn ein Yogakurs gestrichen wird

Nochmal Fourest, die ihrem Zorn freien Lauf lässt: "Man rebelliert gegen Rihanna wegen ihrer angeblich 'afrikanischen' Zöpfe; man ruft dazu auf, Jamie Oliver zu boykottieren, weil er einen 'jamaikanischen' Reis kreiert hat; in Kanada fordern Studenten die Streichung eines Yogakurses, um sich bloß nicht die indische Kultur 'anzueignen'; an amerikanischen Universitäten fahnden sie nach asiatischen Menüs in der Mensa. Indessen weigern sie sich, große klassische Werke zu studieren, da diese 'beleidigende' Passagen enthielten."

Vor allem in den USA und in Kanada, zunehmend aber auch in Frankreich macht Fourest jene Fanatiker aus, die unduldsam ihre Ansichten durchsetzen wollen. An Universitäten, auch in Gewerkschaften und Teilen der Medien werde es zusehends schwer, diesen Gruppen zu widersprechen, die dort gut vernetzt an Einfluss gewinnen. Die Anfänge reichen weit zurück: 2012 gab es in den USA eine virtuelle Hetzjagd gegen Heidi, eine Familienmutter, die eine Geburtstagsfeier für ihre Tochter in japanischem Stil ausgerichtet hatte. Das dürfe man nicht, so der Empörungssturm, den sie auslöste – weil: kulturelle Aneignung. Es war dann ein Japaner, der den Wütenden die Gegenfrage stellte: "Bist du nur dann befugt, eine Pizza zuzubereiten, wenn du in Italien lebst?"

Auch in die Kunst greift die Identitätspolitik ein: Manche verlangen die Zensur antirassistischer Werke, wenn diese nicht von Farbigen stammen. Das Gemälde "Open Casket" der weißen Künstlerin Dana Schutz prangerte die Ermordung eines jungen Schwarzen an.

Geht nicht, befand die Identitätspolizei: "Das Gemälde sollte von niemandem akzeptiert werden, der sich um Schwarze sorgt oder das zumindest behauptet, denn es ist nicht akzeptabel, dass ein Weißer das Leid der Schwarzen in Profit und Vergnügen verwandelt", wurde der Künstlerin vorgehalten. Worauf Caroline Fourest fragt: "Welches Vergnügen?" – und entsetzt feststellt. "Allein aufgrund ihrer Hautfarbe wird eine weiße Künstlerin und Malerin für unfähig befunden, den Schmerz der Mutter nachzuempfinden."

Ein anderes Beispiel, bei dem es um ein Kunstwerk ging, das wegen sichtbarer nackter Weiblichkeit Anstoß erregte: In Manchester wurde das Gemälde "Hylas und die Nymphen" von John William Waterhouse 2018 zeitweise entfernt. Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp dazu: "Uns trennt nur mehr eine papierdünne Wand von dem, was die ,Entartete Kunst‘ und der gedankliche Rahmen der Säuberung einmal fabriziert haben."

"Entartete Kunst" – zur Erinnerung: Das war für die Nationalsozialisten alles "Undeutsche", Nicht-Arische, Abstrakte oder nicht "Normale". Sie verbannten und verbrannten die Werke unzähliger Künstler.

Scarlett Johansson sollte einen transsexuellen Zuhälter spielen – darf sie nicht, urteilten Kritiker.

07.10.2013 © REUTERS/Mario Anzuoni


Noch ein Beispiel: Scarlett Johansson sollte einen transsexuellen Zuhälter spielen – darf sie nicht, urteilten die Fanatiker. Die weltberühmte Schauspielerin wehrte sich: "Ich bin der Meinung, dass in einer idealen Welt jeder Schauspieler in der Lage sein sollte, jeden zu spielen, und dass Kunst in jeder Form immun gegen politische Korrektheit sein sollte." Das erwartbare Echo auf solche Sätze, die lange als selbstverständlich galten: ein weltweiter Shitstorm.

"Die Selbstgerechten", Campus Verlag, 24,95 Euro

15.04.2021 © Campus Verlag/Montage: Sabine Schmid


Den erntet in Deutschland aktuell Sahra Wagenknecht wegen Passagen in ihrem neuen Buch "Die Selbstgerechten", in dem sie "Lifestyle-Linke" ins Visier nimmt – mit heftiger Polemik wie dieser, die ihre Partei empört: "Die Identitätspolitik läuft darauf hinaus, das Augenmerk auf immer kleinere und immer skurrilere Minderheiten zu richten, die ihre Identität jeweils in irgendeiner Marotte finden, durch die sie sich von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden und aus der sie Anspruch ableiten, ein Opfer zu sein."

Nun gibt es auch eine linke Zensur

Starker Tobak. Caroline Fourest würde das in dieser Schärfe kaum unterschreiben, auch weil es andere diffamiert. Beide Autorinnen sind sich aber einig in der Sorge, dass die Linke, die ihr Ziel doch lange im Kampf für mehr Gerechtigkeit über alle Hautfarben und Klassen hinweg sah, sich nun zusehends auf Kämpfe um Identität versteift – und damit letztlich den ganz Rechten hilft. Sie könnten sich da sogar als "Meister der Freiheit" inszenieren, so Fourest: "Einst kam die Zensur von der konservativen und moralistischen Rechten. Nunmehr entspringt sie der Linken; oder vielmehr einer bestimmten, nämlich ihrerseits moralistischen und identitären Linken." Ihr Schlussplädoyer: "Diese Tyrannei der Beleidigung erstickt uns. Es ist Zeit, Luft zu holen und von neuem zu lernen, die Gleichheit zu verteidigen, ohne der Freiheit zu schaden."


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Ähnlich äußerte sich gerade der frühere Bundespräsident Joachim Gauck. Er schrieb: "Menschen, die die Freiheit, Demokratie und Menschenrechte lieben, fragen nicht danach, ob jemand schwarz ist oder weiß. Denn nicht Herkunft und eine daraus abgeleitete 'Identität' entscheiden, sondern Haltung. Und die ist unabhängig von der Hautfarbe."

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