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Genie und Schlächter: Wie Napoleon Frankens Geschichte änderte

Zum 200. Todestag: Der berühmte Korse starb in Einsamkeit - 05.05.2021 07:55 Uhr

Napoleon als Graffito auf einer Wand in Napoleons korsischer Geburtsstadt Ajaccio.

27.04.2021 © PASCAL POCHARD-CASABIANCA, AFP


So viel ist sicher: Klein war er nicht, dazu wurde er gemacht – von Politikern, von Karikaturisten, von allen, die die Vorstellung schlecht ertrugen, diesem Emporkömmling aus Korsika nicht gewachsen gewesen zu sein. Auf 1,68 Meter vermaß Francesco Antommarchi bei der Autopsie die Leiche (die auf einem Billardtisch lag), für die damalige Zeit war es eine überdurchschnittliche Körpergröße – französische Rekruten maßen im Schnitt 1,62 Meter. Seither sind über diesen Toten zahllose Bücher und Biografien geschrieben worden, in denen er ein Held ist. Oder ein Schurke. Militärisches Genie, Machtmensch, Staatsmann, Befreier – oder Räuber, Schlächter und Tyrann.

Was er war? "Alles zugleich", so formuliert es der französische Historiker Jean Tulard. Wie "ein Halbgott oder ein Ungeheuer oder beides" habe er auf die Menschen gewirkt, das schrieb schon 1814 ein Zeitgenosse, der deutsch-österreichische Schriftsteller und Politiker Friedrich von Gentz.

Napoleon Bonaparte starb vor 200 Jahren, am 5. Mai 1821, als Verbannter auf der südatlantischen Vulkaninsel St. Helena, gelegen weit vor der Westküste Afrikas – fern einer Welt, die er verändert hatte wie wenige Menschen vor oder nach ihm. Er brauchte nur sieben Jahre, um ein seit über 1000 Jahren bestehendes Reich, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, zu liquidieren. Etwa die Hälfte seines Lebens verbrachte er auf Kriegszügen, die drei bis dreieinhalb Millionen Soldaten das Leben kosteten.

Europa, "die alte, verrottete Hure"

Es ist eine Bilanz des Schreckens – einerseits. Auf der anderen Seite steht ein Diktator, der Ideen der Französischen Revolution über Europa ausbreitete und dessen im Kern noch heute gültiger Code civil, ein bürgerliches Gesetzbuch, die Gleichheit der Menschen (damals: der Männer) vor dem Gesetz garantierte. Napoleon reformierte Verwaltung, Justiz und Erziehungswesen, er führte Europa, das er "eine alte, verrottete Hure" nannte, in die Moderne – mit blutiger Gewalt.


Als Napoleons Soldaten in Gräfenberg wüteten


Die erste moderne, auf demokratischen Ideen basierende Verfassung weltweit schrieb der Revolutionär Pasquale Paoli 1755 für Korsika, Paolis Sekretär hieß Carlo Buonaparte – und war der Vater Napoleons. Die rebellische Insel, bis dahin zur Republik Genua gehörend, war 1768 an Frankreich verkauft worden. Im Jahr 1769, als Napoleone Buonaparte (so hieß er bei seiner Geburt) zur Welt kam, schlug ein großes französisches Heer die Korsen entscheidend.

Den jungen Napoleon prägten die Jahre der verlorenen Freiheit, nebst der Mathematik liebte er das Fach Geschichte, besonders die Geschichte großer Männer – und speziell die Geschichte ihrer Kriege. Er besuchte die Militärschule in Paris und erhielt fast noch als Kind, kurz nach seinem 16. Geburtstag, das Offizierspatent. Die Revolution von 1789 faszinierte Napoleon, er sah sie zunächst als Gelegenheit zur Befreiung Korsikas, aber in den Wirren der Zeit sollte eine steile Karriere beginnen – nicht die eines Schwärmers, mit dem Revolutionär Paoli überwarf er sich heftig, sondern die eines Kriegers.

Im Oktober 1795 beendete Napoleon einen royalistischen Aufstand gegen die Revolutionsregierung mit einem blutigen Gemetzel, der Italienfeldzug von 1796/97 machte ihn enorm populär – und so selbstbewusst, dass er den Staatsstreich wagte, am 9. November 1799 setzte er sich als Erster Konsul an die Spitze einer von zehn Revolutionsjahren ausgelaugten Republik.

"Blutende Herzen" in Franken

Der Krieg, den er von der Revolution erbte, blieb seine Legitimation. "Meine Herrschaft überlebt den Tag nicht, an dem ich aufhöre, stark und deshalb gefürchtet zu sein", das sagte er selbst. Als Kaiser der Franzosen – zu dem er sich am 2. Dezember 1804 selbst gekrönt hatte – untermauerte Napoleon seine kontinentale Vormachtstellung mit dem militärischen Triumph über österreichische und russische Truppen 1805 in der Schlacht von Austerlitz. Die süddeutschen Verbündeten, darunter das Österreich abtrünnig gewordene Herzogtum Bayern, belohnte er mit Kronen.


Wie Napoleon Bayern neu vermessen ließ


So wird Bayern 1806 zum Königreich proklamiert und tritt dem Rheinbund bei, Kaiser Franz II. (dessen Tochter Marie-Louise von Österreich 1810 die zweite Ehefrau Napoleons werden sollte) legt in Wien die Krone des Heiligen Römischen Reichs nieder. Das Ende dieses längst von der Zeit überholten Gebildes bedeutet auch das Ende der seit März französisch besetzten Freien Reichsstadt Nürnberg, die am 15. September 1806 an das neue Königreich Bayern übergeben wird. Den Nürnberger Buchhändler Johann Philipp Palm, einen der Köpfe des Widerstands, hatte Napoleon drei Wochen zuvor hinrichten lassen – zum Entsetzen der meisten jener Geistesgrößen, die den Eroberer jahrelang bewundert und sogar verklärt hatten.

Auch die bis dahin preußischen Fürstentümer Ansbach und Bayreuth wurden bayerisch, wie zuvor schon 1803 die säkularisierten Bistümer Bamberg und Würzburg und wie die Territorien der vielen kleinen Reichsritterschaften – Aufseß, Egloffstein, Guttenberg, Seckendorff, Rotenhan und andere. "Mit blutendem Herzen", notierte Julius von Rotenhan, beuge man sich der französisch-bayerischen Gewalt.

Einsames Ende auf einer entlegenen Insel: Napoleon auf dem Sterbebett, ein Ölgemälde von Jean-Baptiste Mauzaisse aus dem Jahr 1843.

29.04.2021 © epd-Bild


Die Wittelsbacher Könige waren nun Herrscher über weite Teile der bis dahin territorial zersplitterten Region Franken, der formal noch bestehende fränkische Reichskreis, eine Art Wirtschafts- und Verwaltungsgemeinschaft, erlosch 1806 nach gut 300 Jahren – es gibt Menschen, denen das noch immer auf Gemüt und Selbstbewusstsein drückt.

Der Stern des Kaisers Napoleon aber begann zu sinken – weil ihm seine bis dahin größte Niederlage keine Ruhe ließ. Nach der ist der zentrale Platz in London benannt, auf dem Trafalgar Square steht die Statue des Admiral Lord Horatio Nelson. Der war 1805 zwar als Leiche – und zur Konservierung in einem Fass voller Rum – nach England zurückgebracht worden, aber Nelsons am Kap Trafalgar triumphal siegreiche Flotte hatte Napoleons Traum von der Seemacht Frankreich und einer Invasion Großbritanniens beendet.

Als Napoleons Kontinentalsperre gegen das britische Empire auf den Widerspruch des russischen Zaren Alexander I. stieß, führte der Korse eine riesige Armee in ihr Verderben. Der Russland-Feldzug 1812 geriet zum Desaster, zur humanitären Katastrophe, Napoleons Grand Armee kehrte aufgerieben zurück, von über 600 000 Soldaten sollen nur etwa 18.000 überlebt haben.

Unter den Toten, viele von ihnen gestorben an Auszehrung und Hunger, waren mindestens 24.000 Vasallen aus Bayern. Etwa eine Million Menschen verloren das Leben. Die zeitgenössischen Schilderungen sind grauenhaft. "Auf einem Haufen nackter Leichen saßen noch Lebende, die am Fleisch ihrer Kameraden nagten und wie die wilden Tiere brüllten", notierte der russische Offizier Boris Uxkull.

Napoleons Tadel an Goethe

In den folgenden Befreiungskriegen endete die Herrschaft Napoleons, die Großmächte Preußen, Österreich (auf dessen Seite Bayern gewechselt war), Russland und Schweden brachten ihm in der sogenannten Völkerschlacht bei Leipzig eine weitere Niederlage bei und besetzten im März 1814 Paris.

Der Kaiser in voller Prachtentfaltung: Napoleon Bonaparte im Krönungsornat. Am 2. Dezember 1804 erhob sich der Konsul und Armee-General selbst, in Gegenwart des Papstes Pius VII., in der Pariser Kathedrale Notre-Dame zum Kaiser der Franzosen.

29.04.2021 © imago/Le Pictorium


Der nach Elba verbannte Kaiser kehrte noch einmal, für 100 Tage, zurück und erlebte mit seinem letzten Heer das, was man fortan ein Waterloo nennen sollte – die Schlacht bei Waterloo, einer belgischen Kleinstadt nahe Brüssel, bedeutete im Juni 1815 sein Ende, die Alliierten verbannten ihn nach St. Helena. Begleitet von zwei Dutzend Getreuen und bewacht von 1500 britischen Soldaten verlebte Napoleon dort letzte einsame Jahre, seine zweite Frau Marie-Louise, die ihn nicht mochte, war mit dem 1811 geborenen Sohn Napoleon Franz nach Wien geflohen.

Ob der Machtmensch, dem Menschenleben erklärtermaßen nichts bedeuteten, je geliebt hat, ist keine Frage, die Historiker stellen. Napoleon hat, bei ihrem Treffen 1808 in Erfurt, den von ihm bewunderten Goethe kritisiert – dafür, dass dessen junger Werther nicht ausschließlich aus unerfüllter Liebe, sondern auch aus enttäuschtem Ehrgeiz in den Tod geht. Das, tadelte der Kaiser den Dichterfürst, schwäche das Motiv der Liebe. Joséphine de Beauharnais, seine erste Frau, wahrscheinlich seine einzige Liebe – er duldete sogar ihren Mops im Ehebett –, hatte Napoleon wegen der Kinderlosigkeit der Ehe verlassen. "Frankreich, Armee, Anführer der Armee, Joséphine" – angeblich waren es seine letzten Worte auf dem Totenbett.

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