Germanisches Nationalmuseum: Gekauft, geraubt oder getauscht?

8.1.2018, 12:17 Uhr
Erst seit kanpp 20 Jahren wird die Provienzforschung wieder vermehrt in Museen betrieben.

Erst seit kanpp 20 Jahren wird die Provienzforschung wieder vermehrt in Museen betrieben. © GNM, Dirk Messberger

Provenienzforschung ist jedoch nicht immer einfach und kann mehrere Jahre dauern. Denn der große zeitliche Abstand zur NS-Zeit sowie im Krieg verbrannte Dokumente erschweren die Untersuchungen. „Hier im Haus beispielsweise gibt es nur Erwerbsakten bis 1941, die Unterlagen von 1942 bis 1945 wurden vermutlich bei einem Bombentreffer zerstört“, erläutert Anja Ebert, eine der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen im Projekt. Auch wurde früher grundsätzlich anders inventarisiert: Ohne Fotos, und nicht immer waren Angaben zu Maßen und Technik vollständig, was heute die eindeutige Zuordnung von Werken erschwert. Zudem mangelt es gerade bei kleinen Kunsthandelsbetrieben an Aufzeichnungen, Katalogeintragungen sind mitunter lückenhaft.

Trotzdem konnten in der knapp dreijährigen Forschungsarbeit rund 1000 Objekte aus den Bereichen Gemälde, Skulpturen und Kunsthandwerk untersucht werden. Zum Beispiel die kleine Porzellanfigur eines Husaren aus der Zeit um 1765/70: Als erster Ansatzpunkt für die Herkunft dienten hausinterne Ankaufsunterlagen, in denen nach dem unmittelbaren Vorbesitzer gesucht wurde. Im Fall des Husaren stieß Ebert auf einen Kunsthändler namens Gérard van Aaken. Nach diesem Namen recherchierte das Team weiter in der sogenannten Lost Art-Datenbank, in der Erben Suchmeldungen nach vermissten Kunstwerken einstellen können – und wurde fündig.

Aufkleber und Nummern auf der Unterseite der Porzellanfigur helfen bei der Suche nach der Herkunft.

Aufkleber und Nummern auf der Unterseite der Porzellanfigur helfen bei der Suche nach der Herkunft. © GNM, Monika Runge

Unrechtmäßige Ankäufe?

Van Aaken soll bei einer Berliner Auktion von Objekten aus dem Nachlass der Hamburger Kunstsammlerin Emma Budge einen Husar ersteigert haben. Diese Angaben bestätigten Nachforschungen in externen Archiven, die Auktionsmitschriften verwahren. Gleichzeitig erfolgte eine Objekt-Autopsie, die besonders von Bedeutung ist, wenn es sich bei einem Kunstwerk um kein Unikat handelt. Ein Aufkleber auf der Unterseite der Porzellanfigur bestätigte, dass der Husar eindeutig der Sammlung Emma Budge angehörte. Budge war Jüdin. Als sie 1937 kurz vor ihrem 85. Geburtstag kinderlos verstarb, wurde ihr Besitz – trotz anderslautender testamentarischer Verfügung – auf Druck des NS-Regimes öffentlich versteigert. Aufgrund des Forschungsergebnisses erkannte das Germanische Nationalmuseum den NS-verfolgungsbedingten Verlust des Porzellanhusaren an und konnte eine Restitution in Form einer gütlichen Einigung mit den heutigen Erben nden. Das bedeutet, die Figur verbleibt im Museum.

Provenienzforschung wird seit knapp 20 Jahren wieder vermehrt in Museen betrieben. Nach der Wiedervereinigung rückte das Thema wieder in den Fokus, auch wenn direkt nach Ende des Zweiten Weltkriegs bereits Untersuchungen über die Herkunft von Kunstwerken durchgeführt worden waren. „Die Frage, wem etwas einst gehört hat, kam nach der Auflösung des Ostblocks erneut auf, als staatliches Eigentum wieder privatisiert werden sollte“, erklärt Ebert. Auf der Washingtoner Konferenz im Jahr 1998 verp ichteten sich 44 Staaten auf freiwilliger Basis dazu, NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut wieder zurückzugeben. Juristisch waren die Ansprüche der Geschädigten bereits verjährt.

In einer Studioausstellung werden neben dem Porzellanhusaren acht weitere Fallbeispiele exemplarisch präsentiert. Die getroffene Auswahl reicht von tatsächlich NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut bis hin zu unverdächtigen Objekten. Auch werden Schicksale einiger Verfolgter aufgezeigt sowie der Kunsthandel der NS-Zeit thematisiert. 

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