Erzählungen aus dem zweiten Weltkrieg

Gespräch mit Zeitzeugen: Barbara Lösel will Erinnerungen wachhalten

17.8.2022, 10:55 Uhr
Barbara Lösel

© Thomas Bretting Barbara Lösel

An Büchern konnte sie nicht wirklich vorbeikommen. "Ich bin in einer Bücherfamilie aufgewachsen", erzählt Barbara Lösel. "Ich habe schon immer viel gelesen, denn meine Mutter war Buchhändlerin." Als sie nach dem Abi den gleichen Berufswunsch hatte, erzählt sie schmunzelnd, "dachte ich erst, das sei zu naheliegend". Aber im Gegenteil. "Es war genau das Richtige", weiß sie heute.

Im Anschluss an die Ausbildung in der renommierten Universitätsbuchhandlung Korn und Berg studierte die Nürnbergerin Buch- und Bibliothekskunde, Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Italoromanistik. "Perfekt für mich", sagt sie glücklich. Über 20 Jahre arbeitete die heute 61-Jährige bei einem Verlag im Lektorat für den Bereich Beruf, Karriere und Studium – bis dieser eingestellt wurde. "In dem Jahr", erzählt Lösel rückblickend, "wurde ich 50 und ich sagte mir: Wenn etwas Neues, dann jetzt."

Dass ihre zahlreichen Bewerbungen erfolglos verliefen und sie deshalb den Sprung in die Selbstständigkeit wagte, war letztlich ein Glücksfall. "Das Selfpublishing ist damals groß geworden, so dass es sehr gut angelaufen ist bei mir." Auch heute noch sind Autorinnen und Autoren und nicht Verlage ihre Hauptkunden. Einfühlungsvermögen, Sprachgefühl und -sicherheit, das alles besitzt sie, aber selbst zu schreiben, gesteht sie lachend, wäre nichts für sie. "Außer vielleicht im Sachbuchbereich, denn formulieren kann ich ja."

Zum Ausdenken von Romanen und Geschichten fehle ihr jedoch die nötige Phantasie. "Ich freue mich, wenn andere Menschen sich etwas ausdenken und unterstütze dann lieber beim sprachlichen Ausfeilen."
Dafür benötigt sie Ruhe: "Mich in ein Büro einzumieten oder im Café zu arbeiten, das wäre nichts für mich", sagt sie. "Ich genieße es, zuhause zu arbeiten, mir die Freiheit für Unterbrechungen nehmen zu können, ich bin auch gerne alleine und gut organisiert."

Wie sehr ihr der Beruf in Fleisch und Blut übergegangen ist, merkt Lösel, wenn sie privat ein Buch liest. "Da ertappe ich mich dabei, dass mir jeder Rechtschreibfehler auffällt", verrät sie und lacht.
Vor einigen Monaten ist Lösel auf ein Thema gestoßen, das sie sofort fasziniert hat. "Ein Kunde trat an mich heran, weil er die Erinnerungen seiner hochbetagten Mutter gerne veröffentlichen wollte." Die Geschichte berührte sie.

Geboren 1926 erlebte die alte Dame ihre Kindheit und Jugend während der Nazizeit und des Zweiten Weltkriegs. "Beeindruckend offen erzählt sie von der schleichenden Verführung der Kinder durch die Hitler Jugend und beschreibt ungeschönt die Konflikte innerhalb der Familien zwischen ,Hitlern’ und ,Nichthitlern’", sagt Lösel.

Bei der Bearbeitung des Textmaterials und ihren Recherchen nach historischen Begriffen kam ihr dann die Idee: "Ich dachte mir, dass bestimmt in vielen Schubladen noch solch wertvolle Schätze schlummern" – Erinnerungen von Familienmitgliedern, Freunden oder Bekannten in Form von Tagebüchern, Briefen oder biografischen Berichten.

Einzigartige Zeitzeugnisse also, die eine ganz persönliche Sicht auf geschichtliche Ereignisse werfen. "Solche Dokumente zu bewahren, bereichert ja nicht nur die direkten Nachkommen, sondern auch künftige Generationen und als kulturelles Erbe unsere ganze Gesellschaft", findet Lösel. Ihr Projekt Zeitzeugen erzählen (www.zeitzeugen-erzählen.de) war geboren.

Auch die Geschichte ihres eigenen Vaters – er hat seine Erinnerungen an seine Kindheit und seine Zeit als Soldat und amerikanischer Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg mit der Schreibmaschine aufgeschrieben – hat die 61-Jährige in Buchform festgehalten. Allerdings nur für den familieninternen Gebrauch, in kleiner Auflage.


Ihre Kulturtipps: Barbara Lösel freut sich riesig über das SommerNachtFilmFestival: "Es ist enorm, was die Ehrenamtlichen vom Verein Mobiles Kino da immer auf die Beine stellen." Und: Die Lesung von Thommie Bayer im Literaturhaus am 15. September, 20 Uhr, hat sie sich auch schon vorgemerkt. "Ich habe viele Bücher von ihm gelesen, aber inzwischen schon lange keins mehr. Umso mehr freue ich mich darauf, ihn live zu erleben. Ich mag seinen leichten, doch nicht banalen Stil und seine pointierten Dialoge."

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