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Hässliche Deutsche im Zerrspiegel

Die Nürnberger Uraufführung von Philipp Löhles "Andi Europäer" - 03.02.2020 11:26 Uhr

Deutsche „Völkerschau“ in Afrika: Szene aus der Nürnberger Inszenierung von Tina Lanik mit Nicolas Frederick Djuren in der Titelrolle als „Andi Europäer“, Amadeus Köhli, Raphael Rubino und Stephanie Leue (von links).

02.02.2020 © Foto: Konrad Fersterer


Löhle nennt sein Stück "eine Völkerschau", der kalauernde Titel lässt sich mehrdeutig lesen: "Anti-Europäer" passt ebenso wie "An die Europäer". Die Grundidee ist ebenso simpel wie überzeugend: Bei einer Informationsveranstaltung des Auswärtigen Amtes irgendwo in Afrika stellt sich Deutschland als Einwanderungsland mit etlichen Schönheitsfehlern vor. Man will ja die Menschen eher von der Flucht nach Europa abhalten als zur Einreise ermutigen. Im Zerrspiegel dieser "Völkerschau" zeigt sich der hässliche Deutsche von der komischen Seite und entlarvt sich dabei selbst. Tina Lanik inszeniert diesen Horror-Zirkus mit Sinn für Timing, Hintersinn und Humor. Mit Hilfe des großartigen Ensembles gelingt es ihr, aus den wandelnden Klischeefiguren vielschichtige Charaktere zu entwickeln.

Hübscher Verfremdungseffekt

Stephanie Leue ("Call me Heike!") spielt die überforderte Leiterin und Moderatorin der deutschen Imagekampagne schnoddrig und realitätsnah: "Wer bis zum Schluss bleibt, bekommt einen Kugelschreiber." Ihre deutschen Ansagen (und alle Dialoge) erscheinen in englischer Simultanübersetzung auf zwei Monitoren, ein hübscher Verfremdungseffekt. Die vier Vorzeigedeutschen warten hinter ihr in transparenten Vitrinen auf ihre Auftritte (Bühne und Kostüme: Patrick Bannwart).

Heike und ihre Musterexemplare erfüllen eine Mission, die mögliche Migranten abschrecken soll, denn: Das Leben in Deutschland ist auch kein Zuckerschlecken. Andi (in der Titelrolle: Nicolas Frederick Djuren) kann davon ein Lied singen. Er arbeitet in der Werbung als Senior Development Creative Team Leader, trägt Tattoos und zur Selbstverwirklichung auch gerne mal Frauenkleider. Die Ostdeutsche Frauke Hillig (toll: Annette Büschelberger), die ursprünglich Mathematik studiert hat, schlägt sich als Friseurin durch. Sie hat drei Kinder von verschiedenen Männern und ist nicht gerade vom Glück verwöhnt: "Nur, weil es anderen Leuten noch beschissener geht, geht es mir doch nicht besser."

Ansgar Bickel ist ein Beamter, den man vom Rheinland strafweise nach Unterfranken versetzt hat. Der Choleriker und Kettenraucher fühlt sich als Verlierer in einer Gesellschaft, die angeblich Männer unterdrückt und Frauen bevorzugt. Raphael Rubino beweist in dieser Rolle sein umwerfend komisches Talent bis zur Selbstentblößung.

Der Einzige, der an Deutschland nichts auszusetzen hat, ist ausgerechnet der dunkelhäutige Flüchtling Tony (Amadeus Köhli). Trotz aller Schikanen fühlt er sich in Europa wohl. Aber das passt ja nun überhaupt nicht zu der offiziellen deutschen Mission. Hier zieht Philipp Löhle einen doppelten Boden in sein Stück ein: Heike verliert endgültig die Kontrolle, aus dem Rollenspiel wird bitterer Ernst – und die deutschen Musterexemplare zerfleischen sich selbst auf offener Bühne und ohne Rücksicht auf Verluste.

Im Grunde geht es in dieser satirischen Nabelschau um deutschen Selbsthass und europäische Selbstzweifel. Dem Publikum drängt sich die Frage auf: Was ist eigentlich so attraktiv am Abendland, das doch dem Untergang geweiht scheint?

Als sei das alles nicht genug, setzt Löhle zum Schluss noch eins drauf und bemüht die aktuelle Diskussion um die lang verdrängte deutsche Kolonialgeschichte. Die geistreiche Groteske kriegt gerade noch die Kurve. Kein schöner Land in dieser Zeit? "Germany – Why Not!"

Info: Weitere Vorstellungen: 6., 12., 16. und 27. Februar. Karten im NN-Ticket-Corner, Tel. 09 11/2 16 27 77.

STEFFEN RADLMAIER

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