Montag, 21.10.2019

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Internationale Reise ohne Pass und Visum

Die Nürnberger Symphoniker präsentierten bei ihrem Klassik Open Air unter Kahchun Wong ein anspruchsvolles, abwechslungsreiches Programm. - 04.08.2019 18:49 Uhr

So engagiert er bei der musikalischen Arbeit ist, so ambitioniert gibt sich Kahchun Wong auch beim Erlernen der Sprache seines Gastlandes: Bei seinem zweiten Einsatz im Luitpoldhain moderierte der 33-Jährige bereits auf Deutsch. Jetzt geht es für ihn erst einmal in die Ferien ins heimische Singapur und anschließend nach Thailand. „Um die Sprache besser zu lernen“, erklärte er den verblüfften Zuschauern. © Foto: Roland Fengler


Das ist schon eine ganze Menge angesichts des hohen Aggressionspotenzials in der analogen wie in der digitalen Welt. Und nicht umsonst erklang die "Peterloo Ouvertüre" von Malcom Arnold, mit der der 2006 verstorbene Brite an den Aufstand vom 16. August 1819 in der Nähe von Manchester erinnern wollte.

50 000 Zuhörer im Luitpoldhain

Bei dem friedlichen Protest gegen überhöhte Getreidepreise und für eine Parlamentsreform waren am Ende fünfzehn Tote und über 400 Verletzte zu beklagen. Auf dem St. Peter‘s Field hatten sich seinerzeit mit 50 000 Menschen fast eben so viele versammelt wie im Luitpoldhain.

Die Nürnberger Symphoniker servierten also keineswegs nur leichte symphonische Kost, sondern strengten sich unter ihrem Chefdirigenten Kahchun Wong mächtig und höchst erfolgreich an, um ihre sprichwörtliche Vielseitigkeit Klang werden zu lassen.

Auch wenn es galt, hie und da künstlerische Abstriche zu machen. Etwa bei der Wiedergabe des Sparda-Wunschstücks, der Ouvertüre zu "Le nozze di Figaro": Da fehlten völlig die nervösen Vibrationen, die gereizte Spannung, die den folgenden heiklen Stände-Kampf ankündigen sollen. So brav darf Mozart einfach nicht abgepinselt werden.

Auch der "Rákóczi-Marsch" von Hector Berlioz blieb seltsam behäbig und blutleer. Dabei ist Kahchun Wong doch eigentlich ein gelernter Militärmusiker und müsste etwas von Marschrhythmen verstehen.

Die Posaunisten Anton Laubenbacher, Siegfried Czieharz und Andreas Schifler sowie Tubist Ruthard Göpfert (von links) haben eindeutig Spaß vor ihrem Auftritt. . . © Foto: Roland Fengler


Aber solche Feinheiten sind den meisten Picknickern sicher nicht so wichtig. Eher störten sich etliche daran, dass der Wortanteil auf der Bühne immer stärkeres Gewicht erhält. Da waren zum einen die zunehmend marktschreierischen Ansagen von Thomas Herr, der Maurice Ravel erstaunlicherweise zum Spanier erklärte, aber auch die selbstverliebten Ansagen von BR-Mann Dominik Glöbl, der zudem in Pachelbels D-Dur-Kanon ein Beispiel seiner übersichtlichen Blaskunst vermittelte.

Das fiel natürlich umso stärker auf, als mit Sergej Nakariakov einer der führenden Trompeter unserer Tage sein Können unter Beweis stellte — zum Beispiel in den artistischen Variationen, die Jean-Baptiste Arban dem Gassenhauer "Karneval in Venedig" angedeihen ließ. Für Sergej Nakariakov eine kleine Fingerübung.

Dass er die "Rokoko"-Variationen von Peter Tschaikowsky Respekt gebietend auf einem Flügelhorn spielte (übrigens ein Arrangement seines Vaters), darf als Kuriosum durchgehen, das der 41-jährige Russe im November mit dem Georgischen Kammerorchester im Ingolstädter Festsaal wiederholen wird. Ihre Brillanz und Charakteristik entfaltet diese Mozart-Hommage allerdings doch eher auf dem vorgesehenen Solo-Instrument, dem Cello.

Prachtvoll und plastisch ausgestaltet wurden dagegen die "Bilder einer Ausstellung" von Modest Mussorgsky als Hauptwerk des Abends. Hier entwickelte Kahchun Wong, dessen drastisches Dirigat oftmals im Gegensatz zur erzielten Wirkung bleibt, einen sinfonischen Spaziergang von hohem Format.

Natürlich ist — frei nach Aristoteles — ein Orchester mehr als die Summe seiner einzelnen Mitglieder. Aber wie wichtig auch die künstlerische Potenz jedes Instrumentalisten ist, bewiesen unter anderem Konzertmeisterin Anna Reszniak, die Trompeter Matthew Brown und Eckhard Kierski oder Stefan Danhof an der Celesta.

Grenzen überwinden

"Europa über alle Grenzen" hieß das Leitmotiv dieses "Open Airs", das seit Anbeginn keine soziale, ethnische oder altersmäßige Ausgrenzung kennt, sondern den verbindenden Charakter von Musik feiert. Und in der ersten Zugabe mit "Train Toccata" von Liu Yuan beweisen die Symphoniker sogar noch ihre vokalen Qualitäten. Ganz live. Ganz authentisch. Ganz nah. Ganz gut.

Info3sat sendet den Mitschnitt des Konzerts am 11. August ab 11.20 Uhr.

JENS VOSKAMP

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