Gelungene Premiere

Jeder ist anders: Das Festival "EveryBody" betritt Neuland in Nürnberg

12.9.2021, 18:13 Uhr
Zu Beginn von

Zu Beginn von "Exploring Borders" sind die Grenzen hautnah: Susanna Curtis, Isabelle Nelson und Johannes Walter (v.li.) und Tameru Zegeye (vorn). © Sebastian Autenrieth, NNZ

Seit 2008 ist die gleichberechtigte, Teilhabe Behinderter an allen Lebensbereichen in der UN-Menschenrechtskonvention festgeschrieben. „Inklusion ist verbrieftes Menschenrecht, aber es ist erschreckend, wie wenig bislang erreicht wurde“, sagte die Leiterin der Tafelhalle, Friederike Engel, zur Eröffnung des ersten, von der Tänzerin und Choreografin Susanna Curtis gegründeten mixed-abled-Festivals für Tanz und Performance in Nürnberg.

Das tritt unter dem Titel „EveryBody“ an, um zu zeigen, wie bereichernd die künstlerische Kollaboration von Körpern aller Arten mit ihren unterschiedlichen Ausdrucks- und Bewegungsqualitäten ist – und bot zu seiner Premiere an drei Tagen eindrückliche, berührende, begeisternde Beispiele dafür.

Lange halten die mit Klebeband markierten Grenzgevierte nicht.

Lange halten die mit Klebeband markierten Grenzgevierte nicht. © Sebastian Autenrieth, NNZ

Neben Filmen, Performances, Vorträgen, Gesprächen und einem Gastspiel der DIN A 13 tanzcompany aus Köln präsentierte Susanna Curtis zum Auftakt ihre neue Produktion „Exploring Borders“. Zusammen mit den Tänzern Isabelle Nelson und Johannes Walter sowie dem Akrobaten Tameru Zegeye erkundet sie darin die vielfältigen Formen von Grenzen, mit denen wir alle auf die eine oder andere Weise konfrontiert sind – durch unseren Körper, den Raum, die Herkunft, die Gesellschaft, das Alter, die eigenen, oft widerstreitenden Emotionen.

Susanna Curtis und Tameru Zegeye in einer Probenszene zu 

Susanna Curtis und Tameru Zegeye in einer Probenszene zu "Exploring Borders".  © Ludwig Olah, NNZ

Beklemmend eng sind die Grenzen zu Beginn, wenn die vier Körper sich im Plexiglaskasten vor der Tafelhalle langsam umeinander winden. Man denkt an Geburtsort, Schutzhöhle oder Gefängnis. Als die vier dann nach draußen krabbeln, erforschen sie wie Tiere ihr neues Revier, liefern sich im Foyer mit Krücken ein spielerisches Kräftemessen und flüchten schließlich auf die Bühne, an deren Wänden sie sich wie durch ein absturzgefährdetes Gelände entlangtasten.
Ernste Themen mit Humor und Spielwitz anzugehen, zeichnet fast alle choreografischen Arbeiten von Curtis aus und funktioniert auch diesmal großartig. Zwischen Tanz- und Akrobatikszenen zieht sich jeder in sein abgeklebtes Grenzgebiet zurück, prahlt herrlich albern mit seinen Besondernheiten, was nur klar macht: Alle Menschen sind besonders, sprich: anders. Doch wie schnell man mit seinem Anderssein auch an gesellschaftliche Grenzen stößt, wird deutlich, als Curtis die Lebenswege der vier skizziert. Hürden haben alle überwinden müssen, die größten fraglos Tameru Zegeye, der erst mit 15 Jahren Laufen lernte, der aus Äthiopien als Asylbewerber nach Deutschland kam und ohne Pass im fremden Land eine Odyssee durch die Aufnahmelager erlebte.

Das Zauberwort zur Überwindung aller Grenzen lautet Empathie. Das zeigt „Exploring Borders“ in zwei berührend zärtlichen Szenen, die wie eine Befreiung wirken und in pure Tanzfreude münden, gekrönt vom fulminanten Wettstreit zwischen Zegeye und Walter, wer die tollsten Kunststücke draufhat – der Akrobat mit Krücken oder der Breakdancer? Dass körperliche Behinderung ein Makel ist, kann danach niemand mehr behaupten. Den Riesen-Applaus hatten sich nach diesem begeisternden Festivalauftakt alle vier mehr als verdient.

Pionierin des "mixed abled"-Tanzes

Mit Gerda König, selbst auf den Rollstuhl angewiesen, war tags darauf eine Pionierin des „mixed abled“- Tanzes zu Gast. Mit ihrer DIN A 13-Company ist sie weltweit unterwegs, inzwischen gezielt auch in Länder, die sich im politischen Umbruch befinden. Wer ihrem mit fesselnden Videobeispielen illustrierten Vortrag zuhörte, erlebte auf überaus beeindruckende Weise, dass körperliche Behinderung kein künstlerisches Handicap ist, sondern eine Bereicherung, ein ästhetischer Wert auf Augenhöhe mit der Kunst nicht-behinderter Tänzer.

König macht sich seit langem dafür stark, dass „mixed abled“-Tanz Teil der Ausbildung wird und auch behinderten Menschen der Zugang zu diesem Beruf ermöglicht wird. „Ich würde mir wünschen, dass das Wort Inklusion irgendwann gestrichen werden kann“, sagt auch Susanna Curtis – weil mit dem Begriff die Exklusion, der Ausschluss, verbunden ist. Bis „das Andere“ selbstverständlich zur Normalität gehört, dürfte es noch ein weiter Weg sein. Mit dem „EveryBody“-Festival will Curtis auch künftig dazu beitragen. Dass das Interesse durchaus groß ist, zeigte die sehr positive Resonanz auf die Erstausgabe.

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