18°

Sonntag, 20.09.2020

|

Karl May zum 100. Todestag: Traum und Trauma

Der Schriftsteller wird verklärt, aber nicht mehr viel gelesen - 30.03.2012 07:22 Uhr

Bilderstrecke zum Thema

Mann der tausend Abenteuer: Karl May feiert 175. Geburtstag

Er ist bis heute einer der populärsten deutschen Schriftsteller, seine Abenteuergeschichten prägten die Kindheit von Millionen von Lesern. In unserer Bildergalerie blicken wir zurück auf das Leben eines Autors, das mindestens genauso interessant war, wie das seiner Romanfiguren.


„Ich“ sagen. Das war offensichtlich der Kniff, der sein Schicksal änderte. Für den nicht mehr ganz jungen Redakteur Karl Friedrich May, der nebenbei Erzählungen schrieb, erfüllte sich ein Märchen. Dieses Ich liebten die Leser im Nu. Sie identifizierten sich mit ihm, zogen mit ihm allbegabt, ritterlich, freundschafts- und fremdebegeistert in viele Weltgegenden, die um 1880 — lang vor dem Massentourismus – kaum jemand kannte. Von nun an ging es steil bergauf: mit den Auflagen, dem Einkommen, dem Ruhm.

Nie hätte der Weberssohn, 1842 in ärmlichen Verhältnissen geboren, sich diese Zukunft träumen lassen. Ein Traum war ja schon in Erfüllung gegangen, als May es mit viel Glück und Fleiß und Unterstützung der Familie zum Hilfslehrer gebracht hatte. Nach einem dummen Streich, der als Straftat ausgelegt wurde, entfernte man ihn aber aus dem Schuldienst. Ein Trauma, das May derartig aus der Bahn warf, dass er eine Laufbahn als Kleindieb und Serienbetrüger einschlug. Was er da anstellte, erinnert an die späteren Romane, so sehr liebte er die Verkleidung, die Verstellung, das Foppen. Dummdreist, wie er vorging, erwischte man ihn bald. Bis 1874 folgten — mit Unterbrechung — über acht Jahre im Arbeits- und im Zuchthaus.

Welle der Dankbarkeit

Was dann geschah, kann man sich im heutigen Deutschland nur schwer vorstellen: Ein Verleger stellt May als Redakteur ein. Warum? Er will für seine volkstümlichen Zeitschriften jemanden mit Bildung, aber auch mit reichem Erfahrungsschatz. Die Gefängniszeit rechnet er dem Letzteren zu. Diesmal nutzt May seine Chance und arbeitet bis zum Umfallen im Dienste seiner Leser. Dazu gehört, dass er immer besser und ausführlicher recherchiert. So überzeugend machte May sich Gelesenes zu eigen, dass selbst erfahrene Expeditionsleiter ihm bescheinigten, dieser Autor müsse die Canyons, die Prärien, die Wadis, die Salzseen mit eigenen Augen gesehen haben. Am 30. März 1912 starb Karl May als einer der reichsten und beliebtesten Schriftsteller aller Zeiten, um den viele Hunderttausend Leser trauerten.

Links zum Thema

Um sie hatte er von Anfang an in einem ganz außergewöhnlichen Maße gebuhlt, erst recht, da er sie nach kurzer Zeit als reale Personen wahrnehmen konnte. Seine spannenden Reiseerzählungen führten ihm eine so unerhörte Flut von begeisterten Briefen zu, dass eine Welle der Dankbarkeit für diese so unerwartete Bestätigung seiner Person zurückströmte. Wie der Weihnachtsmann wurde May um allerlei gebeten. Im Rahmen seiner Möglichkeiten reagierte er sehr großzügig, schickte Geld, stiftete seine Werke, nahm Quasi- und wirkliche Patenschaften an, schrieb Ermahnungs- und Ermunterungsbriefe. So wuchs schnell eine eingeschworene Gruppe, die in diesem Mann und seinen Reiseerlebnissen ihr Ideal fand. Dass viele Bilder des offensichtlich Weitgereisten und Vielverwundeten sammelten, verwundert nicht.

Neu und bis heute wohl einmalig aber ist, dass ein Autor sich ein Album seiner Leser anlegte. May, dem Bilder von allergrößter Bedeutung waren, bat seine Fans um ihr Konterfei. In einem mächtigen (58,5 x 38 x 7 cm), eigens dafür hergestellten repräsentativen Folianten ordnete er eine Auswahl von fast fünfhundert Abzügen an.

Die Gründung eines eigenen „Karl-May-Verlages“ trug schon 1913 wesentlich dazu bei, die Popularität des Autors durch umfangreiche Reklame- wie Marketing-Maßnahmen und Unterstützung der Forschung lebendig zu halten. Dass dieser Verlag May lange Zeit vornehmlich als Jugendbuchautor vermarktete und seine Texte umfangreich veränderte, weiß freilich kaum jemand. Die Bearbeiter sahen sich selbst als „Diamantschleifer“, die dem rohen Edelstein May Brillanz verliehen. Dabei ging es nicht um Kinkerlitzchen. Als der Hausautor 1962 gemeinfrei wurde, machte der „Karl-May-Verlag“ erfolgreich ein eigenes Urheberrecht für seine Bearbeitungen geltend. Ach ja, die Originale bietet man auch an: doppelt so teure Bände in Fraktursatz. Darüber hinaus erscheint in Bamberg seit 2008 die historisch-kritische Ausgabe.

Der größere Skandal besteht darin, sich — juristisch korrekt — Karl Mays letztem Willen entzogen zu haben. Der hatte sich eine Stiftung gewünscht, die notleidende Schriftsteller oder hoffnungsvolle Talente unterstützen sollte. Dazu kam es nicht, weil man noch vor dem Zweiten Weltkrieg — ganz legal — die Karl-May-Stiftung und den Verlag so trennte, dass alles, was man mit May in den kommenden Jahrzehnten verdiente, beim Verlag blieb. Die Karl-May-Stiftung kümmert sich allerdings auch nicht um diesen Teil von Mays Legat. Immerhin bleibt dank der Bamberger Ausgaben die erstaunliche Vielfalt seines Werkes erkennbar. Es gibt ja weit mehr als nur abenteuerliche Reiseerzählungen: journalistische Texte, Dramatik, Lyrik, „Erzgebirgische Dorfgeschichten“, historische Romane, Anekdoten, Schnurren, Humoresken, riesige Kolportageromane — leicht hundert Bände.

Der Markt ist gesättigt

Karl May ist immer noch ein Massenphänomen, wird die Lektüre seiner Werke auch nie wieder wie im 20.Jahrhundert eine Art Initiationsritus für viele Jungen und gar nicht wenige Mädchen sein. Verlässliche Verkaufszahlen gibt es nicht, doch haben seine Werke in den vergangenen 100 Jahren eine deutsche Auflage von 100 Millionen überschritten. Der „Karl-May-Verlag“ spricht von einer Sättigung des Marktes.

Michael Herbigs „Schuh des Manitu“ brachte immerhin frischen Wind ins Geschäft, was auch einem Dutzend Freilichtbühnen zugute kam, die etwas aufführen, das irgendwie mit May zu tun hat. Aber soll man Karl May hundert Jahre nach seinem Tod noch lesen? Bei ihm macht sich der historische Abstand stark bemerkbar, dazu die stilistischen Mängel eines Autors, der oft zu hoch griff, dabei aber häufig Schemaliteratur lieferte, Pappkameraden statt Helden, zu selten Selbstironie zuließ.

Als einziger Star der deutschen Literaturgeschichte bleibt May aber interessant. Und in den Werken beschreibt er Konflikte, die noch immer ungelöst sind; im Nahen Osten, im Balkan, in den USA. Mit ein wenig Anleitung durch Kenner wie Arno Schmidt, Hans Wollschläger, Helmut Schmiedt erkennt man schließlich in den Old-Shatterhand-, Kara-Ben-Nemsi-, Hadschi-Halef-Omar-, Winnetou-

Geschichten eine verborgene Generalbeichte Mays, eine rücksichtslose Selbstanalyse von außergewöhnlicher Qualität.

 

ROLF-BERNHARD ESSIG

1

1 Kommentar

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Kultur