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Klavier im Doppelpack

Die fantastischen Jussen-Brüder spielten in Nürnberg. - 10.04.2019 15:50 Uhr

Shooting-Stars der Klavierszene: Lucas (oben) und Arthur Jussen.


Als sich Arthur Jussen am Ende für die Konzentration im Saal bedankt und nach einem wilden Ritt durch Strawinskys "Sacre du Printemps" zum ruhigen Bach-Ausklang überleitet, scheint es, als würde die zwei Stunden lang aufgebaute nervöse Anspannung vom Publikum abfallen.

In den kleinen Saal der Meistersingerhalle eingeladen hatte die Brüder der Privatmusikverein, der damit den fränkischen Musikfreunden erstmals Gelegenheit bot, das vielgerühmte, auch im Plattengeschäft erfolgreiche Duo zu erleben. Eindrücklicher als mit diesem Best-of-Jussen-Programm hätten sich die Zwei kaum einführen können.

Mozart nicht als Aufwärmübung

Gleich zu Beginn stellen sie mit Mozarts D-Dur-Sonate KV 448 den gesamten Reichtum ihrer Fähigkeiten unter Beweis. Selbst von größten Pianisten oft als Aufwärmübung lieblos heruntergeklimpert, verwandelt sich das Stück unter ihren Fingern in einen einzigen Ausdruck frühlingshafter Beseeltheit. Nicht im rein mechanischen, sondern im agogischen Sinne greift hier alles mit größter Präzision ineinander, alles lebt, atmet und erzählt. Die Phrasierung ist originell, aber immer geschmackvoll, Details wie die kleinen Kadenzen vor dem höchst nobel hervorgehobenen Seitenthema des dritten Satzes schaffen erfrischende Kontraste und kitzeln das Ohr.

Wie die Reise in eine andere Welt wirkt danach die introvertierte Interpretation von Schuberts f-Moll-Fantasie, die – wenn man an bestimmten Stellen zu fest auf den Dramatikknopf drückt – gerne auseinanderfällt und einen wehleidigen Unterton annimmt. Nicht so bei den Jussens, die das Stück mit geradezu unbarmherzig schlagendem Puls, mit einer stets auf die einfachste Darstellungsform gerichteten Konsequenz durchspielen und damit wahre Erschütterung beim Zuhören hervorrufen.

Vor der Pause dann "La Valse", Maurice Ravels rauschhafte Allegorie auf das noch munter walzertanzende, längst aber schon bluthustende österreichische Kaiserreich um 1910, dem das Duo nach salonmusikhaft leichten Anklängen nach und nach immer mehr Dämonie einträufelt.

Ein perfekter Übergang zum (auswendig vorgetragenen!) Strawinsky-Gewitter, das sich dann im zweiten Teil mit dem berüchtigten "Sacre" über die Zuhörer ergießt. Bei aller Kraft und aller Wirkung sieht und hört man selbst hier, wie die beiden Pianisten auf den inneren Kern der Musik vertrauen und äußere Effekte, mit denen man es sich gerade bei diesem Stück so einfach machen könnte, meiden.

Die neue PMV-Saison eröffnet der Pianist William Youn am 23. September.

STEPHAN SCHWARZ-PETERS

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