Geschlechtergerechte Sprache

Kommentar: Das Gendersternchen kann viele Probleme nicht lösen

24.6.2021, 06:47 Uhr
Männlich, weiblich, divers? In der Sprache dominiert meist Ersteres.

© via www.imago-images.de, NN Männlich, weiblich, divers? In der Sprache dominiert meist Ersteres.

Ein Sternchen erregt derzeit die Gemüter. Die Einen feiern es als ultimatives Mittel, unterdrückende Machtstrukturen zu beseitigen. Die Anderen sehen darin den Untergang der deutschen Sprache. Wir Journalisten sind uns uneinig, wie wir mit dem Problem umgehen wollen. Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) hat kürzlich gemeinsam mit einigen anderen wichtigen Agenturen bekanntgegeben, dass sie weiterhin auf ein Gendersternchen, einen Doppelpunkt oder Unterstrich verzichten wird.

Als ein Grund wurde in dem Statement genannt, dass die Kunden – also regionale Plattformen wie die unsere – auf diese Schreibweise noch weitestgehend verzichten. Ein bisschen lustig ist das schon. Denn die Kunden – etwa unsere Plattform – würden wahrscheinlich weniger zurückhaltend mit der Einführung des Sternchens sein, wenn die dpa diese Richtung vorgäbe. So warten alle darauf, dass irgendjemand den ersten Schritt macht.

Wir stellen uns Männer vor

Fakt ist: Eine meinungsstarke Gruppe, die allerdings laut Studien nicht die Mehrheit in Deutschland stellt, möchte Frauen und Menschen, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen, in der Sprache besser repräsentiert sehen. Wenn wir Ärzte sagen, stellen wir uns Männer vor. Wir meinen nicht, wie es die Verfechter des generischen Maskulinums postulieren, die Ärztinnen mit. Diese Beobachtung halte ich für zutreffend. Das Problem der Repräsentation ist vorhanden.

Es wurde zunächst mit weiblichen Formen gelöst. Es kostet mehr Platz und mehr Zeit, immer beide Begriffe zu sagen, sprich: Ärztinnen und Ärzte. Aber damit könnte man leben. Noch komplizierter sind Sonderfälle, wo das medizinische Personal ausschließlich aus Frauen oder Männern besteht, und man nun eines von beiden korrekterweise weglassen muss. Das ist verwirrend. Aber geschenkt.


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Was die Sache erst richtig schwierig macht, sind Menschen, die weder als männlich noch als weiblich bezeichnet und betrachtet werden wollen. Ja, die gibt es. Und ja, sie haben es nicht verdient, durch (sprachliche) Nichtbeachtung zu Außenseitern gemacht zu werden. Ob die Veränderung der Sprache gleich eine Veränderung der Machtverhältnisse mit sich bringen würde, sei dahingestellt. Gerechter wäre sie in jedem Fall. So entstanden Gendersternchen und Co. Sie sollen das Problem der Repräsentation lösen.

Ich bin in der Frage zwiegespalten. Einerseits stört es mich nicht, in Medien, in wissenschaftlichen Aufsätzen, in Statements der Bundesregierung das Sternchen zu sehen. Es regt mich zum Nachdenken an. Darüber, welche realen Ungerechtigkeiten in der Welt leider existieren. Darüber, dass wir alle einen Weg finden müssen, diese realen Ungerechtigkeiten zu beseitigen. So ist es von den Erfindern gewollt. Wenn es nach mir ginge, würde ich in meinen Artikeln das Sternchen benutzen.


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Aber: Ich möchte in einem Roman kein Sternchen lesen. Das ist keine Frage der Gewöhnung. Ich will beim Lesen nicht meine innere Stimme eine Pause machen lassen und dann mit einem betonten großen „I“ weiterlesen. Und dabei an eine nicht repräsentierte Gruppe Menschen denken, die in unserer Gesellschaft ungerecht behandelt wird. Das will ich nicht, wenn ich einen Roman lese. Ich will über die Themen des Romans nachdenken.

Von Musik gar nicht zu reden. Gibt es schon Songschreiber, die gendern? Ich habe noch keine gehört. Es würde auch nicht gut funktionieren.

Es gibt weitere Auswüchse. Will man etwa Sinti und Roma, die zu Recht nicht mehr mit dem verletzenden Z-Wort bezeichnet werden, gender-korrekt benennen, dann muss es „Sinti*zze und Rom*nja“ heißen. Ich kenne Menschen, die das tun. Die Intention dahinter verstehe ich und heiße sie gut. Aber ganz ehrlich: Für den Alltag taugt das nicht. Ich denke, dass selbst unter Akademikern nur eine Minderheit (auf Kosten der Verständlichkeit) so korrekt sein möchte, während es einer Mehrheit auf die Nerven geht. Von den sogenannten bildungsfernen Schichten gar nicht zu reden, an denen geht so eine Debatte komplett vorbei.

Scheuklappen bringen uns nicht weiter

Fazit: Die mangelnde Repräsentation von Minderheiten in unserer Sprache ist ein Problem, das Gendersternchen halte ich aber – will man es konsequent für jegliche geschriebene und gesprochene Sprache einführen – für eine unzureichende Lösung. Leider fällt mir keine bessere ein.

Ganz verkehrt ist es aber, diese Debatte mit hochmoralischer Empörung und ideologischen Scheuklappen zu führen – auf beiden Seiten. Mag das Sternchen sich ganz durchsetzen, in Teilbereichen, oder gar nicht. Es zu verordnen wäre genauso falsch wie es zu verbieten.

Wir möchten Ihre Meinung hören! Schreiben Sie uns gern zu diesem Thema an kultur@pressenetz.de. Die Zuschriften werden gesammelt und für einen weiteren Artikel ausgewertet.

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