Donnerstag, 24.10.2019

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Königskinder im Sixties-Gewand

Mit einer jazzigen Neufassung der "Lustigen Witwe" verblüfft die Comödie Fürth zum Saisonstart. - 24.09.2019 11:30 Uhr

Da gibt es glatt eine kleine Berührung zwischen dem arbeitssscheuen Danilo (Volker Heißmann) und der schwerreichen Hanna Glawari (Kerstin Ibald): Die „Lustige Witwe“ macht aus der Fürther Comödie ein richtiges Operettenhaus. © Foto: Thomas Scherer


Ja gut, Lippen schweigen. Okay, das Studium der Weiber ist schwer. Vilja, oh Vilja, du Waldmägdelein. Franz Lehárs "Lustige Witwe", der weiße Trüffel der silbernen Operettenära, riecht 2019 nach den Mottenkugeln aus Omas klobigem Eiche-Kleiderschrank. Zwar hat nicht ein einziger der vielen Hits an Frische eingebüßt. Die Handlung ist jedoch museumsreif, die Kontexte und politischen Anspielungen, die damals jeder verstand, sind inzwischen bedeutungslos.

Da muss also jemand ran, der sich was traut. Auf dem Behandlungstisch der Wiener Comödien-Dramaturgin und Regisseurin Stephanie Schimmer liegt die sieche "Witwe", und die selbstbewusste 36-Jährige schreckt nicht davor zurück, die Finger mit aller Härte in die Muskulatur zu rammen und überflüssiges Gewebe zu entfernen.

Das Vilja-Lied, hier verblüffenderweise nicht von Hanna Glawari (Kerstin Ibald) angestimmt, sondern vom tageslichtscheuen Danilo (Volker Heißmann), kommt etwa eine Stunde früher als im Original; das reizende Duett vom Zauber der stillen Häuslichkeit mit völlig neuem Text in völlig verändertem Zusammenhang und plötzlich in Halbzeit zwo. So geht das Schlag auf Schlag.

Diese Durcheinanderwirbel-Konsequenz ist so tollkühn wie unverfroren und im Ergebnis unerwartet stimmig, auch mit Blick aufs hier und da gründlich renovierte Libretto. Schimmer und die 14 Damen und Herren des hochmotivierten Ensembles schaffen für das kleine Haus eine maßgeschneiderte Fassung, deren Spannungsfaden straff bleibt und die den Mottenkugelduft draußen lässt.

Was bleibt, ist eine verständliche, in wertig-stimmungsvolle Bilder (Bühne und Kostüme: Annemarie Bulla) getauchte, romantische Königskinder-Geschichte, ergänzt um eine in Fürth spielende Ausgangshandlung — die leider dafür sorgt, dass die ersten zehn Minuten pure Quasselei sind. Im Original ist da längst die Abteilung Musik in Hochform. Danilo, Sohn eines hochvermögenden Modehausbosses (fränkisch-herzlich: Bernhard Ottinger) wird, da er eher hormonell als konjunkturell tickt, nach Paris geschickt, um zur Vernunft und beruflich auf die rechte Spur zu kommen. Dort gibt es ein Wiedersehen mit der Fürther Sekretärin, die es nach der (Schein-)Heirat mit dem Senior zu Millionen gebracht hat, Hanna Glawari ihr Name.

Rahmenhandlung in Fürth

Ibald spielt und singt mit unaffektierter Eleganz und dezenter Kühle. Heißmann wiederum kann glaubhaft umschalten vom "Oh Vaterland"-Hallodri auf Mann, er vermag zu zeigen, was diesen Danilo ins Herz trifft und was ihn kränkt. Auch gesanglich ist er auf der Gewinnerseite eines Abends, der keine Verlierer kennt und nur äußerst wenige Witze aus der Gürtellinien-Hölle.

Das Buffopaar Valencienne und Camille etwa liegt bei der wunderbar koketten Christiane Marie Riedl und beim vor Spielfreude sprühenden Musical-Stenz Patric Dull in besten Händen. Sehr charmant: die beiden, so ebenfalls nicht in Lehárs Kader stehenden Kellner St. Brioche (mit Wiener Blut und Stimme: Josef Forstner) und Cascada (André Sultan-Sade, der auch die Choreografie verantwortet).

Nachtclubboss Maxim (leider nicht immer textverständlich: Bassbariton Sebastien Parotte) hat seinen großen Moment als Live-Kontrabassist und Modehaus-Buchhalter Njegus (Martin Rassau) als saucooler Rapper, der das "Studium der Weiber"-Septett um einige Queer-Verweise bereichert und dafür tosenden Applaus erntet. Sogar eine hübsche 60er-Jahre-Modenschau gibt’s, denn Schimmer entschied sich dafür, ihre "Witwe" im Paris der De-Gaulle- und Kennedy-Ära landen zu lassen. Ironie trifft  zweieinhalb Stunden lang auf Leichtigkeit, und nie wissen die Zuschauer so recht, was als Nächstes kommt. So muss Theater sein, mehr Wundertüte als Knalltüte. Klamottig jedenfalls gerät in der
Comödie nichts, nicht mal die Auftritte der Grisetten, die in schlimmen Inszenierungen piepsende Hupfdohlen im Bunny-Modus sein müssen. Hier sind sie bezaubernde und gut singende Tänzerinnen, fraulich
und selbstbewusst.

Thilo Wolfs Big-Band-Sound

Über weite Strecken funktioniert auch das verwegene Konzept, das Original in ein jazziges Soundgewand (Arrangements: Michael Flügel, Lars J. Lange) zu stecken. Gesungen wird live, das Orchester kommt vorproduziert in den Saal. Die Thilo Wolf Big Band, um ein Dutzend Streicher ergänzt, ist auch hier wieder erste Liga, kann Schmackes so gut wie Cremigkeit; der Farbreichtum der Wiener und Pariser Tanzstile, eigentlich das Markenzeichen der Lehár-Partitur, geht dabei allerdings phasenweise verloren. Da wird das "Studium der Weiber" vom forschen Macho-Marsch zum relaxten Tanzteeswing – gewöhnungsbedürftig.

Wer’s weniger eng sieht, wird mit dieser Comödien-Überraschung seine ungetrübte Freude haben. Die alte, lustige, vollgriffig massierte Dame lebt. Lippen schweigen, ein warmes Herz schlägt.

IBis 26. Januar. Karten mit ZAC-Rabatt in den Geschäftsstellen dieser Zeitung, Telefon 0911/216-2777.

Matthias Boll

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