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Krimi mit Finesse: Stuttgarter "Tatort" im Check

"Anne und der Tod" glänzt dank eines dramaturgischen Kniffs - 19.05.2019 05:49 Uhr

Die Kommissare Bootz (Felix Klare, links) und Lannert (Richy Müller) verhören Anne Werner (Katharina Marie Schubert). Die Altenpflegerin steht unter Verdacht, zwei ihrer Patienten getötet zu haben. © SWR/Maor Waisburd


Um was geht's? Als zwei bettlägrige ältere Männer unter zweifelhaften Umständen ums Leben kommen, gerät eine Angestellte eines Pflegedienstes ins Visier der Polizei. Da eine Tötung nicht auszuschließen ist, wird Anne Werner, für die ihre Chefin allerdings nur lobende Worte übrig hat, schließlich aufs Revier bestellt.

Was passiert dann? Lannert und Bootz beginnen, im Leben der Mutter eines Heranwachsenden zu blättern. Sie durchleuchten Tagesabläufe, durchforsten Dienstpläne und enthüllen Patientenleben. Dank ihrer Vernehmungskunst gelingt es den Ermittlern, bis ins Innerste von Anne Werner vorzudringen und letztendlich auf eine sehr zerbrechliche Seele zu blicken.

Die Geschichte hinter der Geschichte: Das von Wolfgang Stauch verfasste Skript setzt sich gleich mit mehreren gesellschaftlich relevanten Themen auseinander. So spielen Pflegenotstand, Unterbezahlung von Fachkräften sowie sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz eine Rolle.

Diesen "Tatort" muss man sehen, weil er toll inszeniert ist. Die Handlung springt permanent zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her. Miteinander verbunden sind die verschiedenen Passagen dank etlicher assoziativer Schnitte. Manchmal treibt es Regisseur Jens Wischnewski derart bunt, dass Sätze, die in einer Szene und Zeitebene beginnen, in einer anderen zu Ende gesprochen werden. Die Folge ist ein höchst lebendiger und aufregender Erzählfluss, der dem in Wischnewskis Kinoproduktion "Die Reste meines Lebens" ähnelt.

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Auftritt des Films: Schauspielerin Katharina Marie Schubert gibt eine wunderbare Figur als Anne Werner ab. Schuberts Darstellung verdient großes Lob und Anerkennung, weil sie es schafft, alle Facetten der Protagonistin glaubwürdig zum Ausdruck zu bringen. Außerdem ist sie im Gegensatz zu einigen ihrer schwäbischen Kollegen in der Lage, Sätze in einer verständlichen Sprache zu formulieren.

Demzufolge lautet die nicht gerade neue Erkenntnis des Films: Baden-Württemberger können alles. Außer Hochdeutsch. Das ist aber nicht schlimm. Denn wir hier können das bekanntermaßen ebenso wenig.

Das Zitat des Films: "Wenn auf jedem Grab eines Mordopfers eine Kerze brennen würde, wären unsere Friedhöfe nachts hell erleuchtet." Die eine Tötung für möglich haltende Hausärztin eines der Verstorbenen im Gespräch mit Lannert und Bootz.

Dieser Song hätte irgendwie noch recht gut gepasst: Frank Duval - Todesengel

Die Beobachtung des Films: Die Räumlichkeiten auf dem Stuttgarter Präsidium könnten definitiv einen etwas freundlicheren Anstrich und noch mehr Grün vertragen. Kein Wunder, dass sich Kommissar Bootz jeden Morgen "erst mal wieder mit dieser Welt hier verbinden muss".

Unser Fazit: Erneut präsentiert der SWR einen überraschenden Fall. Damit führt "Anne und der Tod" die Reihe außergewöhnlicher Krimis aus dem schwäbischen Kessel fort. Mit viel Pfiff unterhalten Wischnewski und Stauch ihr Publikum und fordern es zugleich dank der vielen inszenatorischen Einfälle. Dafür gibt es Lob und eine Eins minus. 

Micha Klang Nordbayern.de E-Mail

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