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Kunst-Dialog in der Klosterbrauerei

„An und für sich?“: Facettenreiche Ausstellung zum Jubiläum in Weißenohe - 05.09.2014 18:44 Uhr

Der eine beseitigt des anderen Hinterlassenschaft. Wer genießt höhere Wertschätzung? Fragen, die Eva Mandok mit ihrer Arbeit thematisiert. © Kirch


Zeitgenössische Künstler beanspruchen für sich das Recht auf geistig-schöpferische Unabhängigkeit. Die Initiatoren des „Kunstraums“ im ländlichen Weißenohe fordern sie auf, die besagte künstlerische Autonomie zur kritischen Auseinandersetzung mit sozialen und gesellschaftspolitischen Fragen zu nutzen. Nicht gefragt sind jedoch „Engagierte“, für welche die edle Gesinnung wichtiger ist als deren künstlerische Umsetzung. Die Ausgereiftheit der Form ist ein entscheidendes Kriterium für die Auswahl der gezeigten Werke. Aber es wird auch gefragt, ob die angewandte Form den Betrachter über das angepasste Alltags-Sehen hinausführt und zum Nach- und Weiterdenken anregt.

Eine solche im besten Sinn irritierende Form haben zum Beispiel die Malerin Bettina Jaenicke und der Objekt-Künstler Peter Schmidt gefunden. Jaenicke entdeckte ihre Bildvorlage in einer der Betonschluchten der Banken-Metropole Frankfurt am Main. Ein Unbekannter hatte auf den Straßenbelag das Wort „Glück“ gesprayt. Von dem ursprünglichen Foto der pinkfarbenen Schrift auf grauem Pflaster hat die Künstlerin neun hintersinnige Variationen angefertigt. Was ist Glück „an sich“ und was ist es ganz konkret für uns (für sich)? Ähnlich raffiniert unspektakulär ist die Form der Arbeit „Brot und Salz“ von Peter Schmidt. Sein gerade derzeit wieder hochaktuelles Thema ist der oftmals recht schäbige Umgang der „an und für sich“ reichen Länder mit Flüchtlingen aus den Armenhäusern der Welt. Schmidt zeigt unter anderem kleine (auf den ersten Blick „putzige“) Modelle von primitiven Notunterkünften und Sammel-Lagern.

Dass der bürgerliche Werte-Himmel angefüllt ist mit viel wertlosem Plunder und mit flüchtigen Illusionen, meint die Objekt-Künstlerin Christa Varadi. Die Illusion vom Individualismus in der Massengesellschaft demonstriert sie in Form einer grasgrünen Scheibe, auf der viele kleine Spielzeug-Schafe weiden. Ein jedes Schäflein ist ganz individuell (in den neuesten Mode-Farben) designt, aber dennoch bleiben sie alle miteinander eine einfältige Herde, die permanent im Kreis herum trottet.

Die Jagd nach dem Geld

Die Jagd nach dem Geld, das nur bedingt und nur in einem bestimmten gesellschaftlichen Kontext einen Wert darstellt, thematisiert eine Arbeit von Heike Wurthmann. Da ist das Fell eines erlegten Tieres bei näherer Betrachtung eine Collage aus den Fotokopien eines Ein-Dollar-Scheines, die mittels Reißwolf in wirklich fast haarfeine Streifen geschnitten wurden. Längst ist eben nicht mehr die menschliche Leistung und die menschliche Kreativität die globale Leitwährung, sondern das ökonomische Interesse der großen Kapitaleigner.

Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung liefert die Bildhauerin Eva Mandok. Aus Papiermaché formte sie den stummen Dialog zwischen einem Straßenreiniger und einem Hund. Der eine beseitigt des anderen Hinterlassenschaften. Wer von beiden genießt wohl die höhere Lebensqualität und die höhere Wertschätzung bei der Mehrheit der ungemein tierlieben Deutschen? Beeindruckende Symbolik bietet schließlich die Videoarbeit „Feuervogel“ von Janusz Radtke. Vorgeführt wird (untermalt von Igor Strawinskys Musik) eine apokalyptische Situation. Es ist Feuer unter dem Dach der anhaltend selbstzufriedenen Freizeit-Gesellschaft.

Kunstraum in der Klosterbrauerei Weißenohe, Klosterstr. 20. Eröffnung am heutigen Samstag, 19 Uhr mit Live-Musik. Bis 28. September , Fr./Sa. 14—18 Uhr, So. 11—18 Uhr. Führungen jeweils an den Sonntagen um 14 Uhr. Bei der Finissage am 28. September zeigt Stefan Ebertsch seine Franken-Performance „Daham“. 

BERND ZACHOW

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