Liebe als politisches Programm

13.4.2011, 19:36 Uhr
Ein komisches Paar: Sara Forestier und Jacques Gamblin.

Ein komisches Paar: Sara Forestier und Jacques Gamblin. © X-Verleih

Der deutsche Filmtitel ist obwohl eine wörtliche Übersetzung des Originals „Le nom des gens“ – ebenso nichts sagend wie holprig. Trotzdem sollte man sich davon nicht abschrecken lassen: Michel Leclerc widmet sich mit Sinn für Ironie und Situationskomik zwei großen Tabus, die in Frankreich bis heute Auswirkungen auf die politische Diskussion, aber auch auf familiäre Beziehungen haben. Es geht um die Situation der Juden in Frankreich während der Nazi-Zeit sowie um den Algerien-Krieg und das Verhältnis zu den Arabern. Leclerc gelingt das Kunststück, aus diesem schweren Stoff eine federleichte, autobiografisch gefärbte Komödie zu zaubern, Happy End inklusive. Er packt das heikle Thema ähnlich unkonventionell und witzig an, wie es hierzulande Dani Levy („Alles auf Zucker“) gemacht hat.

Wesentlichen Anteil daran haben auch die beiden Hauptdarsteller: Jacques Gamblin in der Rolle des schüchternen Liebhabers mit dem Allerweltsnamen Arthur Martin, der seine jüdische Herkunft verdrängt, und die umwerfende Sara Forestier als seine lebenslustige und liebeshungrige Geliebte Bahia, die ihrer algerischen Abstammung zum Trotz immer für eine Brasilianerin gehalten wird. Die beiden sind ein Paar wie Feuer und Wasser, aber Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich besonders in Liebeskomödien an.

Der überaus korrekte Arthur, der mit Frauen kein Glück hat, ist von der offenen, direkten Art Bahias auf Anhieb fasziniert. Im Handumdrehen stellt sie sein geordnetes Leben auf den Kopf. Hinter ihrem starken Männerverschleiß steckt eine verblüffende politische Strategie: Sie schläft reihenweise mit erzkonservativen „Faschos“, um diese im Bett politisch umzuerziehen.

Kompliziert (und komisch) wird die Geschichte durch den familiären Hintergrund der beiden Protagonisten, der erst nach und nach sichtbar wird: Arthurs jüdische Großeltern kamen in den Vernichtungslagern der Nazis ums Leben, seine Mutter hat dieses Trauma nie überwunden. Bahias Vater kam zur Zeit der 68er-Studentenrevolte als Gastarbeiter nach Paris und heiratete dort ein Hippie-Mädchen aus gutbürgerlichen Kreisen.

Klar, dass damit das (Gefühls)-Chaos programmiert ist. Doch zum Glück handelt es sich um eine Komödie, so dass sich am Ende alle Klischees, Feindbilder und Vorurteile in Wohlgefallen auflösen: Links und rechts, alt und jung, jüdisch, islamisch und christlich, arm und reich sind Kategorien, die die multikulturelle Gesellschaft von heute nur noch unzureichend definieren. In der scheinbar unmöglichen Liebe zwischen Arthur und Bahia erfüllt sich augenzwinkernd die Utopie einer besseren Welt. Zu schön, um wahr zu sein? Auf jeden Fall amüsant, charmant und geistreich. (F/100 Min.; Metropolis, Nürnberg; Manhattan, Erlangen)

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