Mit dem Kamasutra ging es los

Liebe im Labor? So forschen Sexual-Wissenschaftler wirklich

Lena Wölki
Lena Wölki

Politik und Wirtschaft

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Sexualwissenschaftler nähern sich dem Thema auf unterschiedliche Art und Weise. Manche setzen Fragebögen ein, was nicht ganz unproblematisch ist.
 

Sexualwissenschaftler nähern sich dem Thema auf unterschiedliche Art und Weise. Manche setzen Fragebögen ein, was nicht ganz unproblematisch ist.   © PantherMedia / Sergiy Tryapitsyn

Ein Pärchen im Schlafzimmer. Sie haben leidenschaftlich Sex – doch sie sind nicht allein. Auf einem Stuhl sitzt ein Forscher und macht sich Notizen. Sieht so die Arbeit eines Sexualwissenschaftlers aus? Nein, natürlich nicht.

Klar ist: Die Sexualforschung ist nur schwer zu fassen, weil sie multidisziplinär ausgerichtet ist. Das heißt, sie bezieht wissenschaftliche Erkenntnisse anderer Disziplinen ein – der Medizin und Biologie zum Beispiel, aber auch der Soziologie, Ethologie, Psychologie.

Auch wenn die Wissenschaft der Sexualität keine sehr lange Geschichte hat, so hat sie doch eine lange Vergangenheit. Ihre Wurzeln reichen bis zu den antiken Römern und Griechen. Philosophen wie Platon oder Aristoteles diskutierten Fragen zur Sexualerziehung, Fortpflanzung und sogar Empfängnisverhütung. Dabei hatten sie einen ganz anderen Blick auf das Thema. Sexuelle Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern etwa waren nicht verpönt, sondern gehörten dazu. Generell hatte die Sexualität einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft.

Zahllose Stellungen

Zu den ersten Niederschriften aus diesem Bereich zählt das Kamasutra. Dieses indische Lehrwerk der Erotik wurde etwa in den Jahren 200 bis 300 nach Christus verfasst. In Bücher und Kapitel unterteilt, beschreibt es unter anderem viele unterschiedliche Stellungen für den Geschlechtsverkehr. Außerdem behandelt es Themen wie "Der Liebesgenuss", "Der Umgang mit Frauen anderer Männer" oder auch "Das Benehmen der einzigen Gattin". Ursprünglich war das Kamasutra an junge, wohlhabende Männer adressiert, die darin Ratschläge finden sollten, um Frauen gekonnt zu verführen und auch zu befriedigen.

In Sachen Forschung gehört unter anderem der deutsche Jurist Karl Heinrich Ulrichs zu den Pionieren. Geboren 1825, forschte und publizierte er zur gleichgeschlechtlichen Liebe und bekannte sich öffentlich zu seiner Homosexualität. Auf dem deutschen Juristentag 1867 forderte er Straffreiheit für diese Art von sexuellen Handlungen, was seine Kollegen regelrecht empörte.

Trotz seiner Arbeiten zur Homosexualität und seiner Erkenntnis, dass es sich um eine "natürliche Veranlagung" handelt, dauerte es noch sehr lange, bis eintraf, was Ulrichs schon damals wollte: Erst 1969, also 100 Jahre später, war Homosexualität unter erwachsenen Männern in Deutschland keine Straftat mehr.

In den 1950er Jahren untersuchte der Gynäkologe William Howell Masters das menschliche Sexualverhalten und widerlegte gemeinsam mit der Wissenschaftlerin Virginia Johnson einige falsche Annahmen. Sie kamen zu dem Schluss, Sex sei eine natürliche und gesunde Aktivität, indem sie beispielsweise physiologische Daten des menschlichen Körpers und der Geschlechtsorgane während sexueller Erregung aufzeichneten. Die Arbeit der beiden Pioniere wurde später verfilmt und als Netflix-Serie ("Masters of Sex") veröffentlicht.

Hormone im Blut

Trotz dieser Fortschritte haben Sexualforscher bis heute mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen. "Leider ist das Thema immer noch etwas schambehaftet", sagt Johannes Fuß, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung. Das führe dazu, dass Wissenschaftler sich manchmal gezwungen sehen, sich von einer besonders professionellen Seite zu zeigen, um angesichts der vermeintlichen "Schmuddelthemen" nicht den Anschein von Unprofessionalität zu erwecken. Schließlich wollen sie nicht die Unterstützung der Geldgeber verlieren – und finanzielle Förderer der Grundlagenforschung gibt es Fuß zufolge ohnehin zu wenige. Diese Hilfen bräuchte es aber, um die Wissenschaft so auszubauen, dass sie langfristig als Fach anerkannt wird, so der Oberarzt.

Beschränkt sind auch die Möglichkeiten, sich während des Studiums mit dem Thema zu beschäftigen. Nur wenige Universitäten bieten das Fach Sexologie oder Sexualwissenschaft an, darunter die Hochschule Merseburg und die Medical School in Hamburg.

Doch wie wird nun geforscht? Es gibt verschiedene methodische Herangehensweisen. Johannes Fuß erklärt: "Diese reichen von Tierversuchen über soziologische Studien zum Sexualverhalten von Bevölkerungsgruppen, die meist mittels Befragungen erhoben werden, bis hin zur Untersuchung des Sexualverhaltens unter Labor-Bedingungen."

Indem man das Blut von Probanden untersuchte, während diese masturbierten, ließen sich zum Beispiel hormonelle Veränderungen feststellen. "So haben wir herausgefunden, dass der menschliche Körper sogenannte Cannabinoide ausschüttet, wenn Menschen sich bis zum Höhepunkt selbst befriedigen." Nach den Worten des Wissenschaftlers könnten diese körpereigenen Cannabinoide eine wichtige Rolle etwa bei der Schmerzlinderung beim Geschlechtsverkehr spielen: Sie wirken ähnlich wie Cannabis.

Es wird viel gelogen

Ganz so klar ist die Forschung mittels Fragebogen dagegen nicht immer. Der Grund: Die Befragten sind nicht immer ehrlich. Einen möglichen Wahrheitsgehalt ermittelte Fuß in einem Experiment. Darin sollten die Probanden Auskunft darüber geben, wie viele Sexualpartner sie bereits hatten. Im Anschluss mussten einige der Teilnehmer, diesmal an einen vermeintlichen Lügendetektor angeschlossen, dieselbe Frage erneut beantworten – und ganz plötzlich fielen die Angaben dann doch ziemlich anders aus, sagt der Psychiater.

Bleibt der Blick nach vorne: Wie wird sich die Sexualität in Zukunft verändern? "Eines unserer aktuellen Forschungsprojekte beschäftigt sich mit Sex-Robotern und hochrealistischen Sexpuppen und welchen Einfluss diese auf Menschen haben könnten", sagt Johannes Fuß und fährt fort: "Die Sexualwissenschaft hinkt den technologischen Entwicklungen oft einige Zeit hinterher. Trotzdem versuchen wir mögliche Effekte bereits zu erforschen, bevor neue Technologien einen Massenmarkt erreichen."

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