Von Politik bis ins Private

Mehr als ein Gefühl: Warum der Mensch ohne Vertrauen nicht leben kann

Hans Böller
Hans Böller

Redakteur der Nürnberger Nachrichten

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25.9.2021, 17:05 Uhr
Vertrauen gibt Halt im Leben, es zu fassen, muss der Mensch schon als Säugling lernen.

Vertrauen gibt Halt im Leben, es zu fassen, muss der Mensch schon als Säugling lernen. © imago images/photothek

Vertrauensseligkeit, es ist ein schönes Wort. Vertrauen. Und Seligkeit. Vertrauen und Politik, das ist sogar ein unzertrennliches Wortpaar. Jede Kandidatin, jeder Kandidat für ein Amt wirbt damit, dass man ihr oder ihm vertrauen dürfe. Seligkeit verspricht wortwörtlich zwar niemand, das Wort ist ja auch stark mit dem Jenseits konnotiert, aber in die Richtung geht es schon. Vertraut mir, ich mache euch zwar nicht selig, aber glücklich und zufrieden und ein bisschen reicher.

Vertrauensselig genannt zu werden, ist allerdings eher kein Kompliment. Es klingt wie: nett, sympathisch – und ein bisschen dumm. Braves Schäfchen. Von misstrauischen Menschen umgeben ist allerdings auch niemand gerne.

Es gibt den Begriff des "gesunden" Misstrauens. Aber stetes Misstrauen kann einsam, sogar krank machen und zu, so nennt das die Wissenschaft, paranoiden Persönlichkeitsstörungen führen. Man möchte sich im Grunde vertrauen können – ohne in den Verdacht zu geraten, ein Schäfchen zu sein.

Klatsch und Tratsch

Wem kann man überhaupt noch vertrauen? Die Frage ist seit dem Beginn der Corona-Pandemie wahrscheinlich noch viel häufiger gestellt worden als ohnehin schon immer – sie ging, natürlich, an die Politik, aber auch an die Forschung, die Medizin, den Journalismus. Und oft genug ging sie an Freunde, Nachbarn, Verwandte, das Corona-Virus übertrug ein aus Ängsten gewachsenes Misstrauen. Statistiker und Paartherapeuten treibt sogar die Frage um, wie sich die Pandemie auf Ehepaare auswirken könnte. Vertrauenskrise, es ist ein Wort des Jahres – allerdings nicht zum ersten Mal.

Die Frage, wem man wohl wie weit vertrauen kann, ist so alt wie die Menschheit. Schon die Jäger und Sammler schlossen sich zu Gruppen zusammen, die sie noch nicht Sozialverbände nannten, und die einzigartige Fähigkeit des Homo sapiens, komplexe Sachverhalte in abstrakte Sprache zu fassen, machte deren Organisation erst möglich. Die Basis für ein funktionierendes Zusammenleben war, nebst dem Austausch über die Umwelt: Klatsch und Tratsch – wenn man ehrlich ist, hat sich in den jüngsten 70.000 Jahren nicht allzu viel daran geändert.

Man braucht das auch nicht zu belächeln. Zu wissen, ob es der oder die andere ehrlich meint oder vielleicht doch die Gruppe beklaut – oder fremdgeht oder lügt –, konnte überlebenswichtig sein. Die Verbände der Jäger und Sammler umfassten etwa 50 Menschen, das ergab schon Abertausende von Zweier-, Dreier- oder Viererbeziehungen. Blindes Vertrauen konnte tödliche Folgen haben, latentes Misstrauen die Gruppe spalten.

Vertrauen gibt Halt im Leben, es zu fassen, muss der Mensch schon als Säugling lernen.

Vertrauen gibt Halt im Leben, es zu fassen, muss der Mensch schon als Säugling lernen. © Foto: reverse angle/dpa

Was ist das eigentlich für einer? Für eine? Im zurückliegenden Bundestagswahlkampf hatte man oft den Eindruck, das sei die wichtigste Frage, die meisten Beobachter haben konstatiert, dass sogenannte Sachthemen in den Hintergrund gerückt seien. Wer für welches Buch wo abgeschrieben haben könnte, wer wann wo gelächelt hat, wer den Lebenslauf wie konstruierte: Talkshows und Zeitungsseiten waren voll mit derlei Debatten. Klatsch und Tratsch in einer Zeit, da die Gruppe nicht mehr 50 Menschen umfasst, sondern, vernetzt und multimedial mit der ganzen Welt verbunden, 80 Millionen im ganzen Land. Wer blickt da noch durch?

"Ich bitte um Ihr Vertrauen", steht auf SPD-Wahlplakaten für Olaf Scholz. "Es geht um Sie. Es geht um Vertrauen", heißt es beim CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet. "Annalena Baerbock arbeitet daran, das Vertrauen wieder aufzubauen", äußerte ihr Kollege Robert Habeck nach den Plagiatsvorwürfen gegen die Kandidatin der Grünen. Es war, auch, ein Klatsch-und-Tratsch-Wahlkampf.

Das Urvertrauen

Bloß: Was ist das eigentlich, Vertrauen? Wer sich einer Sache gewiss sein kann, kommt ohne aus. Aber je ungewisser eine Angelegenheit scheint, desto mehr braucht es Vertrauen. Vertrauen kann beim Ich beginnen, mit dem Selbstvertrauen, es richtet sich im Fremdvertrauen auf andere, die Menschen sein können oder Institutionen ("der" Staat, "die" Medien, "die" Wirtschaft). Und es reicht, im Gottvertrauen, bis zu einer höheren, nicht fassbaren Instanz – die aber auch in einer säkularisierten Welt ihren Platz hat. "Das Gottvertrauen, dass sich die Dinge zum Guten entwickeln", bescheinigte Laschets langjähriger Heimatpfarrer Heribert August dem CDU-Kandidaten, es war jetzt ein gern zitierter Satz.

Die Biosoziologie kennt den Begriff des Urvertrauens; ein neu geborener Mensch muss, über die liebende Zuwendung der Eltern, instinktiv lernen, überhaupt Vertrauen zu entwickeln. Es gibt interessante Untersuchungen, die besagen, dass ein solches Urvertrauen nach dem Säuglingsalter kaum mehr zu erwerben ist. Ängste und Unsicherheiten im Umgang mit anderen Menschen können die Folgen sein – und, auf der Suche nach Halt, anfällig machen für extreme Positionen, für Verschwörungstheorien. Aktuelle Aufsätze stellten sogar die Frage, ob die Corona-Pandemie das Urvertrauen erschüttert haben könnte.

Ein erworbenes Vertrauen beruht auf subjektiven Überzeugungen und ist Erfahrungssache. Je öfter es enttäuscht wird, desto schwerer ist es neu zu fassen. Studien zeigen, dass die Bereitschaft zu vertrauen bei jüngeren Menschen immer größer ist als bei älteren. Dass, wie es im Blick auf die Politik gern konstatiert wird, jedwedes Vertrauen unumkehrbar auf dem Rückzug sei, dürfte allerdings eine zu pessimistische Prognose sein.

Der Mensch ist ein Herdentier, zwar Egoist, aber sehr auf andere angewiesen, praktisch und seelisch. Vertrauen zu fassen muss immer, will man es so sagen, einen Versuch wert sein. Der kann gelingen oder nicht; blickt man auf Umfragen, zeigt sich, dass das Vertrauen ins Gemeinwesen, also in die Politik, heute größer und morgen kleiner ist, oft mit beträchtlichen, auch sehr kurzfristigen Schwankungen.

Angela Merkels Botschaft

Und die globale Welt wird immer schneller und komplexer, die Ungewissheiten wachsen, von Generation zu Generation. Wenn sich sogenannte vertraute Bindungen – die Kirche, die Familie – aufzulösen beginnen, können andere an ihre Stelle treten, in der Politik gut zu sehen am Niedergang der einstigen Volksparteien und einem wachsenden Parteienspektrum. Was noch den Großeltern vertraut erschien, kann den Enkeln vollkommen fremd sein. Heute vertrauen Menschen auf den Psalm 23. Oder auf die Segnungen aus dem Silicon Valley. Es kann nicht darum gehen, wer vielleicht recht hat, es ist: Vertrauenssache.

Und Vertrauen muss wachsen, ein sogenannter Vertrauensvorschuss ist – egal, in welchem Metier – eine seltene Auszeichnung (und oft genug eine schwere Bürde). Nicht jede Enttäuschung bedeutet schon einen Vertrauensverlust, die perfekte Welt gibt es ja bloß als Utopie. Die nach 16 Jahren nun scheidende Bundeskanzlerin Angela Merkel musste das Wort überhaupt nicht verwenden, um vor vier Jahren noch einmal erfolgreich um Vertrauen zu werben. "Sie kennen mich", das war ihre wichtigste Botschaft, sie wirkte. Eine gewisse Vertrautheit mit Frau Merkel empfinden sogar Menschen, die sie nicht besonders schätzen.

Olaf Scholz hielt es im Wahlkampf mit Verweisen auf seine bundespolitischen Erfahrungen jetzt ähnlich – während Annalena Baerbock und Armin Laschet das Problem hatten, außerhalb ihrer angestammten Klientel respektive ihres Bundeslandes wenigen Menschen wirklich bekannt gewesen zu sein.

Ein angehender Bundeskanzler oder eine angehende Bundeskanzlerin wird sich am Sonntagabend bei den Wählerinnen und Wählern für etwas ganz Besonderes bedanken. Für ihr Vertrauen – es ist immer einer der allerersten Sätze, die an Wahlabenden fallen.

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