Mittwoch, 19.02.2020

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Mein Freund Adolf Hitler: Die Nazi-Satire "Jojo Rabbit"

Regisseur Taika Waititi gelingt ein rasantes Plädoyer für Mut und Menschlichkeit - 23.01.2020 17:54 Uhr

Nein, Scarlett Johannsson schäkert nicht mit Adolf Hitler (Taika Waititi) – der ist als imaginierter Freund nur für Jojo Rabbit (Roman Griffin Davis) sichtbar. © Foto: Disney


Gar nicht so einfach für einen kleinen, schüchternen Jungen, den Hitler-Gruß stramm zu intonieren. Als es dem zehnjährigen Jojo Betzler (Roman Griffin Davis), angespornt von seinem imaginären väterlichen Freund Adolf Hitler halbwegs gelingt, rennt er enthusiastisch salutierend durch die Stadt, während die deutsche Version des Beatles-Songs "I Want To Hold Your Hand"? erklingt und historische Aufnahmen von "Heil Hitler"-jubelnden Massen zu sehen sind.

Mit dieser umwerfenden Montage fasst der neuseeländische Regisseur Taika Waititi gleich zu Beginn die Essenz von "Jojo Rabbit" zusammen: Der mit großer Lust am frechen Klamauk inszenierten Nazi-Satire setzt er eine leise, warmherzige Geschichte entgegen, die von Solidarität, Mut und Empathie erzählt.

Waititi verkörpert selbst den Gröfaz als Witzfigur und exaltierten Zappelphilipp, der aus Jojo einen harten Kerl machen will. Doch der ist dafür viel zu gutmütig. Als er es im Ausbildungscamp der Hitler-Jugend nicht über sich bringt, zum Beweis seiner Kaltblütigkeit einem Hasen den Hals umzudrehen, hat er den Spitznamen Rabbit (für Hasenfuß) weg. Beim Granatenwerfen sprengt er sich fast selbst in die Luft und humpelt fortan – mit Narben im Gesicht – wie ein Invalider durch die Gegend.

Mit dem Training im Camp, wo die Kids unter Anleitung des desillusionierten Captain Klenzendorf (Sam Rockwell) in Bücherverbrennen und Judenverfolgen unterwiesen werden, ist es für Jojo erstmal vorbei. Einmal läuft er mit seiner Mutter (Scarlett Johannsson) über den Marktplatz, wo die Vaterlandsverräter am Galgen hängen. Was sie getan hätten, fragt Jojo. "Was sie konnten", lautet ihre Antwort.

Was der Junge nicht weiß: Auch seine Mutter, mit der er allein lebt, seit seine Schwester gestorben und der Vater im Krieg verschollen ist, engagiert sich im Widerstand und versteckt im Haus eine Jüdin, die 16-jährige Elsa (Thomasin McKenzie). Als der Junge das Mädchen entdeckt, gerät er endgültig in Gewissenskonflikte. Während ihm Freund Adolf Schauergeschichten von Juden ausmalt, fühlt sich Jojo, nachdem er seine Furcht überwunden hat, bald zu der sanften, klugen Elsa hingezogen, die ganz anders ist, als es ihm die Hasspropaganda verkaufen will.

Von Charlie Chaplins "Der große Diktator" bis Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" hat das Kino den Nazi-Spuk immer wieder satirisch entzaubert. Allerdings ist die Perspektive hier die eines naiven Kindes, was dem Film eine ganz eigene Zartheit verleiht. Der zwölfjährige Brite Roman Griffin Davis wächst einem als kleiner Held in Not sofort ans Herz. Toll ist auch Thomasin McKenzie, die Elsa nicht als Opfer, sondern als selbstbewusste junge Frau spielt und Jojos Feindbild mit feiner Ironie dekonstruiert. Etwas künstlich in ihrem liebevollen Bemühen, Jojo beizubringen, dass das Leben ein Geschenk ist, wirkt die Figur der Mutter, aus der Scarlett Johannsson trotzdem eine starke Rolle macht.

Mit seiner rasant inszenierten Nazi-Satire voller irrwitziger Slapstickmomente gelingt Taika Waititi so vor allem ein wunderbares Plädoyer für die Menschlichkeit. Die Botschaft des Films, Haltung zu zeigen, ist zeitlos aktuell. (108 Min.)

REGINA URBAN

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