Mitten in der Hooligan-Szene

26.9.2016, 12:26 Uhr
Auf Hooligan-Terrain: Autor Philipp Winkler.

Auf Hooligan-Terrain: Autor Philipp Winkler. © Foto: dpa

Wenn sie nicht in Wettbüros oder Spielotheken abhängen, dann in ihrer Stammkneipe, eine letzte museale Bastion der rustikalen Saufkultur. Heiko Kolbe und seine Kumpels sind eine eingeschworene, erlebnisorientierte Clique jenseits der 20, und sie lieben neben dem Alkohol und den Mädels auch den Fußball, wie er ihnen vererbt wurde: Hannover 96 ist ihr Verein, ein identitätsstiftendes Angebot und ein trotziges Bekenntnis zu den eigenen Wurzeln. Der Fußball ersetzt, was die Familie nicht immer liefern kann: Kontinuität, Zusammenhalt, Geborgenheit, Anerkennung.

Diese Werte findet Heiko Kolbe nur im Verein. Der Vater Alkoholiker, dem öfter die Hand ausrutscht, die Mutter bald mit einem neuen Kerl auf der Flucht, die Schwester will retten, was nicht mehr zu retten ist. Das Glück ist nicht auf seiner Seite. Er fällt zweimal durchs Abi und wird noch weiter nach unten durchgereicht: Im Dreckloch eines durchgeknallten Ganoven haust er, im Boxgym eines weiteren durchgeknallten Ganoven, der sein Onkel ist, geht er als „Mädchen für alles“ Kampfsportlern, Bikern, Türstehern und Nazis zur Hand. Legal ist wenig, was in seinem Umfeld passiert.

Am Rand der Gesellschaft

Heiko Kolbe ist der Ich-Erzähler in Philipp Winklers Romandebüt „Hool“. Während in Clemens Meyers Erstling „Als wir träumten“, der vor zehn Jahren für Furore sorgte, eine Leipziger Clique dem trostlosen Alltag ausgesetzt war, so ist es bei Winkler eine Hannoveraner Clique, die sich im wahrsten Sinne des Wortes durchboxt. Zweierlei Milieustudien vom äußersten Rand der Gesellschaft, an den sich die deutschen Gegenwartsautoren eher selten trauen. Winklers Interesse gilt dabei den gewaltbereiten Fußballfans, den Hooligans: Männer der sogenannten dritten Halbzeit, die sich im Umfeld des jeweiligen Spiels zu ihrem Match verabreden, das eigenen Gesetzen gehorcht. Ein archaischer, ritualisierter, blutiger Kampf: Gruppe gegen Gruppe, Mann gegen Mann. Nur der Sieg zählt – im Namen des Lieblingsvereins. Die Fortsetzung des sportlichen Duells mit eigenen Mitteln.

Auf dem Acker, wie es im Szenedeutsch heißt, geht es gegen Köln. Gegen Frankfurt. Gegen Gladbach. Und natürlich gegen die Erzfeinde aus Braunschweig. Die meisten Auseinandersetzungen werden gewonnen, doch die einst unzerstörbare Ersatzgemeinschaft bricht nach und nach auseinander. Ulf steigt wegen Freundin und Kind aus, Kai wird bei einer Auseinandersetzung so schwer verletzt, dass er wochenlang im Krankenhaus liegt und vorübergehend blind ist, Jojo hat nach diesem Schockerlebnis keinen Bock mehr auf die Kampftruppe und setzt alle Kraft auf seinen ehrenamtlichen Job als Jugendtrainer. Zurück bleibt Heiko, wie so oft: „Ihr alle habt irgendwas, worauf ihr euch am Ende des Tages freuen könnt“, brüllt er, „ich habe null“. Sein Vorwurf: „Ich fass nicht, dass ihr mich auf einmal alle allein lasst.“

Winklers Antiheld hat keine Chance: Er hält beharrlich an seiner Sache fest, weil nichts anderes da ist, woran sich festzuhalten lohnt. Gewalt hilft für den Moment über die Probleme hinweg, ist willkommenes Ventil und kompromisslose, nonverbale Artikulation, wo es sonst schwerfällt, die eigenen Gefühle, die eigenen Vorstellungen auszudrücken, und nur Sprachlosigkeit bleibt in entscheidenden Situationen mit ihm nahestehenden Menschen.

Wenig an dieser Existenz macht Hoffnung auf einen halbwegs versöhnlichen Ausgang, und so versackt die kurzatmige, ruppige Sprache absichtsvoll im Morast aus umgangssprachlichem Kauderwelsch, rüdem Szenevokabular und derben Flüchen. Drastisch und blutig, aber niemals verherrlichend sind die Schilderungen der Gewalt, von so unmittelbarer Präsenz, dass dem Leser der Atem stockt.

Kapitel wie Kurzgeschichten

Der 1986 geborene Philipp Winkler, in der Nähe von Hannover aufgewachsen und in Leipzig lebend, hat Literarisches Schreiben studiert. Der Mann kann erzählen, und wie. Die Handlung, die Figuren, die Charakterisierungen und Beschreibungen verdichten sich zu einem Roman, der dem Leben mit seinen Abgründen sehr nah kommt. „Hool“ wagt sich auf ein von der Öffentlichkeit durch interne Verhaltensregeln und Dresscodes abgeschottetes Terrain – und macht vieles richtig. Allerdings arbeitet Winkler sehr häufig mit Andeutungen, lässt Raum für Spekulationen, was wiederum irgendwann den Eindruck erweckt, dass er nur selten konsequent zu Ende erzählt. Dass er bisher ausschließlich Kurzgeschichten veröffentlicht hat, ist den prägnanten Kapiteln anzumerken. Jedes steht perfekt für sich, alle zusammen ergeben aber nicht viel mehr als die Summe der einzelnen Teile, weil sie sich eher lose aneinanderreihen, als sich zu einem großen Ganzen neu zu verbinden.

Doch die Wucht seiner Erzählkraft fegt über diese kleinen Schwächen der Konstruktion eindrucksvoll hinweg. Was für ein erster Auftritt in der Bundesliga der oft kraft-, sprach- und problemlosen Gegenwartsliteratur: Leipzigs Clemens Meyer ist bereits weit vorn, doch nun ist mit Hannovers Philipp Winkler ebenbürtige Konkurrenz aufgetaucht.

Philipp Winkler: Hool. Roman. Aufbau Verlag, Berlin, 311 Seiten, 19,95 Euro.

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