Neuer Vinterberg-Film: Großartiger "Rausch" im Kino

10.6.2021, 13:56 Uhr
Kein Alkohol ist auch keine Lösung: Szene aus Thomas Vinterbergs neuem Film

Kein Alkohol ist auch keine Lösung: Szene aus Thomas Vinterbergs neuem Film "Der Rausch". © Rolf Konow

Während der neue Bond "No Time to Die" nach mehrfacher Verschiebung nun am 30. September in Deutschland starten soll, ist Thomas Vinterbergs "Der Rausch", ebenfalls wiederholt neu terminiert, jetzt für den 22. Juli gesetzt. Die Erlanger Lamm-Lichtspiele zeigen den Gewinner des Auslands-Oscars jedoch schon seit einer Woche, heute läuft die hochprozentige Tragikomödie des Dänen auch in Nürnberg im Cinecittà, im Metropolis und im Casablanca an.

Was zeigt: Die Verleiher sind froh, ihre Filme endlich rauszubringen. Kinos, die bereits wieder auf haben – und da liegen Nürnberg und Erlangen ganz vorn –, werden auf Wunsch gerne beliefert, bevor am branchen-intern vereinbarten bundesweiten Öffnungstermin 1. Juli die in der Warteschleife harrenden Filme massenweise auf die Leinwand drängen.

Der Star von "Der Rausch" ist der großartige Mads Mikkelsen, dessen Auftritt am Ende des Films allein schon den Kinobesuch wert ist. Der 55-Jährige spielt den Geschichtslehrer Martin, der tief in der Midlife-Krise steckt. Sein Unterricht ist so uninspiriert, dass seine Schüler, die um ihre guten Abiturnoten fürchten, zu meutern beginnen und er sich vor ihren Eltern rechtfertigen muss. Auch Zuhause hat er seiner Frau Anika (Maria Bonnevie) und den zwei Kindern kaum noch etwas zu sagen. "Bin ich langweilig geworden?", fragt Martin einmal. "Du bist nicht mehr der Martin von damals", antwortet Anika ihm lächelnd, aber unmissverständlich.

Hadern mit dem Älterwerden und haben sich gerade einen ordentlichen Rausch angetrunken: Die vier Freunde Martin (Mads Mikkelsen), Peter (Lars Ranthe), Nikolaj (Magnus Millang) und Tommy (Thomas Bo Larsen, von links).

Hadern mit dem Älterwerden und haben sich gerade einen ordentlichen Rausch angetrunken: Die vier Freunde Martin (Mads Mikkelsen), Peter (Lars Ranthe), Nikolaj (Magnus Millang) und Tommy (Thomas Bo Larsen, von links). © Foto: Weltkino/Henrik Ohsten

Seinen drei befreundeten Kollegen, dem Musiklehrer Peter (Lars Ranthe), dem Sportlehrer Tommy (Thomas Bo Larsen), und Nikolaj (Magnus Millang), der Psychologie, unterrichtet, geht es nicht viel besser. Das Älterwerden, die gefühlte Leere werden ihnen angesichts der unbändigen Lebensfreude ihrer Schüler, die gleich in der Eingangsszene ekstatisch zelebriert wird, umso schmerzlicher vor Augen geführt. Bei seiner Geburtstagsfeier im Sternerestaurant, bei der sich die Freunde einen erstklassigen Rausch antrinken, erzählt Nikolaj von der Theorie des norwegischen Psychologen Finn Skárderud: Demnach wird der Mensch mit einem halben Promille Blutalkohol zu wenig geboren. Wer den Pegel konstant auf 0,5 hält, wird interessanter, selbstsicherer, mutiger.

Das Quartett beschließt, Skárderuds Theorie zu testen – nach strengen Regeln (Alkohol nur während der Arbeit) und mit genauem Protokoll. Der Erfolg des Experiments ist durchschlagend: Die Lehrer laufen im Unterricht zur Hochform auf, begeistern ihre Schüler, führen sie zu besseren Leistungen. Auch Anika erkennt ihren Mann kaum wieder.

Solange die Trinkerei maßvoll bleibt, wirkt der Selbstversuch wie die heilsame Rückkehr zu etwas, was den Männern seit langem abhanden gekommen ist: Die Ausgelassenheit, die Freude am Leben, die Inspiration. Der Kater folgt erst, als die vier die Grenzen zur Betrunkenheit immer weiter ausreizen und irgendwann nicht mehr leicht beschwipst in den Unterricht kommen, sondern stockbesoffen.

Was Vinterbergs Film neben dem fantastischen Zusammenspiel seiner vier wunderbaren Protagonisten und der zwischen Höhenflug und Absturz traumwandelnden Inszenierung so außergewöhnlich macht, ist sein vorurteilsloser Blick auf den Alkohol.

Der dänische Regisseur Thomas Vinterberg (Jahrgang 1969).

Der dänische Regisseur Thomas Vinterberg (Jahrgang 1969). © imago images/Gonzales Photo

Er beschönigt die Trinkerei nicht und er verteufelt sie nicht. Er zeigt mitreißend die Euphorie des Kontrollverlusts und macht zugleich deutlich, dass das Problem der vier Freunde nicht der Alkohol ist, sondern vielmehr ihr Leben selbst – die verlorene Jugend und Unbeschwertheit.

Eine Feier des Lebens

Wenn sie sich im Rausch ein Stück davon zurückerobern, sind das die schönsten Momente des Films. Klar ist dabei aber immer: Das Trinken macht letztlich keinen von ihnen glücklicher, spült vielmehr auch die Trauer und den Schmerz nach oben – mit tragischen Konsequenzen für einen der Freunde.

Und doch ist "Der Rausch" vor allem eine Feier des Lebens, die im Fest der frisch gebackenen Abiturienten am Hafen kulminiert – mitten unter ihnen der tanzende Martin, in dessen halsbrecherischer Performance Mads Mikkelsen das ganze Glück und Unglück seiner Figur zum Ausdruck bringt.

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