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Nürnberger Künstler gestalten "Hakenkreuz-Glocke" um

Die Bronze-Glocke spaltete eine kleine Dorfgemeinschaft in Niedersachsen - 10.12.2019 12:14 Uhr

Ein Kubus im Außenbereich der Kirche soll auf die Geschichte der Schweringer "Hakenkreuz-Glocke" verweisen. © Atelier Arnold+Eichler


Die Entscheidung für die Nürnberger fiel einstimmig: Mit ihrer Idee haben die beiden Künstler Hannes Arnold und Klaus-Dieter Eichler die Jury eines ausgeschriebenen Kunst-Wettbewerbs für die Glocken-Gestaltung beeindruckt. "Der künstlerische Entwurf überzeugt mit seiner schlichten, aber umso präziseren Aufforderung, sich der Geschichte der Schweringer Glocke zu stellen", hieß es in der Begründung.

Und diese Geschichte verlief tatsächlich einigermaßen turbulent. Dem Einschmelzen für die Rüstungsindustrie der Nationalsozialisten war die etwa 1.800 Kilogramm schwere Bronzeglocke im Zweiten Weltkrieg entgangen. Dass sie nun vor zwei Jahren stillgelegt wurde, hat nicht etwa mit zu lautem Geläut zu tun. Vielmehr waren bei Nachforschungen "auf der einen Seite ein eingegossenes Hakenkreuz und auf der anderen eine völkische Inschrift" entdeckt worden, erläutert Klaus-Dieter Eichler.

Danach kam es zum heftigen Zwist in dem 800-Einwohner-Dorf bei Nienburg. Manche Bürger störten sich nicht an der Glocke, andere wiederum wollten darunter nicht mehr in die rote Backstein-Kirche gehen. Der Fall ging durch die Medien.

Nacht- und Nebelaktion mit dem Winkelschleifer

Kurz vor Ostern 2018 stiegen Unbekannte in einer Nacht- und Nebelaktion mit dem Winkelschleifer auf den Kirchturm und eliminierten unbemerkt sowohl das Hakenkreuz als auch einen Teil des NS-Textes. © Lechler/Hannoversche Landeskirche/epd


Daraufhin bot die Landeskirche einen Austausch an. Doch kurz vor Ostern 2018 stiegen Unbekannte in einer Nacht- und Nebelaktion mit dem Winkelschleifer auf den Kirchturm und eliminierten unbemerkt sowohl das Hakenkreuz als auch einen Teil des NS-Textes. Unterdessen ist die Glocke offiziell entwidmet worden.

Arnold und Eichler, zu deren Projekten unter anderem der Glas-Brunnen am Leipziger Platz in Nürnberg gehört, wollen die umstrittene einstige "Hakenkreuz-Glocke" nun umgestalten. "Die Arbeit wird sich in zwei Teile gliedern, die sich aufeinander beziehen", erklärt Eichler. Der 65-Jährige und sein Partner wollen zum einen eine neue Beschriftung "wie eine Schärpe um die Glocke" legen und so den übrig gebliebenen alten Text überschreiben. Beim Wortlaut werden die Schweringer Bürger mitentscheiden können.

Als zweite Arbeit wird vor dem Eingang der Kirche eine klinkerrote Kubus-Skulptur installiert werden, in die eine seitliche Hohlform gleichsam als Negativ einer Glocke eingearbeitet ist. "Der Betrachters soll durch diese Leerstelle aufgefordert werden, seine Position zur Geschichte zu bedenken", erläutert Eichler. "Nichts von Geschichte der Glocke soll verleugnet oder in einen früheren Zustand zurückgeführt werden", betont der Nürnberger Künstler. Die Arbeiten für das rund 30.000 Euro teure Projekt sollen im kommenden Jahr beginnen. Die hannoversche Landeskirche übernimmt die Kosten.

Birgit Nüchterlein

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