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Pandemierisiko! Tiergartenchef warnt: Wildtiere brauchen Abstand

Gefahr der Krankheitsübertragung: Dag Encke aus Nürnberg befürchtet Häufung - 30.03.2021 16:06 Uhr

Wer Wildtieren so nah kommt, muss damit rechnen, sich eine Krankheit einzufangen. Hier auf einem Markt in Bogota, Kolumbien.

24.02.2021 © MAURICIO DUENAS, NNZ


Das Corona-Virus ist vom Tier auf den Menschen übergesprungen, eine Zoonose fand statt. Wie konnte das passieren?

Dr. Dag Encke: Der lokale Ursprung lag in China. Die Kommission der zehn Wissenschaftler, die dort unterwegs waren, prüft alle Möglichkeiten. Diese Experten gehen inzwischen davon aus, dass der Ursprung mit einer Massenhaltung von Tieren zusammenhängt.

Das spräche gegen den Wildtiermarkt in Wuhan, der immer wieder als Ausgangspunkt genannt wird.

Encke: Ja, denn es bedarf schon einer sehr hohen Frequenz von Begegnungen, damit die Übertragung stattfinden kann. Diese Viren sind allesamt sehr selten. Das macht es wahrscheinlich, dass es keine Übertragung von einem Einzeltier auf einem Markt war. Für mich klingt das plausibler als die Geschichte von einer Fledermaus, die auf dem Markt liegt, dieses Tier wird dann vom Menschen gegessen und der hat sich dadurch infiziert.

Warum fällt es so schwer, den genauen Ursprung zu rekonstruieren?

Encke: Weil das viel mit Wahrscheinlichkeit zu tun hat. Wie oft taucht das Virus in einem Tier auf, das ist die erste Frage. Dann geht es darum, wer das Virus weitertragen kann. Da gibt es eine ganze Reihe von Tieren – die marderartigen beispielsweise.

Deshalb mussten in Dänemark 17 Millionen Nerze getötet werden.

Nürnberger Tiergartendirektor Dr. Dag Encke

24.02.2021 © Roland Fengler, NNZ


Encke: Diese Tiere waren infiziert. Die Gefahr des Überspringens auf den Menschen wäre zu groß gewesen, vor allem die Gefahr der Verbreitung. Wenn ich in einer Pelztierfarm sicherstellen kann, dass nur die dortigen Mitarbeiter betroffen sind, dann ist das ein Cluster, das man managen könnte. Wenn ich aber nicht sicherstellen kann, dass dieser Cluster geschlossen bleibt, muss ich reagieren. Und in Dänemark gab es eben wildlebende Nerze, die schon infiziert waren.

Was doch eigentlich auch kein Problem wäre, wenn wir Menschen nicht den Kontakt zu Wildtieren suchen würden. Liegt darin das Problem, dass Zoonosen überhaupt als Pandemieauslöser eine Chance haben? Rücken wir den Tieren zu sehr auf die Pelle?

Encke: Die Tiere haben immer weniger Platz, Abstand zu halten. Und die Menschen suchen immer mehr Kontakt, indem sie Wildtiere halten und essen. Dazu kommt die Globalisierung. Wenn früher ein Infekt von einem Affen auf einen Dorfbewohner der Elfenbeinküste übergesprungen ist und dann alle Dorfbewohner gestorben sind, dann war's das. Heute passiert die Verbreitung von China nach Italien in kürzester Zeit. Die Globalisierung wird sich kaum zurückdrehen lassen.

Muss der Mensch dann mehr Rückzugsgebiete für Tiere schaffen, um Zoonosen zu vermeiden? Erste Ansätze gibt es: Bis 2030 sollen 30 Prozent aller Flächen unter Naturschutz gestellt werden. Hilft das?

Encke: Das Konzept heißt One Health. Es geht um eine Balance, die die Tiere in Abstand zum Menschen leben lässt. Das ist ein altes Konzept, um die Wildtiernutzung zu kontrollieren und somit auch die Pandemiegefahr einzuschränken.

Euphorie klingt anders.

17 Millionen Nerze mussten in Dänemark getötet werden.

24.02.2021 © imago images/Steffen Schellhorn


Encke: Auch hier geht es um Wahrscheinlichkeiten. Es gibt Zehntausende von Viren, darunter viele, die wir nicht kennen. Die Mutationsraten sind sehr hoch, die Gefahr wird also immer da sein. Die Pandemie, die wir jetzt erleben, kam ja nicht unerwartet. Schon 2012 wurde vor einer Pandemie mit einem mutierten SARS-Erreger gewarnt, wurden Versäumnisse angeprangert. All das, was jetzt passiert, wurde schon damals relativ genau umschrieben. Das hat nichts mit Verschwörung zu tun, sondern zeigt nur, dass naturwissenschaftliche Modelle ernst zu nehmen sind. Das Blöde an der Wahrscheinlichkeit ist, dass sie kein Gedächtnis hat.

Die nächste Pandemie kann bereits im Anmarsch sein?

Encke: Wir können das nicht ausschließen. Wir können Maßnahmen ergreifen, um das zu kontrollieren. Etwa beim Transport von Tieren, mit Quarantänemaßnahmen zum Beispiel.

Also bleiben wir bei den Masken, halten weiter Abstand zu anderen Menschen?

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Encke: Das ist eine Abwägung. Im ersten und auch im zweiten Lockdown wurde so entschieden, dass wir Interessen der Ökonomie hinter den Schutz des Lebens stellen. Das ist im Rahmen der Möglichkeiten ziemlich vorbildlich gelaufen.

Nochmal: Bleiben dann die Masken unter lebenslanger Begleiter? Wäre das verhältnismäßig?

Encke: Nein, sicher nicht. Es geht doch nur um die Größenordnung, in der menschliches Leben bedroht ist. Ansonsten würde ich als Biologe immer sagen: Stärkt euer Immunsystem, küsst euch!

Küssen ist leider kein probates Mittel, um die Corona-Übertragung einzudämmen.

Encke: Nein, das meine ich auf anderen Keime bezogen. Bei Corona sehe ich sehr viel Plausibilität im staatlichen Handeln.

Kritiker sprechen vom Primat der Virologen.

Encke: Wir können eine Pandemie doch nicht mit Umfragen bekämpfen. Insofern ist das zwingend, dass die Virologen den Politikern die Fakten zur Verfügung stellen. Wobei das immer eine Abwägung ist: Entscheiden wir uns für den Bäcker, der von der Pleite betroffen ist? Oder für den alten Mann, der von der Infektion bedroht ist? Im Moment hat die Politik sich für die Gesundheit entschieden.

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Es bleibt also schwierig, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Wie wäre es denn mit dem Ausrotten der Überträger, also der Fledermäuse?

Encke: Die Fledertiere zählen zu den artenreichsten Tieren der Erde. Wir würden so viel Biodiversität vernichten, diese ökologischen Schäden würden wir nicht kompensieren können.

Also Finger weg vom Wildtier? Oder sogar von der eigenen Katze?

Encke: Wenn man mit Tieren in Kontakt tritt, muss man immer wissen, dass das ein Risiko in sich birgt. Wenn man das regelmäßig tut, sollte man sicher sein, dass die Tiere unter tierärztlicher Kontrolle sind. Und wer sich in der Wildbahn bewegt, der sollte das Risiko kennen, sich dort eine Krankheit einzufangen. Allerdings sind diese Krankheiten selten. Wir können also, solange wir nicht wildern, ganz normal weiterleben – im Wissen: Das Leben ist tödlich!

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