Politische und private Bekenntnisse

Peter Maffay: „Angela Merkel wird nicht ohne Weiteres ersetzbar sein“

13.9.2021, 17:23 Uhr
Peter Maffay im Sommer 2021.

Peter Maffay im Sommer 2021. © Hendrik Schmidt, dpa

Herr Maffay, wird Angela Merkel Ihnen fehlen?
Peter Maffay: Ja, das wird sie definitiv. Eine Bundeskanzlerin Angela Merkel wird nicht ohne Weiteres ersetzbar sein. Sehr vieles, was sie gemacht und entschieden hat, war richtig und gut. Immer die richtigen Entscheidungen zu treffen, ist in der Politik genauso unmöglich wie im Leben. Es gibt auch Etliches, was man kritisch betrachten muss. Aber grundsätzlich war Angela Merkel über viele Jahre eine ausgleichende Persönlichkeit und eine gute Bundeskanzlerin.

Und jetzt? Wer soll Merkel nachfolgen?
Maffay: Ich wünsche mir als Bundeskanzlerin oder als Bundeskanzler jemanden, der oder die soviel Autorität, so viel Gewicht mitbringt in dieses Amt, wie wir brauchen, um unsere Gesellschaft auf Kurs zu halten. Im Augenblick habe ich Schwierigkeiten, mir von den drei zur Auswahl stehenden Personen jemanden vorzustellen, der oder die das kann. Wir bräuchten eine Persönlichkeit, die auch diejenigen Menschen bindet, die ein anderes Parteibuch haben. Jemanden, der in der Lage ist, die Nation zu einen und zu führen. Ich wünsche mir eine Person an der Spitze, die sagt „Ich vertrete alle Deutschen“. Von so einem Kaliber gibt es in Deutschland nicht sehr viele.

Peter Maffay & Band live, hier beim Open Air 2021 in der Jungen Garde in Dresden.

Peter Maffay & Band live, hier beim Open Air 2021 in der Jungen Garde in Dresden. © imago images/Future Image

Da Sie Armin Laschet freundschaftlich verbunden sind, sind Sie in der Frage, wer es denn werden soll, wahrscheinlich etwas befangen, oder?
Armin ist jemand, der es versteht, verschiedenste Positionen an einem Tisch zu vereinen und die Lösung im Kompromiss zu suchen. Ich halte ihn für einen sehr bodenständigen, verantwortungsvollen Menschen. Ich glaube aber, dass man ziemlich viel Kraft mitbringen muss, um die Erosionen in unserer Gesellschaft zu stoppen. Wenn er Bundeskanzler würde, wäre es wichtig, dass man die Eigenschaft des Kämpfers verstärkt an ihm erkennt.

Im Moment ist Olaf Scholz der Favorit. Ihrer auch?
Maffay: Olaf Scholz ist nach meiner Wahrnehmung ein überlegter und erfahrener Mensch. Ich schätze ihn als Person sehr. Er hat nur das Manko, das Armin übrigens auch hat, dass seine Partei enorm an Substanz verloren hat. Weder die SPD noch die CDU ist heute die Volkspartei, die sie einmal war. Deshalb bin ich skeptisch.

Peter Maffay 2020 auf der Waldbühne Berlin.

Peter Maffay 2020 auf der Waldbühne Berlin. © imago images/Eibner

Bleiben die Grünen, bleibt Annalena Baerbock.
Maffay: Die Grünen sind für mich eine denkbar Alternative, wenn sie bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und wenn in der Partei Einigkeit herrscht. Im Moment sieht es ja so aus, als wären diese Bedingungen erfüllt. Und bevor Sie fragen: Markus Söder sehe ich überhaupt nicht als Alternative.

Ihr neues Lied „Odyssee“ haben Sie dem ertrunkenen Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi gewidmet, dessen Foto vor einigen Jahren um die Welt ging. Jetzt gerade geht Afghanistan unter. Was empfinden Sie, wenn Sie die Nachrichten sehen?
Maffay: Ich bin ein paar Mal in Afghanistan gewesen, Ende der Siebziger schon war ich etwa in Peschawar, später haben wir in Kabul ein humanitäres Projekt ins Leben gerufen. Ich bin schockiert über das Ausmaß des Rückfalls. Ich dachte, dass das Land nach den Auseinandersetzungen mit Russland und den USA zu einem gewissen inneren Frieden finden würde und dass der Einfluss von außen die Gesellschaft stärkt. Was wir jetzt erleben, ist das Gegenteil. Man könnte die Situation auch umschreiben mit „Alles für die Katz“. Das ist ungeheuer frustrierend.

Peter Maffay 2021 in Dresden.

Peter Maffay 2021 in Dresden. © Robert Michael/dpa

Kann man da noch irgendwas machen?
Maffay: Ich habe auch keine Antwort. Außer vielleicht, dass man einsehen muss, dass alle Absichten, dieses Land in eine bestimmte Richtung zu begleiten oder auch zu drängen, zu nichts führen. Man kann die eigenen Systeme nicht einfach jemand anderem überstülpen und denken, das wird schon passen. Wir wissen zu wenig über Tradition und Kultur in diesem Land. Im Augenblick sieht es so aus, als würde Afghanistan versinken. Fragt sich nur, wie tief. Dass der Westen das Land praktisch aufgibt, mag folgerichtig sein, und ist dennoch ein trauriges Kapitel. Ich habe relativ viele afghanische Freunde, oft mit Familienangehörigen im Land. Denen blutet das Herz angesichts dieser Katastrophe.

Sie selbst haben ab Ende August nach langer Durststrecke endlich mal wieder einige Konzerte in Deutschland und der Schweiz gespielt. Wie war es?
Maffay: Wunderschön. Doch jetzt müssen wir uns endlich auf verbindliche und längerfristige Konzepte einigen.

Peter Maffay 2020 auf der Waldbühne Berlin.

Peter Maffay 2020 auf der Waldbühne Berlin. © imago images/Future Image

Also auf Konzerte nur für Geimpfte und Genesene?
Maffay: Anders wird es nicht gehen. Das muss das Modell sein für die nahe Zukunft. Im Sport funktioniert das ja auch. Der sechstgrößte Wirtschaftszweig in Deutschland leidet immens. Viele von uns stehen längst mit dem Rücken zur Wand, einige sind bereits durchs Raster gefallen. Die Situation ist brutal. Es wäre fantastisch und extrem wichtig, wenn wir wieder in eine gewisse Normalität zurückfinden könnten.

Ihnen selbst ist das bereits mit deinem neuen Album gelungen. Ohne Corona gäbe es jetzt kein „So Weit“.
Maffay: Das ist richtig. Wir konnten nicht live spielen, und ich hatte die Wahl, entweder weiterzumachen oder alles runterzufahren. Ich habe die Verantwortung für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, also entschied ich mich, den Laden quasi offenzulassen. Und machte aus einer schwierigen Situation etwas, wie ich finde, Besonderes. Ohne die Pandemie wäre ein solches, harmonisch-ausgeglichenes statt kantiges, Album nie entstanden.

Peter Maffay 2020 auf der Waldbühne Berlin.

Peter Maffay 2020 auf der Waldbühne Berlin. © imago images/Andreas Weihs

„So weit“ ist ein sehr ruhiges, persönliches und total intimes Album. Wie ist es entstanden?
Maffay: Ich hatte noch viele, teilweise fünf, sechs Jahre alte, Demoskizzen von Songs, die ich noch nicht aufgenommen hatte. Ich entschied mich, möglichst eng an den reduzierten Ursprungsversionen zu bleiben. Das Album sollte mein Fingerabdruck eines ganz bestimmten Zeitabschnitts sein.

Die Lieder drehen sich zum Großteil um den Kreislauf des Lebens. Denkt man mit 72 mehr über seine bisherige Zeit auf Erden nach als etwa mit 32?
Maffay: Ja, natürlich. Der Radius hat sich durch Corona stark verkleinert, ich bin sehr viel mit meiner Familie zusammen gewesen, und das hat dazu geführt, dass ich dieses Leben auch in meinen Texten wiederfinden wollte. Ich hatte Zeit, über ein paar Dinge nachzudenken und die philosophischen Quintessenzen meiner Überlegungen in die Lieder einfließen zu lassen.

Man kommt Ihnen auf dieser Platte so nah wie nie. Auch Ihre Stimme sticht stärker heraus.
Maffay: Ich freue mich, wenn Sie sagen, das Album klingt anders als sonst. Ich wollte mir selbst so nah wie möglich kommen. Ich mag besonders die Unvollkommenheit der Aufnahmen, etwa, wenn ich selbst Piano spiele auf „Wann immer“. JB hätte das sicher besser gekonnt, aber er meinte „Das wirst du spielen“. Also habe ich mir die Finger beim Üben wundgespielt und zunehmend Spaß daran gefunden.

Das wunderhübsche „Wann immer“ ist eine Liebeserklärung an Ihre Tochter Anouk, die im November drei Jahre alt wird.
Maffay: Genau. Zur Taufe von Anouk jetzt Anfang August in einer kleinen Kirche in Dietlhofen hat meine Partnerin Hendrikje mich gebeten, „Wann immer“ zu spielen. Also habe ich mich gequetscht und dieses Lied so eindringlich wie möglich für unsere Kleine gesungen. Das war ein sehr intensiver, sehr schöner Moment.

Vom anderen Ende des Lebenskreislaufs erzählen Sie in „Wenn wir uns wiedersehn“, dem berührenden Lied für Ihren Vater Wilhelm, der im Mai im Alter von fast 95 Jahren gestorben ist.
Maffay: „Wenn wir uns wiedersehn“ ist für mich vor allem ein tröstliches Lied voller Dankbarkeit und Liebe. Wir wussten, was auf uns zu kommt, sein Tod zeichnete sich lange ab, und ich hatte Zeit, über die Worte nachzudenken, die ich ihm sagen wollte.

Ihre Tochter ist knapp 3, Ihr Vater war 94, Sie selbst sind mit Ihren 72 Jahren irgendwo dazwischen.
Maffay: Vor kurzem erst war ich auf der Beerdigung eines Freundes, Balou Temme. Er war jünger als ich. Sein plötzlicher Tod machte mir einmal mehr klar, wie wenig wir diese Dinge bestimmen können. Wenn ich mir vor Augen führe, was einem im Alter von 72 alles widerfahren kann, dann ist es evident, dass ich mich wohl im letzten Fünftel meines Lebens befinde. Es macht Sinn, mich mit diesen Fragen rund um den „Circle of Life“ zu beschäftigen. Ich habe auch keine Berührungsängste mit dem Thema Vergänglichkeit. Man muss vorbereitet sein. Und auf diesem Album mache ich genau das – ich bereite mich vor.

Peter Maffay 2020 auf der Waldbühne Berlin.

Peter Maffay 2020 auf der Waldbühne Berlin. © imago images/Future Image

Was soll von Ihnen überdauern? Was sollen die Menschen in 50 Jahren mit Ihnen verbinden?
Maffay (lacht): Mir ist nicht wichtig, ob die Leute in 50 Jahren überhaupt irgendetwas mit mir verbinden. Wenn sie es tun, würde es mich aber auch nicht stören. Wichtig ist mir, Rückschau zu halten auf die abgelaufene Zeit. Ich kann sagen: Ich bin reich beschenkt worden. Ich hatte das große Glück, ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben zu führen, in dem vieles funktioniert hat.

Im Titelsong „So weit“ geht es allerdings auch um die Täler auf Ihrem Lebensweg.
Maffay: Das ist richtig, ich habe Brüche erlebt. Ich bin ein paar Mal ordentlich gegen die Wand gebrettert, doch das habe ich überstanden und konnte mir meine positive Lebenshaltung bewahren. Der liebe Gott hat mir eine ziemlich stabile gesundheitliche Verfassung geschenkt. Ich erlebe gerade einen kleinen Menschen, so wie ich es noch nie erlebt habe. Ich habe einen Sohn, Yaris, der jetzt 18 ist, überwiegend bei uns lebt, auch Musiker werden möchte, und den ich über alles liebe. Ich bin zusammen mit einer schönen, jungen, intelligenten Frau. Also, was soll ich sagen, das Leben hat es gut mit mir gemeint (lacht).

Peter Maffay 2021 in Dresden.

Peter Maffay 2021 in Dresden. © imago images/Andreas Weihs

„Wir zwei“ ist das romantische Liebeslied für Sie und Ihre Partnerin. Sie sagen, Sie stehen auf ihre „gnadenlose Ehrlichkeit“.
Maffay: Ja, so ist es. Hendrikje ist viel jünger als ich, und sie hat sich eingelassen mit so einem komplizierten Menschen. Das ist schon eine Entscheidung – und umgekehrt natürlich auch. Wir sind uns ja einfach über den Weg gelaufen – und dann hat es gleich richtig geknallt. Daraus haben wir dann ziemlich umgehend weitere Entscheidungen folgen lassen. Ich kann mich noch gut erinnern, welchen Aufschrei unsere Beziehung bei irgendwelchen Kleingeistern verursacht hat. Uns war klar, dass wir mit unserer Liebe ein gewisses Echo erzeugen, und das war okay für uns. Und jetzt bereite ich mich auf den Abiturball meiner Tochter vor (lacht).

Hendrikje und Sie haben auch ein Buch geschrieben: „Anouk, die nachts auf Reisen geht“. Weiß Ihre Tochter darüber Bescheid?
Maffay: Natürlich. Wir haben ihr das Buch gezeigt. Mit ihren fast drei Jahren reflektiert sie die Dinge auf eine Art und Weise, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Wir unterhalten uns mit ihr inzwischen fast wie mit einer Erwachsenen. Anouk weiß natürlich, dass die Illustrationen autobiographisch sind.

Peter Maffay 2021 in Dresden.

Peter Maffay 2021 in Dresden. © imago images/Andreas Weihs

Putzt sich das Mädchen immer noch so ungern die Zähne?
Maffay: Am Anfang war es tatsächlich schwierig, sie dazu zu überreden, aber mittlerweile funktioniert auch das.

Soll aus dem „Anouk“-Buch eine Reihe werden?
Maffay: Das wissen wir noch nicht. Jetzt konzentrieren wir uns auf das erste und hoffen, dass es seinen Weg macht. Es kann aber durchaus passieren, dass es danach weitergeht.

Kann es auch sein, dass die Familie als solche noch wächst?
Maffay (lacht): Das glaube ich weniger. Wir haben Yaris, wir haben Anouk, wir haben uns. Wir sind eine kleine Familie. Wir fühlen uns komplett.

Info:

Album „So Weit“ ab 17. September

Peter Maffay tritt am 14. März 2022 in der Nürnberger Arena auf

4 Kommentare