Provokante Puppenstube

14.9.2010, 18:51 Uhr
Wer ist sie, und wenn ja, wie viele? Mathilde ter Heijne (rechts) neben den Doppelgängerinnen-Skulpturen.

Wer ist sie, und wenn ja, wie viele? Mathilde ter Heijne (rechts) neben den Doppelgängerinnen-Skulpturen. © Hagen Gerullis

Was den Hintergrund dieser Porträtfotos aus dem frühen 20. Jahrhundert betrifft, ist es der niederländischen Künstlerin Mathilde ter Heijne dagegen ernst. Denn über die Lebensumstände der Abgebildeten, deren Fotografien sie auf Flohmärkten, in Antiquariaten und im Internet aufstöberte, ist nichts bekannt.

Was nicht von ungefähr kommt, wie die Künstlerin findet: Offenbare doch die offizielle "Kunst-Geschichte die weitgehende Abwesenheit von Frauen". Weil ter Heijne nun aber a) selber weiblich, b) Künstlerin und c) also solche nicht auf den Kopf gefallen ist, schlägt sie in der Kunsthalle gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe. Was damit anfängt, dass sie im Foyer mit ihrem (ernsthaft gemeinten) Tausch-Shop "Give And Take" mal eben kapitalistische Grundsätze aushebelt. Denn egal ob "Rabenmutter"-Shirt, Postkartenfrau "to go", Amulett, Button oder Seidentuch - die Mitnahme ist gratis. So lange man sich an die einzige Spielregel hält, nämlich kurz auf einer Postkarte zu vermerken, was man als Gegenwert zu schenken gedenkt.

Ja, und dann verhilft die "Unknown Women"-Serie den Tracht tragenden anonymen Holländerinnen - die hier freilich als Opfer einer männlich dominierten Geschichtsschreibung herhalten müssen - posthum doch noch zu einem Reststück Aufmerksamkeit. Und zwar "any day now" bis 14. November, denn mit diesem englischen Titel hat das 1969 geborene künstlerische Multitalent ter Heijne seine vielseitige Ausstellung versehen. Installationen, Skulpturen, Fotografien und Performances gibt es zu entdecken. Und natürlich auch ihren Trick mit den Puppen.

Der sieht so aus: Um der "weitgehenden Abwesenheit der Frauen" in der Kunst-Geschichte entgegenzutreten, hat die Künstlerin sieben menschengroße Soundskulpturen entwickelt. Weil sie Abgüsse ihres eigenen Gesichts und ihrer Hände verwendete, ähneln ihr die Frauenkörper stark. Doch die Doppelgängerinnen tragen fiktive Identitäten. Nicht nur ihre Kleidung, auch ihr Sprechtext vom Band ist literarischen Werken entlehnt. Mit Popstar "Madonna" aus Wei Huis chinesischem Roman "Schanghai Baby" sei dabei nur eine der Damen erwähnt, die ter Heijne der Kunstgeschichte nachträglich unterjubelt. Friedlich murmelnd, fast sanft.

Womit wir bei der "Mosuo"-Minderheit wären. Dieses real existierende Matriarchat im Südosten Chinas lebt angeblich ohne Gewalt. Um das hervorzukehren, hat ter Heijne das begehbare Plastikmodell einer "Mosuo"- Blockhütte riesengroß in die Kunsthalle gestellt. Dazu läuft ein Film, der unter anderem von der "Mosuo"-Sexualtradition der "Besucherehe" berichtet. Das ist stammesüblicher, regelmäßig praktizierter "One-Night-Stand". Ein vor die Hütte gehängter Hut bedeutet "besetzt", beziehungsweise "Besuch". Der Ausstellungs-Dramaturgie bekommt es, dass neben alternativen Traditionen viel Magie, Hexenkult und Voodoo in die Schau einfließen, die Harriet Zilch kuratiert. Eine altarhafte Präsentation von "Double-Action"-Kerzen zählt zu diesem Zauber. Wie der Name schon sagt, heizen diese Voodoo-Brennstäbe doppelt. Innen ist das Wachs blutrot, außen rabenschwarz. In den Mantel können Stichwörter für Missstände eingraviert werden, in den Kern fromme Wünsche. Während das schwarze Wachs schmilzt - und "die Missstände dahin zurückschickt, wo sie herkommen" - blutet die Hoffnung rot aus dem Dunkel.

Neben derart esoterischen Gratwanderungen packt ter Heijne dramatischere Inszenierungen an. Etwa mit einer Videoinstallation, für die Uwe Johnsons Roman "Jahrestage" Pate stand. Nur in Sequenzen sichtbar verbrennt sich eine Frau, weil sie hofft, eine "Kollektivschuld" am Krieg abzugelten. Harter Tobak. Allerdings auch im Papp-Karton-Format. Durch Bullaugen schaut man auf Pressefotos, die schockieren. Katastrophenszenarien in handelsüblichen Kisten. So naht der letzte Raum. Und die letzte Doppelgängerin, die gottseidank mit dem Wesen der Welt wieder versöhnt. Denn: Bis auf ihren Netzbody ist die Bronzefigur nackt. Männerfantasie? Woher! Archäologische Funde verrieten, dass Netzgitter früher Fruchtbarkeit verhießen, zudem Regeneration. Sollte am Ende doch noch alles gut werden? Die Kunst lässt hoffen. Und die Hoffnung stirbt zuletzt.


Bis 14. November, Lorenzer Str. 32; Di./Do.-So. 10-18 Uhr, Mi. bis 20 Uhr. Vernissage mit Performance Mittwoch, 15. September, 19 Uhr. Katalog 15 Euro.