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Sarah Kuttner bringt neues Buch nach Nürnberg

Moderatorin kommt mit ihrem Roman "Kurt" in den Z-Bau - 13.03.2019 17:00 Uhr

Bekannt wurde sie beim Fernsehsender Viva: Sarah Kuttner. © Foto: Erik Weiss


Der Debütroman von Sarah Kuttner im Jahr 2009 hieß "Mängelexemplar". Dass er von der Kritik auch wie ein solches behandelt wurde, hinderte ihn nicht daran, ein gigantischer Erfolg zu werden, Verfilmung inklusive. Irgendwie hatte die schnoddrige Autorin den Finger dort drauf, wo es wehtut. Da war es dann eher zweitrangig, wie gelungen ihre Formulierungen daherkamen. Die Zeitgeistritter freuten sich, weil mal jemand fluffig von ihnen schwadronierte, als würden die Kerngedanken der Lifestyle-Magazine zusammengefasst und in einer Geschichte gebändigt.

Es ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass alles beim neuen, nunmehr vierten Roman ähnlich laufen wird. Das unbedingte Kunstwollen überlässt Sarah Kuttner wieder den anderen, und die gängigen Themen sind erneut da. Sie widerspiegeln "Die anstrengende Daueranwesenheit der Gegenwart", wie zwei Jahre vorm Romandebüt der zweite Kolumnenband der Autorin hieß. Gentrifizierung und die Flucht davor aufs Land, Gender und seine Folgen fürs Stadtbild, Patchworkfamilien und wie in ihnen die Unübersichtlichkeit wächst, Depressionen und das Alleinsein mit ihnen, Kinder in Berlin und was sie aus ihren Eltern machen, Berliner irgendwo in der Mark Brandenburg und wie sie auf die Eingeborenen wirken, feste Freie in ihren Berufen und wie sie das dann auch in der Partnerschaft werden. Die ganze Palette eben.

Das Buch heißt "Kurt" und ist gegliedert in drei Abschnitte, die jeweils auch mit "Kurt" überschrieben sind. Es gibt ihn für Lena, die Ich-Erzählerin, als Senior- und Juniorvariante. In den Vater hat sie sich verliebt, den Sohn nimmt sie deswegen zunächst in Kauf, um ihm dann immer näher zu kommen.

Die Ereignisse hatten sich ein wenig überschlagen, denn erst eine Handvoll mal hatte sie mit dem Vater geschlafen, als ihr der sich nicht stubenrein benehmende Kleine in den Räumen der Ex vorgestellt wurde. Jana, die finanziell gut dastehende Mutter, war dann aufs Land gezogen. Damit die Pendel der Pendelerziehung nicht noch weiter auseinanderschwingen konnten, verließ auch Vater Kurt Berlin. Bei ihm jedoch reichte es nur für ein Haus mit 80er-Jahre-Charme aus der Zwangsversteigerung. Viel ist hier zu tun für Lena, nicht nur in der Küche, aus der sie ihre Psychologie bezieht.

Sie mag an Kurt, der als Werbetexter arbeitet, dass er das ganze Kulturzeugs locker abrufen kann, aber dennoch auch zupackt, nicht nur im Bett, und sogar tanzen kann. Da nimmt sie die regelmäßige Schnapsfahne und die Selbstgedrehten in Kauf und die Tatsache, dass er gern und überall einschläft. Es ist eben alles ein bisschen viel.

Vom Start weg fremdelt man mit diesem Buch, weil man schwer hinein findet in seine hölzernen Sätze. Manche versteht man auch nach dem fünften Lesen nicht. Viel zu viele wirken wie am Lektor vorbeigeschmuggelt, falls es überhaupt einen gab. Tränen heißen "das ablaufende Wasser seiner Augen", Kurt, der Ältere, "macht einen kurzen Pimmelpropeller, den ich sehr zu schätzen weiß", ihre Blicke haften "dort, wo der fehlende Knopf seiner Unterhose den Stoff auseinanderzieht", überhaupt tut sie manches "um etwas mehr Drama zu generieren". Im Urlaub endlich ist die kleine Straße "breit genug, als dass wir nebeneinander fahren können." Ziel soll "der Lehnitzsee sein, auch weil der aufgrund seiner Buckeligkeit fast immer lehr ist". Und immer so fort.

Viele Stilunfälle, rührendes Finale

Es gibt so viele Stilunfälle in diesem Buch, dass seine ab Teil zwei einsetzende Tragik schwer plausibel wird. Ohne dass jemandem die Schuld gegeben werden könnte, verunglückt der kleine Kurt tödlich. Das verändert alles und überfordert fortan alle Beteiligten. Ein Kurt ist tot und der andere kommt Lena abhanden. In seiner Gegenwart wird nicht mehr gelacht. Mit seiner Ex entdeckt er plötzlich wieder gemeinsame Geschichten und bleibt lange weg. Ein Familiengrillabend mit Tetra-Pak-Sangria und Wildschweinwurst wirkt nicht unbedingt deeskalierend. Überhaupt nimmt der Alkoholkonsum zu auf beiden Seiten, und Lena wird zu einer eingeschüchterten Version ihrer selbst, bis eine gemeinsame Ostseereise vorbereitet, dass es im Finale dann doch vor allem rührende Sätze gibt. Und die glaubt man Sarah Kuttner dann letztlich doch. Immerhin.

Sarah Kuttner: Kurt. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt. 240 Seiten, 20 Euro. 

ULRICH STEINMETZGER

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