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Schluss mit 76: Jetzt will eine Nürnbergerin jungen Künstlern helfen

Marion Pichardt schließt ihr Atelier und plant eine Benefizaktion - 10.04.2021 18:14 Uhr

Schafft Kunst aus Erde, aus Ton: Marion Pichardt.

09.04.2021 © Christian Mückl


Ungewollt erst auf die eine, dann auf die andere Art. Wir dürfen uns eine Gala-Einladung auf dem Land vorstellen. Die Tafel ist noch nicht eröffnet. Marion Pichardt und ihr Mann Edgar werden Zeugen eines unfreiwilligen Luxusdiebstahls. Da greift eine Hand zu und der Hummer wandert doch tatsächlich vom angerichteten Tisch in eine Damenhandtasche.


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"Das Büffet ist eröffnet" hat Marion Pichardt ihr Keramikbild betitelt, das eben jene Hand auf dem Weg zum tierischen Taschenversteck zeigt. Die Künstlerin aus Nürnberg-Thon ging dann übrigens mit ihrem Mann, mit dem sie seit 40 Jahren verheiratet ist, lieber woanders essen. Aber hinter den meisten ihrer Tonarbeiten stecken solche Storys.

Werkstatt und Büro

Das vermeintliche Kulinarabenteuer zog überdies Gutes nach sich. Pichardts Werk über den Hummerklau trug ihr unter anderem den zweiten Platz beim Kunstpreis "Kunst und Genuss" in Forchheim ein. Jetzt schließt die 76-Jährige – aus Altersgründen – ihr Atelier. Wobei: Was heißt hier Atelier? Es ist eine Drei-Zimmer-Eigentumswohnung in der Düsseldorfer Straße im städtischen Nordwesten.

Das Haus hat fünf Stockwerke, im ersten davon wohnen die Pichardts. Als Keramikwerkstatt teilte Marion Pichardt sich den Büroraum mit ihrem Mann, der Brennofen fand auf der Loggia Platz und als Depot für Gelungenes fungierte der Keller. Ja, Gelungenes! Denn als Künstlerin verwarf sie Arbeiten aus Ton, wenn sie den Ton nicht trafen, lieber und fing nochmal von vorne an.

Niveau ist ihr wichtig. Das sieht man Pichardts Wandarbeiten an – einer Künstlerin, die als Spätberufene, als Quereinsteigerin ins Kreative durchaus unter dem Stigma litt, eben nicht an der Kunstakademie studiert zu haben. "Manchmal fühlt man sich dann schon wie das fünfte Rad". Dabei ist sie Mitglied in der Gruppe "Plus" des Erlanger Kunstvereins, war bei der Künstlerinnengruppe GEDOK dabei, bekleidete Ausstellungen in Nürnberger Galerien wie Röver, Atzenhofer, Pia Ruber sowie in ganz Nordbayern.

Ein verwesender Strandvogel mit dem Körper voller Plastikfraß: Ein Foto aus dem Magazin "Stern" inspirierte Marion Pichardt zu dieser Keramik.

09.04.2021 © Christian Mückl


Bereits ihre erste Schau in der Galerie Kunst am Meer auf der Nordseeinsel Föhr war ein Erfolg: Mehr als 50 von 100 Werken, die meist Arbeiten nach der Natur sind und Strandfunde, die Tierwelt oder filigrane Mikroorganismen zum Motiv haben, waren nach wenigen Tagen verkauft.

"Wie viele Geschichten kennen Sie, die mit eigentlich beginnen", fragt die gebürtige Berlinerin, Jahrgang 1945. "Hier ist nochmal eine! Eigentlich wollte ich ja Kunst studieren."

Tatsächlich aber war ein Leben erst als Kinderkrankenschwester, dann als Außendienstmitarbeiterin in der Pharmabranche ihr Weg. Um schließlich im Stressjob, nach Ausgleich suchend, festzustellen: "Bei Yoga und Entspannung schlief ich meistens ein. Erst bei einem Kurs, der meine Kreativität durch gestalterisches Formen mit Ton forderte, fand so eine Art Wiedererweckung statt."

Seminare und Wokshops

Seit 2001 gibt in ihrem Leben der Ton den Ton an. Und zwar in Thon. Pichardt bildete sich in zahlreichen Seminaren und Workshops weiter. Sie mag das Haptische. Ihre besondere Liebe gehört dem Meer. Mediterran bis irisch muten ihre organisch inspirierten Arbeiten an.

Eine Walfluke im roten Rund der Nationalflagge thematisiert die japanische Walfangpraxis.

09.04.2021 © Christian Mückl


Auch politische Reflexion ist ihr wichtig, wenn sie in einer Keramik die japanische Walfangpraxis thematisiert und eine Walfluke im roten Rund der Nationalflagge verschwinden lässt wie in einem gierigen Schlund.

Dennoch: "Für mich soll Kunst in erster Linie Freude bereiten", sagt sie. Von den hunderten Werken, die in all den Jahren entstanden, befinden sich jetzt noch 45 in der Wohnung der Pichardts.

Den Verkaufserlös möchten Marion Pichardt und ihr Mann Kolleginnen und Kollegen zukommen lassen, die derzeit besonders unter der Pandemie-Situation leiden.

Eine Künstlerin, die unserer Redaktion bekannt ist, hat sich bereit erklärt, Kontakte zu Betroffenen herzustellen und ihnen das Geld zukommen zu lassen.

Die käuflichen Kunst-Objekte der Benefiz-Aktion können nach vorheriger Terminveinbarung besichtigt werden. Informationen unter www.pich-art-keramik.de, Kontakt bitte unter epichardt@gmail.com

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