Geschichten vor historischer Kulisse

Schwurgerichtssaal 600: Diese Filme wurden dort bereits gedreht

23.8.2021, 05:38 Uhr
Das Drama „Leo und Claire“ wurde zum Teil in Nürnberg gedreht. Hier eine Szene mit Michael Degen und Franziska Petri.

Das Drama „Leo und Claire“ wurde zum Teil in Nürnberg gedreht. Hier eine Szene mit Michael Degen und Franziska Petri. © Foto: Odeonfilm

Am 30. September ist es 75 Jahre her, dass im Nürnberger Justizpalast die ersten Urteile gegen führende Kriegsverbrecher des Nationalsozialismus verkündet wurden. Der gewichtige Jahrestag drängt auch Theatermacher zu einem künstlerischen Blick auf das Thema. Im Schwurgerichtssaal 600, wo die Prozesse stattfanden, hat am 25. September ein dokumentarisches Stück des Nürnberger Staatstheaters Premiere. Die beiden Regisseure Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger wollen sich wie berichtet weit abseits bloßer Nachempfindung mit den Prozessen und ihren Nachwirkungen auseinandersetzen.

Es ist nicht das erste Mal, dass der historische Ort, der heute als Teil des Memoriums Nürnberger Prozesse zu den Museen der Stadt Nürnberg gehört, zur Kulisse für eine künstlerische Aufarbeitung der Ereignisse wird. Dietmar Schönherr, Michael Degen und Suzanne von Borsody etwa standen dort schon im November 2000 vor der Kamera. Gedreht wurde damals Joseph Vilsmaiers Drama "Leo und Claire".

Eine wahre Geschichte

Nach dem Buch "Der Jude und das Mädchen" von Christiane Kohl erzählt der Film von der wahren Geschichte des jüdischen Schuhgroßhändlers Leo Katzenberger. Dem erfolgreichen Nürnberger wurde die freundschaftliche Beziehung zu der jungen Fotografin Irene Seiler zum Verhängnis, nachdem Nachbarn die beiden als Liebespaar denunziert hatten. Katzenberger musste sich wegen "Rassenschande" vor Gericht verantworten. Der Mann, der in der Praterstraße wohnte, wurde durch ein Unrechtsurteil zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Die entscheidenden Phasen des Prozesses filmte Vilsmaier im Saal 600 mit gleich mehreren Kameras. "Das Medienheer, das für diesen Tag zu den Dreharbeiten zugelassen war, musste den Saal mehrmals räumen", wenn sich der Regisseur von Zuschauern gestört fühlte, hieß es in der Berichterstattung der Nürnberger Nachrichten.

Nur auf dem Flur

Den laufenden Gerichtsbetrieb haben die Filmaufnahmen zu "Leo und Claire" jedenfalls ziemlich durcheinandergewirbelt. Das hatte Konsequenzen: Heinrich Breloer, der vier Jahre später für sein Doku-Drama "Speer und Er" über das Leben von Hitlers Architekten und Rüstungsminister in der Stadt arbeitete, durfte den Schwurgerichtssaal schon nicht mehr für Dreharbeiten nutzen. Nur im hallenden Flur davor konnte er filmen. Der geschichtsträchtige Schauplatz musste in den Münchner Bavaria-Studios nachgebaut werden.

Erst seit März 2020 wird der Saal nicht mehr für Verhandlungen genutzt. Seither fungiert er nach seiner über einhundertjährigen Geschichte einzig als Erinnerungsort.

Für US-Klassiker nachgebaut

Für einen noch heute aufwühlenden Film-Klassiker war der seit der Nachkriegszeit berühmt-berüchtigte Raum vorher schon einmal nachgebaut worden. Dem US-Regisseur Stanley Kramer diente vor ziemlich genau 60 Jahren zwar die Stadt als authentische Kulisse für sein mit Spencer Tracy, Burt Lancaster, Maximilian Schell und Marlene Dietrich hochkarätig besetztes Drama "Das Urteil von Nürnberg".

Der Hauptschauplatz des Gerichtsfilms, der sich nach einem Drehbuch von Abby Mann am Juristenprozess von 1947 orientierte und unter anderem ebenfalls den Fall Katzenberger behandelt, entstand aber in Hollywood.

Hell erleuchtet für die Kameras

Doch bereits während des realen Hauptkriegsverbrecherprozesses in den Jahren 1945/46 glich der Saal einem gut ausgeleuchteten Filmstudio. Als zuständige Besatzungsmacht hatten die US-Amerikaner großes Interesse daran, dass weltweit über die vor einem internationalen Militärgerichtshof stattfindenden Verhandlungen berichtet wurde.

Dafür schufen sie mit viel Aufwand optimale Bedingungen. Sie bauten den Saal um, vergrößerten den Zuschauerraum, montierten 22 gleißend helle Scheinwerfer an die Decke, weshalb einige Angeklagte auf Foto- und Filmdokumenten mit Sonnenbrille zu sehen sind, und schufen Kameraplätze.

"Das Zeugenhaus"

Erst nachdem der Schwurgerichtssaal 1961 offiziell an die Bayerischen Justizbehörden zurückging, wurden die Umbauten der Amerikaner rückgängig gemacht und der Saal neu möbliert.

Mit den Prozessen befassten sich darüber hinaus noch etliche weitere Filme: Etwa das Drama "Das Zeugenhaus" mit Iris Berben. Es verhandelt das (tatsächliche) heikle Zusammenleben von Zeugen aus dem Täter- und Opferumfeld in einer Villa in Erlenstegen während des Hauptkriegsverbrecherprozesses. Oder das Porträt "A Man Can Make A Difference", das die 2017 verstorbene Nürnberger Filmemacherin Ullabritt Horn über Ben Ferencz, den einstigen Chefankläger eines Nachfolgeprozesses, auch im Saal 600 drehte.

Keine Nazi-Verkleidung

Als nächstes also wird am 25. September das Theater-Projekt "Spurensuche" vor Ort Premiere haben. "Was bedeutet uns heute das Erinnern, was Internationales Völkerrecht?", lauten die Fragen des Stücks. Ein "Reenactment" – also Schauspieler in Nazi-Verkleidung – wird dabei nicht zu sehen sein. Vielmehr wollen die beiden Regisseure, dass die Dokumentation und die Schauspieler als solche immer erkennbar sind.

Infos und Tickets unter www.staatstheater-nuernberg.de

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