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So bewerben sich Deutschlands Städte als "Kulturhauptstadt Europa 2025"

Die Bewerbungsmottos für den Titel sind wenig einfallsreich - 25.08.2019 14:59 Uhr

Alte Industrieregion und Ort zahlreicher Erfindungen, Umstrukturierungen und heftiger Verwerfungen in der jüngeren Geschichte: Die Stadt Chemnitz ist mit ihrer Geschichte nah an der von Nürnberg und wirbt in der Innenstadt mit dem begeh- und bespielbaren Schriftzug „Zuhause“ für das Zusammenleben aller. © Dirk Hanus


"Past Forward" – mit dem englisch klingenden, aber sprachlich nicht wirklich logischen Slogan sieht sich Nürnberg für den Wettkampf um den Titel Kulturhauptstadt 2025 gerüstet. Auch wenn Vergangenheit und Zukunft, Rückblick und Aufbruchstimmung drinsteckt: Viel Begeisterung löste das Motto bei den Nürnbergern und ihren direkten Nachbarn nicht aus. Doch die Mitbewerber sind auch nicht viel kreativer – oder möchten noch nicht zu viel von ihrem Konzept verraten, wie eine Umschau in den sieben anderen Städten zeigt.

Dresden: "Neue Heimat"

Noch 38 Tage sind es bis zur Abgabefrist des "Bid Books". Auf der Bewerbungs-Homepage von Dresden zählt ein Zähler die Tage, Stunden, Minuten und Sekunden bis zum endgültigen Ablauf der Frist mit. Das "Florenz an der Elbe" fordert als Motto schlicht "Neue Heimat". Das könnte bei älteren Wessis durchaus schräge Assoziationen wecken, steht der Name doch noch immer für den bundesdeutschen Wohnbaukonzern, der 1982 nach Aufdeckung von Boss-Bereicherung und Korruption krachend unterging. Dresden aber will seine Bürger diese "Neue Heimat" gestalten lassen und fragt erstmal mit einer Postkartenaktion, was die Bürger sich darunter vorstellen könnten.

Gera: "Wir sind auf dem Weg"

Das thüringische Gera (auch noch Nürnbergs Partnerstadt) stellt schlicht und einfach fest "Wir sind auf dem Weg". Das ist ja schon mal was. Ausformuliert heißt das: "Auf dem Weg zur Kulturhauptstadt Europas – für eine Zeit voller Leidenschaft, Mut, Freude und Stolz. Kulturhauptstadt Europas gera2025. So klingt Zukunft!" Besser hätte es kein PR-Computer hinkriegen können, eigentlich können alle anderen Bewerber da frohgemut abschreiben. Was Gera Nürnberg voraus hat: Es gibt schon ein eigenes Magazin heraus, in dem alle Kulturaktivitäten beschrieben sind.

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Zwölf Gründe, warum Nürnberg Kulturhauptstadt werden sollte

Nürnberg will 2025 europäische Kulturhauptstadt werden. Nachdem der Stadtrat im vergangenen Dezember sein Okay für die Bewerbung gegeben hat, gilt es nun ein 100 Seiten dickes Bewerbungsbuch zu erstellen. Als kleine Hilfe haben wir zwölf Gründe zusammengestellt, warum Nürnberg Kulturhauptstadt werden sollte.


Zittau: "365° Leben!"

Das noch kleinere Zittau im Dreiländereck Oberlausitz hält mit "365° Leben!" dagegen. Ja genau, fünf Grad mehr als ein Kreis hat. Des Rätsels Lösung: "360° europäisches Leben an 365 Tagen im Jahr", "Nachbarschaftlich. Kraftvoll. Attraktiv." Man will einen wirtschaftlich gesunden, kulturvollen "Kreis voller Lebenslust, Ausstrahlung und Anziehungskraft bilden". Auch da würde wohl niemand von den Mitbewerbern widersprechen.

Magdeburg: "Magdeburg 2025 MACHEN!"

Magdeburg hat sich mit Tamás Szalay den Projektleiter der ungarischen Kulturhauptstadt 2010, Pesc, ins Boot geholt. Der sieht die Sache wohl pragmatisch und hat ein Logo entwickeln lassen mit der schlichten Aufschrift: "Magdeburg 2025 MACHEN!" Dafür brauchte es dann wohl keine Werbeagentur ...

Chemnitz: "AUFbrüche. Opening Minds. Creating Spaces."

Die fünfte Stadt im Osten, Chemnitz, beschreibt auf ihrer Bewerbungs- Homepage eine Geschichte, die verdammt nah an der von Nürnberg ist: Alte Industrieregion und Ort zahlreicher Erfindungen, Umstrukturierungen sowie heftige Verwerfungen in der jüngeren Geschichte – samt Umbenennung in Karl-Marx-Stadt und wieder zurück. Deshalb passt das Motto "AUFbrüche. Opening Minds. Creating Spaces." sicher ganz gut – und erinnert sofort an "Stadt der Brüche", was mal in Nürnberg im Gespräch war.

Hildesheim: "Die Route wird neu berechnet"

Hildesheim stimmt erst am 28. August über die Abgabe des Bid Books ab. © Kulturhauptstadtbewerbung Hildesheim


Und dann wären da noch Hannover und Hildesheim. Gerade mal 30 Kilometer auseinanderliegend. Das kleinere Hildesheim arbeitet zwar schon am Bid Book, lässt am 28. August aber erst alle Räte der Stadt, des Kreistages und der umliegenden Kommunen über die Abgabe entscheiden. Es könnte also auch noch abgelehnt werden. Unterdessen ließ man auf die Bewerbungs-Zentrale den etwas rätselhaften Spruch "Hildesheim 2025 – die Route wird neu berechnet" pinseln. Ein Navi für die Fahrt in die Kulturhauptstadt, die dann womöglich woanders liegt...

Hannover: "Hier Jetzt Alle für Europa"

Hannover findet man im Netz als einzige Bewerberstadt nicht unter dem Stadtnamen und dem Zusatz "2025.de", sondern unter "khh25.de". Das Motto: "Hier Jetzt Alle für Europa". Wo und wann denn sonst? Das ist auf den ersten Blick ähnlich aussagekräftig wie "Past Forward". Und lässt sich wunderbar füllen mit Worten über Zusammenhalt, Partizipation und ähnlichem.

Was aus all diesen schönen Worten wird, kann man bislang nur ahnen. Bis zum 30. September müssen die Bewerbungen bei der Jury in Berlin eingehen. Auffällig ähnlich klingen die vorausgehenden Kulturaktionen mit Mitmach-Portalen für alle, offenen Armen für die Subkultur und Hinweisen auf die bewegte Geschichte.

Mal heißt das dann "Open Call" wie in Nürnberg, mal "Mikroprojekte" oder "Langer Tisch". Wer derzeit die besten Karten hat? Darüber kann man nur spekulieren.

 

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